Was am natürlichsten erscheint, erweist sich oft als das Künstlichste: Die neue Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeigt, wie sich Dichter-, Künstler- und Gelehrtenfamilien in Szene setzen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Der Familienname kann eine ziemliche Bürde sein. „Die Nation hat große Anforderungen an Sie. Zählen Sie mich sodann unter diejenigen, die am aufmerksamsten beobachten werden, ob Sie würdig sich bilden, des Vaters Platz einst auszufüllen.“ Diese schwer lastenden Zeilen schrieb der Philosoph Johann Gottlieb Fichte gewissermaßen als absolutes Über-Ich dem jungen August Goethe ins Stammbuch. Von solcher aufmerksamen Beobachtung wohl eher irritiert, flüchtete sich der Dichtersohn später in den Alkoholismus, an dessen Folgen er vierzigjährig in Rom starb.

Dieses Stammbuch, eine Art prominent bestücktes Poesiealbum, ist eine Leihgabe aus Weimar für die neue Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne: Sichtbares Zeichen für den bisher eher wissenschaftlich-abstrakt in Erscheinung tretenden Forschungsverbund, zu dem sich die drei großen Nachlassimperien Wolfenbüttel, Weimar und Marbach zusammengeschlossen haben. Die Schau auf der Schillerhöhe ist Teil einer Ausstellungstrias, die in diesem Jahr mit Luther-Ansichten in Wolfenbüttel begonnen hat und im nächsten Jahr mit einer von Weimar kuratierten Faust-Befragung in der Münchner Hypo-Kunsthalle enden wird. Allen gemein ist das Interesse an bildpolitischen Fragen, was den optischen Reiz von Literaturausstellungen fraglos steigert.

Mit Luther und Goethe ist man bereits mitten in dem genealogischen Geflecht, dessen reale und fantastische Verästelungen der Marbacher Beitrag unter dem lapidaren Titel „Familie. Archiv“ in die Moderne öffnet. Denn so groß der Horror eines berühmten Namens auf den Nachgeborenen bisweilen lastet, so groß ist umgekehrt die Versuchung, sich auf einen edlen Ursprung zurückverfolgen zu wollen. Mörike jedenfalls tüftelte eifrig daran, Luther als den Stammvater seiner Familie nachzuweisen. Und die als Schriftstellerin eher nur noch Marbacher Fachkreisen bekannte Mechthilde Lichnowsky sicherte ihre Berufung in schnell dahingekritzelten Blättern durch die Verwandtschaft mit dem englischen Dichter Geoffrey Chaucer ab.

Familiensilber der Kultur

Einige Lücken in der genealogischen Beweisführung überspringt sie großzügig durch ein eingefügtes „etc.“. Merkwürdige Ahnen finden sich auch im Stammbaum einer gewissen Madame Nitouche von Borutta: einerseits ein Senator of Allington, andererseits jemand mit dem knappen Namen Puck. So bestätigt es jedenfalls das Nürnberger Zuchtbuchamt 1954 – bei der Edlen von Borutta handelt es sich nämlich um Erich Kästners Katze.

Es spricht für diese von der derzeitigen Leiterin des Museums, Ellen Strittmatter, kuratierte Ausstellung, dass man mit solchen kleinen Abseitigkeiten sein Vergnügen haben kann, ohne die große Linie aus den Augen zu verlieren. Denn natürlich zielt, wie der Titel schon andeutet, diese in drei große Kapitel gegliederte Schau aufs Ganze. Oder besser ins Herz des Archivs. Was ist dieses anderes als ein Ort, wo das Familiensilber der Kultur verwahrt wird. Und wenn etwas den Geist bezeichnet, mit dem die besten der Marbacher Unternehmungen das hier gehütete staubanfällige Erbe quicklebendig halten, dann ist es eben die Kunst, Verwandtschaftsverhältnisse herstellen zu können zwischen Ideen, Menschen und Dingen, erhellende Beziehungen zu knüpfen über Analogien und Korrespondenzen.

