Antworten darauf gab der Präventionsbeauftragte des Landkreises Böblingen, Jörg Litzenburger, am Mittwoch in einer Online-Gesprächsrunde. Sie ist Teil der Reihe „Hürden gesund meistern“, bei der die Kreiszeitung mit der AOK Stuttgart-Böblingen kooperiert. „Nicht nur Jugendliche, sondern auch schon Kinder sind einfach sehr oft und sehr viel im Netz. Entscheidend ist dabei die Frage: Sind sie es alleine?“, sagt Jörg Litzenburger.
Corona hat die Abhängigkeit von der digitalen Welt weiter erhöht
Die Coronapandemie habe der digitalen Welt noch mehr Raum gegeben und die Abhängigkeit von den digitalen Medien weiter erhöht, sagt er. „Doch es bringt nichts, die digitale Welt zu verdammen. Grundsätzlich ist sie erst einmal da und sie ist nicht schlecht.“ Doch jetzt gehe es darum, eine Kultur zu entwickeln, sodass das Digitale einen Mehrwert bietet und nicht zum alles dominierenden Faktor im Alltag werde. Litzenburger: „Man muss lernen, dass es davon auch einfach mal Pausen braucht.“ Das Handy etwa beim Essen oder vor dem Schlafengehen wegzulegen, klinge zwar simpel, „doch auch das muss erst einmal gelernt und gelehrt werden“, sagt der 60-Jährige.
Auffallend sei die große Diskrepanz in vielen Familien: Einerseits seien Eltern überbehütend und hülfen ihren Kindern noch dabei, sich anzuziehen oder brächten sie mit dem Auto bis vors Schulhaus. „Auf der anderen Seite lassen sie sie im Netz stundenlang allein und wissen nicht wirklich, was die dort tun“, sagt Litzenburger. Dieses Ungleichgewicht gelte es dringend wieder ins Lot zu bringen: Lieber den Kindern eine längere Leine in der realen Welt lassen und ihnen mehr Selbstständigkeit und eigene Erfahrungen zutrauen. Auf der anderen Seite sei mehr Teilhabe an deren digitalen Welten vonnöten.
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Jörg Litzenburger arbeitet seit knapp 30 Jahren als Präventionsbeauftragter und Medienpädagoge im Kreis Böblingen. Er kennt die Lebenswelt der Jugendlichen und sieht vor allem den Dauerkonsum der sozialen Medien Instagram, Twitter und TikTok mit Sorge. Gerade die sozialen Medien seien mittlerweile Plattformen der reinen Selbstinszenierung, die eine problematische Parallelwelt erschufen. Litzenburger: „Dabei können gefährliche Dinge passieren, zum Beispiel wenn Jugendliche zum ersten Mal eine Liebesbeziehung eingehen und sich Bilder voneinander schicken. Wenn dann ein 13-jähriges Mädchen ihrem 14-jährigen Freund ein Nacktbild von sich schickt, ist das ein kinderpornografischer Inhalt, dessen Besitz für ihn strafbar ist.“ Das allerdings sei nur wenigen bewusst.
Umso gefährlicher sei es, wenn sich Teenager Bilder oder Videos von sich in sozialen Medien teilen – und damit potenziell Pädophile anlockten, die sich dann deren Vertrauen erschleichen. Auch im Kreis Böblingen sei das schon Realität, wie ein Fall aus der jüngeren Vergangenheit in einer Gemeinde auf der Schönbuchlichtung zeigt. Es sei also eminent wichtig, den Nachwuchs bei der Nutzung dieser Medien zu begleiten, ein Auge darauf zu haben – und vor allem ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte. Trotzdem warnt der 60-Jährige davor, alles Digitale nur als Teufelszeug zu brandmarken.
Viel Nachholbedarf in den Lehrplänen – Teilhabe als wichtiger Schlüssel
„Man kann sich viel leichter verabreden und in Kontakt bleiben“, sagt er. Außerdem sind alle Informationen aus dem Netz in Sekundenschnelle abrufbar. Problem: Wie lässt sich unterscheiden zwischen einer seriösen und weniger seriösen Quelle? Hier bestehe gerade in den Lehrplänen viel Nachholbedarf in Sachen Schulung von Medienkompetenz. Litzenburger: „Ich würde mich freuen, wenn hier einfach mehr mit Jugendlichen gesprochen wird, wie Google, Facebook und Twitter tatsächlich funktionieren. Denn dort geben Algorithmen vor, was wir sehen sollen.“ Das Netz funktioniere über Vervielfältigung von Inhalten, über ein möglichst breites Angebot und über Quantität. Was dabei aber häufig auf der Strecke bleibe: die Vertiefung, die Wertigkeit, die Qualität.
Der Schlüssel zum richtigen Umgang mit dieser gigantischen Informationsmaschinerie sei mehr Teilhabe, sagt Litzenburger. „Einfach mal nachfragen, was Kinder daran gut und weniger gut finden. Interessanterweise sagen diese dann häufig: Ich finde gut, das darin alles geht. Aber auch: Ich finde nicht gut, dass alles geht.“ Das zeige, dass sie selbst noch Orientierung brauchen. Diese zu geben, sei zuvorderst Elternaufgabe.
Im Live-Talk mit der Kreiszeitung
Serie
In der Reihe „Hürden gesund meistern“ spricht die Kreiszeitung mit prominenten Gesprächspartnern, um Impulse für einen gesunden Umgang mit Krisen und Herausforderungen zu setzen. Dies entsteht im Rahmen einer Kooperation mit der AOK Stuttgart-Böblingen.
Sportler
Den Anfang machte im November 2021 Ex-Skispringer Sven Hannawald, der von Höhenflügen und seiner unsanften Landung im Leben erzählte. Weitere Gäste waren die Volleyballerin Kim Renkema und AOK-Geschäftsführerin Gordana Marsic.
Videos
Alle Talkrunden sind auch im Nachhinein auf dem Youtube-Kanal der Kreiszeitung abrufbar unter krzbb.tv
Ausblick
Weitere Gäste sind der ehemalige Fußballer Uli Borowka und Box-Europameister Luan Krasniqi. Die Termine werden in Kürze bekannt gegeben.