Lob des Schiedsrichters Einsame Hüter der Regeln

Von Rainer Moritz 

Sie sind die letzte Instand und zugleich Sündenbock für Tausende: Schiedsrichter. Das durchzustehen erfordert wahre menschliche Größe, daran wird auch mehr Technik auf dem Platz nichts ändern, glaubt der StZ-Autor Rainer Moritz.

Seine Position wird oft verkannt: der Unparteiische auf dem Platz. Foto: dpa
Seine Position wird oft verkannt: der Unparteiische auf dem Platz. Foto: dpa

Stuttgart - Wer spielt, so heißt es, vergisst die Zwänge des Lebens; er stellt sein Tun nicht unter die Anforderungen des Gewinnen- oder Geld-verdienen-Müssens. Um der Schönheit und Freiheit willen gibt sich der Spielende seinem Treiben hin. Schnöde Sekundärziele dürfen sein Tun nicht belasten, und wer das anders sieht, hat vom Wesen des Spiels wenig verstanden.

So die Theorie – doch wie immer beginnen die Probleme, wenn der Mensch seine Möglichkeiten in der Praxis umsetzen will oder muss. Versuchungen umzingeln den Spieler, locken ihn in die Falle der Abhängigkeit. Viele Spiele kreisen nicht selbstgenügsam um und in sich selbst, sondern sind mit zähl- und messbaren Resultaten verknüpft. Spiele führen zu Hotels in der Schlossallee, zu Toren, Körben oder Satzgewinnen, und das Schielen auf den denkbaren Sieg überlappt die pure Spielfreude, vor allem wenn Triumphe mit Mammon oder Ruhm honoriert werden.

Einer nur, so will es heutzutage scheinen, stellt sich dem Verlust des reinen Spielvergnügens unbeirrt entgegen: der Schiedsrichter. In den nächsten Wochen, bei der Fußball-Weltmeisterschaft, wird er wieder im Blickpunkt stehen, Trainer zur Weißglut und Spieler, denen ein entscheidender Treffer aberkannt wurde, zur Verzweiflung treiben. Von der Fifa sorgsam ausgewählt, werden die Herren Rizzoli, Pitana, Eriksson, Kuipers, Irmatov, Webb und Brych (vom Münchner Vorortverein SV Am Hart) über Wohl und Wehe ganzer Nationen entscheiden, mit Schmähungen übergossen und allenfalls mit zwei, drei lobenden Worten bedacht werden.

Hassfigur der modernen Gesellschaft

Der Schiedsrichter allein macht sich auf, der Gerechtigkeit – nach Aristoteles der höchsten aller Tugenden – Gehör zu schaffen, sie den erfolgsversessenen Spielern in Erinnerung zu rufen beziehungsweise zu pfeifen. Der Unparteiische schießt keine Tore; er waltet seines Amtes unabhängig davon, wie Akteure und Zuschauer sein Wirken kommentieren. Jedes Wochenende, jeder Spieltag der Fußball-Bundesliga dokumentiert es anschaulich: Der Schiedsrichter ist die Hassfigur der modernen Gesellschaft, mal der Lächerlichkeit preisgegeben, mal dem blanken Zorn ausgeliefert. Gewiss, das Renommee des Unparteiischen war stets überschaubar: Wer schon will übelste Beschimpfungen geduldig ertragen, von denen die „Bratwurst“, mit der Fredi Bobic einst Schiedsrichter Kasper bedachte, eine der harmlosesten ist?

Der Schiedsrichter ist an allem schuld, so einfach ist das. Er erfüllt in dieser Hinsicht eine zentrale Kompensationsfunktion. Er lenkt ab vom eigenen Unvermögen und erlaubt es den Nicht-Unparteiischen, selbstbewusst in den Spiegel zu schauen, auch wenn man am Tag zuvor drei hundertprozentige Torchancen vergeigt hat und sein Monatssalär wohltätigen Einrichtungen stiften müsste. Die Schuldzuweisung an den Schiedsrichter ist ein leicht zu durchschauendes und doch gern praktiziertes Verfahren, Unmut der anderen von sich zu weisen – in der Hoffnung, die eigene Haut zu retten. Vor diesen psychologisch simplen Verhaltensmustern ist kaum ein Spieler gefeit, auch intelligente Trainer wie Jürgen Klopp oder Christian Streich nicht und von José Mourinho ganz zu schweigen.