Als eine Art intellektuelles Amuse Gueule ist dem Parcours ein Spiegel aus dem Hause Humboldt vorangestellt, in dem die beiden berühmten Brüder einst ihrer offenbar verblüffenden Ähnlichkeit gewahr werden konnten. Er steht zugleich für die materielle Basis der Familie, die ihren Wohlstand einer Spiegelmanufaktur verdankte. In solcher Mehrdeutigkeit führt das bereits etwas erblindete Stück den archivalischen Esprit vor Augen, der sich in dieser Ausstellung in seinem Gegenstand selbst verführerisch spiegelt.

Wucherndes Wurzelgeflecht

Das erste Kapitel dieses kuratierten Familienromans ist den ersten und letzten Dingen gewidmet, der Gründung und Weitergabe von Traditionen. Wie ein Kettenhemd künftiger Aufgaben liegt das Taufkleidchen Thomas Manns neben dem erwähnten Goethe-Stammbuch. Wie die Fahrt weitergeht, von einer Generation in die andere, auch über die Familienbande hinaus, bezeugt der Jaguar-Schlüssel, den Max Frisch an den „Homo Faber“-Regisseur Volker Schlöndorff vererbte: „Da wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr.“

Vielleicht erweist sich die Kombinationslust an keiner Stelle so überschießend wie in dem zweiten, familiären Ordnungssystemen gewidmetem Raum: Stammbäume aller Art sprießen aus imaginären und realen Samen, Wurzelgeflechte wuchern in mythischem Boden. Hier kreuzen sich die Lebenslinien der Lokalmatadoren Hölderlin, Schelling, Hauff und Uhland im Schoß der schwäbischen Geistesmutter Regina Bardili. Dort rückt Friedrich Kittler dem Aufschreibesystem seines Computers mit einer Stammtafel seiner Ordner und Unterordner zu Leibe. Dazwischen verkünden die Familien Ensslin und Vesper in einem ambitionierten grafischen Arrangement die Verlobung ihre Kinder Gudrun und Bernward.

Zu sehen sind Familienaufstellungen aller Art: Die Manns, die Döblins, die Chaplins – die ganze kinderreiche Sippe tief versunken in dicke Schmöker über den Herrn Papa. Für die Enzensbergers hat der Fotograf Stéphane Moses eine Langzeitbeobachtung arrangiert, als Bild im Bild schiebt sich die Entwicklung der Familie ineinander. Die Inszenierung von Autorschaft noch vor dem ersten Buchstaben zeigt eine Aufnahme des achtjährigen Erich Kästner, die die Mutter mit den Worten beschriftet: „Willst du eine Rede halten, du kleines fleißiges Kerlchen?“

Kopulation von Fiktion und Wirklichkeit

Das Entrée in den eigentlich literarischen Raum bildet der dritte Teil, wobei sich der Ort auf der Schwelle am fruchtbarsten erweist, der Moment des Übergangs. Hierher gehören die Listen, die aufschlüsseln, wer welche der Honoratiorenfiguren in dem Familienroman par excellence, Thomas Manns „Buddenbrooks“, verkörpert. In Lübeck wurden sie zusammen mit dem Roman ausgeliefert. Zwischen Literatur und Bekenntnis changiert Kafkas Brief an den Vater. Der Produktivität familiären Leidens stehen koproduktive Geschwisterverhältnisse gegenüber, etwa zwischen Bankier und Philosoph im Hause Heidegger.

In allen Facetten werden die finsteren und lichten Winkel der literarische Familienwerkstatt ausgeleuchtet. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Familie ist nichts Gegebenes, sondern etwas Gemachtes. Entscheidender als die Bande des Blutes sind Inszenierungen, Fantasmen, sind die Kopulationen von Fiktion und Wirklichkeit. Das Natürlichste stellt sich als das Künstlichste heraus, das Ursprüngliche als das Abgeleitete. Etwas von dieser poststrukturalistischen Zuversicht hätte man dem armen August Goethe gewünscht. Er hätte die Bürde seines großen Namens wohl leichter getragen.