Literaturmuseum der Moderne Marbach zeigt, wie sich Familien inszenieren

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Was am natürlichsten erscheint, erweist sich oft als das Künstlichste: Die neue Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeigt, wie sich Dichter-, Künstler- und Gelehrtenfamilien in Szene setzen.

Papa, Mama, Kinder: die ganze Familie Chaplin vertieft in Bücher über Charly Chaplin (rechts) Foto: Marbacher Katalog
Papa, Mama, Kinder: die ganze Familie Chaplin vertieft in Bücher über Charly Chaplin (rechts) Foto: Marbacher Katalog

Stuttgart - Der Familienname kann eine ziemliche Bürde sein. „Die Nation hat große Anforderungen an Sie. Zählen Sie mich sodann unter diejenigen, die am aufmerksamsten beobachten werden, ob Sie würdig sich bilden, des Vaters Platz einst auszufüllen.“ Diese schwer lastenden Zeilen schrieb der Philosoph Johann Gottlieb Fichte gewissermaßen als absolutes Über-Ich dem jungen August Goethe ins Stammbuch. Von solcher aufmerksamen Beobachtung wohl eher irritiert, flüchtete sich der Dichtersohn später in den Alko­holismus, an dessen Folgen er vierzigjährig in Rom starb.

Dieses Stammbuch, eine Art prominent bestücktes Poesiealbum, ist eine Leihgabe aus Weimar für die neue Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne: Sichtbares Zeichen für den bisher eher wissenschaftlich-abstrakt in Erscheinung tretenden Forschungsverbund, zu dem sich die drei großen Nachlassimperien Wolfenbüttel, Weimar und Marbach zusammengeschlossen haben. Die Schau auf der Schillerhöhe ist Teil einer Ausstellungstrias, die in diesem Jahr mit Luther-Ansichten in Wolfenbüttel begonnen hat und im näch­sten Jahr mit einer von Weimar kuratierten Faust-Befragung in der Münchner Hypo-Kunsthalle enden wird. Allen gemein ist das Interesse an bildpolitischen Fragen, was den optischen Reiz von Literatur­ausstellungen fraglos steigert.

Mit Luther und Goethe ist man bereits mitten in dem genealogischen Geflecht, dessen reale und fantastische Verästelungen der Marbacher Beitrag unter dem lapidaren Titel „Familie. Archiv“ in die Moderne öffnet. Denn so groß der Horror eines berühmten Namens auf den Nachgeborenen bisweilen lastet, so groß ist umgekehrt die Versuchung, sich auf einen edlen Ursprung zurückverfolgen zu wollen. Mörike jedenfalls tüftelte eifrig daran, Luther als den Stammvater seiner Familie nachzuweisen. Und die als Schriftstellerin eher nur noch Marbacher Fachkreisen bekannte Mechthilde Lichnowsky sicherte ihre Berufung in schnell dahingekritzelten Blättern durch die Verwandtschaft mit dem englischen Dichter Geoffrey Chaucer ab.

Familiensilber der Kultur

Einige Lücken in der genealogischen Beweisführung überspringt sie großzügig durch ein eingefügtes „etc.“. Merkwürdige Ahnen finden sich auch im Stammbaum einer gewissen Madame Nitouche von Borutta: einerseits ein Senator of Allington, andererseits jemand mit dem knappen Namen Puck. So bestätigt es jedenfalls das Nürnberger Zuchtbuchamt 1954 – bei der Edlen von Borutta handelt es sich nämlich um Erich Kästners Katze.

Es spricht für diese von der derzeitigen Leiterin des Museums, Ellen Strittmatter, kuratierte Ausstellung, dass man mit solchen kleinen Abseitigkeiten sein Vergnügen haben kann, ohne die große Linie aus den Augen zu verlieren. Denn natürlich zielt, wie der Titel schon andeutet, diese in drei große Kapitel gegliederte Schau aufs Ganze. Oder besser ins Herz des Archivs. Was ist dieses anderes als ein Ort, wo das Familiensilber der Kultur verwahrt wird. Und wenn etwas den Geist bezeichnet, mit dem die besten der Marbacher Unternehmungen das hier gehütete staubanfällige Erbe quicklebendig halten, dann ist es eben die Kunst, Verwandtschafts­verhältnisse herstellen zu können zwischen Ideen, Menschen und Dingen, erhellende Beziehungen zu knüpfen über Analogien und Korrespondenzen.

Als eine Art intellektuelles Amuse Gueule ist dem Parcours ein Spiegel aus dem Hause Humboldt vorangestellt, in dem die beiden berühmten Brüder einst ihrer offenbar verblüffenden Ähnlichkeit gewahr werden konnten. Er steht zugleich für die materielle Basis der Familie, die ihren Wohlstand einer Spiegelmanufaktur verdankte. In solcher Mehrdeutigkeit führt das bereits etwas erblindete Stück den archivalischen Esprit vor Augen, der sich in dieser Ausstellung in seinem Gegenstand selbst verführerisch spiegelt.




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