Literaturnobelpreis an Annie Ernaux Die produktive Kraft der Scham

Ethnologin ihrer selbst: die Schriftstellerin Annie Ernaux Foto: dpa/Michel Euler

Die Schwedische Akademie enthält sich einer politischen Entscheidung und verleiht den Literaturnobelpreis der Grande Dame der Selbsterkundung: der französischen Autorin Annie Ernaux.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Grob gesagt, gibt es zwei Weisen, sich der Literatur anzunähern: Die eine kommt von außen und berücksichtigt die Bedeutungen, die sich im Austausch mit dem biografischen, politischen, gesellschaftlichen Kontext herstellen. Die andere schaut auf den Text als solchen und leitet aus seiner Autonomie alles weitere ab.

 

Mit Blick auf die aktuelle Literaturnobelpreisentscheidung scheinen die Juroren der Schwedischen Akademie zumindest jenen Kontext ausgeblendet zu haben, an dem sich gerade jegliche Form kultureller Bedeutungsproduktion zu erweisen hat: welche Zeichen sich mit Literatur in einer Welt setzen lassen, die von den imperialen Hirngespinsten einer überwunden geglaubten Vergangenheit an den Rand eines atomaren Zivilisationsbruchs getrieben wird.

Hauch von Enttäuschung

Keine ukrainische Autorin, kein russischer Exilautor. Nicht auszudenken, welche Wirkung beispielsweise von der Würdigung eines Schriftstellers wie dem in Berlin lebenden Vladimir Sorokin ausgegangen wäre, einem der erbittertsten Kritiker des Putin-Regimes, zugleich lebender Beweis, dass nicht der „Westen“ die russische Kultur cancelt, sondern die brutale Kamarilla der gegenwärtigen Staatsführung dies schon selbst besorgt.

Und so liegt zunächst ein Hauch von Enttäuschung über einer Entscheidung, die man in allen anderen Jahren rückhaltlos begeistert begrüßt hätte. Sie verfliegt allerdings rasch, wenn man sich das Lebenswerk der französischen Grande Dame des autofiktionalen Erzählens, Annie Ernaux, genauer ansieht, die jetzt von den Weisen aus Stockholm mit den höchsten Weihen der literarischen Welt nobilitiert worden ist. Was aber ist autofiktionales Erzählen, abgesehen davon, dass es in der Gegenwartsliteratur auch dank der frischgekürten 82-jährigen französischen Literaturnobelpreisträgerin zur bestimmenden Literaturform geworden ist?

Urknall des Schreibens

Es bedeutet zum Beispiel, dass man, um etwas über ihre Herkunft, ihr Leben, die Kindheit in dürftigen Verhältnissen der nordfranzösischen Provinz zu erfahren, nicht zu einer Biografie greifen muss, sondern etwa zu ihrem Buch „Die Scham“ aus dem Jahr 1997. Darin findet sich jene Szene, die gewissermaßen den Urknall ihres Schreibens bildet. „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen“. So lautet der erste Satz, der das 12-jährige Mädchen aus allem katapultiert, was seine Lebenswirklichkeit ausgemacht hat. Zwischen ihr Erleben und die bis dahin unhinterfragten selbstverständlichen Dinge des Alltags, den kleinen Krämerladen der Eltern mit angeschlossener Kneipe, die katholisch grundierten Daseinsrhythmen legt sich ein Filter, eine Benommenheit, die sich zu abgrundtiefer Scham entwickelt: ein Gefühl der Unzugehörigkeit, das den lebenslangen Stimulus bildet, das wieder zusammenzusetzen, was an jenem Junisonntag auseinandergebrochen ist.

Mit atemberaubender Genauigkeit geht Ernaux dabei zu Werke, eine Ethnologin ihrer selbst. Aus dem Versuch, Erlebtes in Sprache aufzulösen, die Codes und Regeln jener Kreise zu beschreiben, die sie mit ihrem sozialen Aufstieg hinter sich zu lassen versucht, ohne sie je wirklich los zu werden, ist ein umfangreiches Werk entstanden. Sie ist die Erste in ihrer Familie, die eine Universität besucht. Ein Buch wie „Die Jahre“ zeichnet die Emanzipationsgeschichte eines Mädchen aus der Provinz nach, das in Paris eine Ausbildung als Lehrerin absolviert. „Das Ereignis“ handelt von einer ungewollten Schwangerschaft und Abtreibung im Frankreich der 1960er-Jahre.

Mit einer an Pierre Bourdieu geschulten Sensibilität für die feinen Unterschiede übersetzt sie ihre Herkunftsgeschichte aus dem Gebiet der Soziologie in das Reich der Literatur, und schlägt damit in die unsichtbaren Mauern der Klassengesellschaft eine Bresche, durch die der Weg für Didier Eribons viel beachtete „Reise nach Reims“ oder die Mütter- und Väterromane seines Schülers Edouard Louis’ frei wurde. In ihren Selbsterkundungen wird der soziologische Blick zur Erzählperspektive.

So sehr das Schreiben von Annie Ernaux um sich selbst zu kreisen scheint, auf der Suche nach einer verlorenen Wirklichkeit, so sehr misst es zugleich den Gedächtnisraum kollektiven Erinnerns aus. Ihre Bücher handeln ebenso von persönlichen Erlebnissen wie von dem Problem, diese mit dem Prozess des Erinnerns zur Deckung zu bringen. Das Persönliche ist nur das Sprungbrett, den Erfahrungsschatz einer Generation ohne Tabus festzuhalten.

„Nehmt und lest, denn das ist mein Leib und mein Blut, das ich für euch vergießen werde“, so beschreibt die katholisch geprägte Annie Ernaux in „Die Scham“ die Verwandlung von privat Erlittenem in den erlösenden Text. Und so endet schließlich auch eine Literatur, die sich ganz auf sich selbst konzentriert, dort wo jede große Literatur hinführt: in jenem gesellschaftlichen, politischen, sozialen Raum, in dem sich das Leben abspielt, zu dessen Bewältigung wir ihrer dringend bedürfen.

Die wichtigsten Bücher von Annie Ernaux

Die Scham
 Eines Sonntagnachmittags geschieht etwas Entsetzliches, das für das Schreiben der französischen Autorin lebenslange Bedeutung gewinnen wird (Suhrkamp, 110 Seiten, 18 Euro).

Das Ereignis
 Die 23-jährige Studentin Annie, die in den 60er-Jahren in Paris studiert, entdeckt dass sie schwanger ist. (Suhrkamp, 104 Seiten 18 Euro.)

Eine Frau
Die Annäherung an das Leben der Mutter, der versagt blieb was ihrer Tochter gelang: der soziale Aufstieg durch Bildung. (Suhrkamp, 88 Seiten, 18 Euro.)

Der Platz
Der Vater von Annie Ernaux kam aus einer Tagelöhner-Familie, er hatte sich das Geld für eine Kneipe in der Normandie zusammengespart und dann seiner Tochter ein Studium ermöglicht. Hier rekonstruiert sie seine Geschichte. (Suhrkamp, 94 Seiten, 18 Euro.)  

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