Literaturmuseum der Moderne Als die Buchstaben laufen lernten
Das Marbacher Literaturmuseum der Moderne beleuchtet in einer sehenswerten Ausstellung Szenen der spannungsvollen Beziehung zwischen Literatur und Film.
Das Marbacher Literaturmuseum der Moderne beleuchtet in einer sehenswerten Ausstellung Szenen der spannungsvollen Beziehung zwischen Literatur und Film.
Alfred Hitchcock erzählte gerne den Witz von zwei Ziegen, die sich gerade die Rollen eines Filmes schmecken lassen, der nach einem Bestseller gedreht wurde. Da sagt die eine zur anderen: „Mir war das Buch lieber“. Eine ähnliche Präferenz würde man sich vom Club der toten Dichter erwarten, der auf der Marbacher Schillerhöhe den Ewigkeitsanspruch der Literatur hütet. Aber vermutlich rufen dort solch plumpe Film-Titel-Neckereien nur ein müdes Lächeln hervor. Denn seit einigen Jahren ist man im Deutschen Literaturarchiv und seinem Schaufenster, dem Literaturmuseum der Moderne, sichtlich bemüht, Bewegung in den Laden zu bringen.
In der Reihe „Literatur bewegt“ hat man schon die ernsten Räume für das Kabarett geöffnet und die Zeichen zum Tanzen gebracht. In der neuesten Folge des Ausstellungssequels wird das Schaufenster nun gewissermaßen zur Leinwand, auf der die Buchstaben Laufen lernen. Unter dem schön doppeldeutigen Titel „Abgedreht“ zeigt die Leiterin des Museums, Vera Hildenbrandt, sechs Szenen der spannungsvollen Ehe von Literatur und Film, die nicht nur offenbaren, dass das Deutsche Literaturarchiv auch für die Geschichte des konkurrierenden und korrespondierenden Mediums einiges zu bieten hat, sondern darüber hinaus exemplarische Wegmarken einer hundertjährigen Liaison im Kopf des Betrachters vorbeiflimmern lassen.
Und es beginnt gleich mit Tumult. Bei der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“, die unter dem Titel „Der blaue Engel“ die bestrapste Marlene Dietrich zu ikonischem Weltruhm führte, streiten sich der Regisseur Josef von Sternberg, der am Drehbuch beteiligte Carl Zuckmayer und Heinrich Mann um ihren jeweiligen Anteil. Zu sehen ist ein Ausschnitt, den man im Buch vergeblich sucht, wie Emil Jannings, noch ganz pedantischer Professor, einem schwerzüngigen Schüler den englischen „th“-Laut beizubringen versucht. Nicht nur dieser verschluckt so manches. Auch beim Wechsel vom Buch auf die Leinwand bleibt einiges auf der Strecke, anderes kommt hinzu.
Alle möglichen Konstellationen setzt die Ausstellung ins Licht. Und wie wenig einseitig es dabei zugehen kann, zeigt das Beispiel Erich Kästners, der sich virtuos zwischen Film und Literatur bewegt: Sein Drehbuch von 1937 zum „Doppelten Lottchen“ blieb zunächst unrealisiert, vielleicht weil er sich Shirley Temple in den Hauptrollen wünschte. Erst nach dem Krieg wurde daraus der Roman, der dann schließlich verfilmt wurde – mit dem Autor höchstselbst als Erzähler. Produktiv wurde das Verhältnis zum Film noch in anderer Hinsicht. In einem frühen Brief an die Mutter kündigte er über seine Arbeit für das noch junge Medium an: „Später wenn ich einmal arriviert bin, kostet jedes Husten einen Taler.“ So ähnlich kam es dann auch.
Für viele Exilanten bedeutete Hollywood die Rettung. Ein Ausweis als Motion Picture Employee sichert Alfred Döblin das lebensrettende Visum für die Ausreise nach Amerika. Er wurde einer von fünf deutschen Schriftstellern, die von MGM in Hollywood für ein Jahr befristet als Skriptschreiber angestellt wurden. Und auch wenn er mit dem Job haderte, liefert er immerhin die Vorlage für den 1942 mit dem Drehbuch-Oscar prämierten Film „Mrs. Miniver“.
„Massenelend, Arbeitslose? / Nichts zu fressen? Quatsch mit Sauce. / Geh in Kino, dann vergisst Du’s / Optimismus, Optimismus!“, dichtet der Filmkritiker Hans Sahl.
Mitnichten ist die Literatur immer die Gebende. In den auch heute noch erfrischend kühn wirkenden Bildfolgen von Ottomar Domnicks „Jonas“, die schroff in den 50er-Jahre-Leinwand-Muff hineinragen, kehrt sich das Verhältnis um. Der Voice-over Text von Hans-Magnus Enzensberger geht nicht voraus, sondern ist dem fertig geschnittenen Film abgemessen. Durch die Bresche,die Domnick geschlagen hat, findet der junge Deutsche Film seinen Weg, unter dem Leitspruch „Papas Kino ist tot“.
Und auch das gibt es: Eine Schriftstellerin schreibt den Roman einer anderen in ein Drehbuch um, so Elfriede Jelinek Ingeborg Bachmanns „Malina“ für Werner Schroeters Verfilmung. Thomas Strittmatter wiederum schleuste die Schweigespirale seines Stoff über den Mord an einer polnischen Zwangsarbeiterin durch eine ganze Kaskade von Medienwechseln: „Der Polenweiher“ gewinnt Gestalt als Theaterstück, Hörspiel, Film und gemalte Bilderfolge.
Mit „Babylon Berlin“ schließt sich der Kreis. In einer Szene bekommt man sie endlich zu Gesicht. „Wer ist die Dame“, will Kommissar Gereon Rath wissen, als er in eine Filmvorführung platzt, in der gerade „Der blaue Engel“ gezeigt wird. „Marlene Dietrich, Sie Kretin“, schnauzt ihn der Spielleiter an. Ihr Gesicht wird für immer mit der Romanfigur Heinrich Manns verbunden bleiben. Der Autor Volker Kutscher wiederum lässt sich trotz eines entspannten Verhältnis’ zur filmischen Umsetzung das Bild seines Protagonisten Gereon Rath nicht überschreiben: „Der Film ist eine andere Welt“.
Transmediale kuratorische Spezialeffekte sucht man in „Abgedreht“ vergeblich. Statt auf opulente Literatur-Blockbuster setzt man eher auf eine dem Autorenfilm abgemessene Ästhetik. Ähnlich wie in jenem Witz Alfred Hitchcocks liegt die Präferenz in Marbach eben doch beim Geschriebenen. Stoff genug für kluges konzentriertes Kopfkino ist das allemal.
Ausstellung
„Abgedreht“ ist bis zum 11. März im Litermuseum der Moderne zu sehen. Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Marbacher Magazin.
Eröffnung
Volker Schlöndorff, selbst Regisseur zahlreicher gefeierter Literaturverfilmungen, und der Filmhistoriker Michael Töteberg eröffnen am 25. September um 15 Uhr die Ausstellung im Tagungsbereich des Deutschen Literaturarchivs.