Lockerungen in Baden-Württemberg Kita-Öffnung – ein fälliger Schritt
Die Landesregierung von Baden-Württemberg bleibt bei ihrem vorsichtigen Kurs, will aber die Kitas öffnen. Das wird auch Zeit, findet Christoph Link.
Die Landesregierung von Baden-Württemberg bleibt bei ihrem vorsichtigen Kurs, will aber die Kitas öffnen. Das wird auch Zeit, findet Christoph Link.
Stuttgart - Die baden-württembergische Landesregierung hat am Dienstag Lockerungen der Corona-Restriktionen angekündigt, die das gesellschaftliche Leben wieder halbwegs starten lassen und ein soziales Miteinander – wenn auch begrenzt – auch außer Haus ermöglichen. Dass man sich von nächster Woche an privat in geschlossenen Räumen zu zehnt treffen darf und draußen 20 Personen erlaubt sind, dass unter Auflagen öffentliche Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen möglich sein sollen – das sind richtige Entscheidungen. Herausragend und fällig – um nicht zu sagen überfällig – aber ist der Beschluss der Wiedereröffnung der Kitas bis Ende Juni für fast eine halbe Million Kinder im Südwesten.
Ausgerechnet die schwächsten Ränder der Gesellschaft – die ältere Generation in den Pflegeheimen sowie Kleinkinder und Schüler – sind von den harten Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsgefahr am stärksten betroffen gewesen. Das reicht bei den Kindern von der Schließung der Spielplätze über das Verbot von Vereinssport bis zum Zwang zum Fernunterricht daheim auf manchmal engstem Raum, gemeinsam sozusagen in Schutzhaft mit den zum Homeoffice verdammten und vielfach überforderten Eltern. Lange Zeit hatten Alleinerziehende und Eltern den Eindruck, dass sich die Politik zwar um das Offenhalten der Baumärkte sowie die Wiedereröffnung von Biergärten und den Betrieb der Bundesliga kümmert, aber das Los der Kinder nicht in den Mittelpunkt gerückt hat.
Die Öffnung der Kindertagesstätten und Kindergärten kam nicht aus heiterem Himmel. Vergangene Woche schon hatten vier Verbände der Kinder- und Jugendmedizin Alarm geschlagen und angemahnt, es gebe keine medizinische Evidenz mehr dafür, den Kindern ein „kindgerechtes Verhalten“ länger zu verwehren. Und das sei nun einmal mit sozialer Distanz nicht möglich. Der Lockdown – so erste Erkenntnisse – hat bei Kindern mitunter zu rastlosem Verhalten geführt, die Anrufe bei den Kinderschutztelefonen haben zugenommen. Infektionsschutz gegen Kindeswohl? Es bestand und besteht offensichtlich die Gefahr, dass die Maßnahmen der Krise den Kindern mehr schaden als sie ihnen und anderen nützen.
Baden-Württemberg ist mit der Kitaöffnung kein Vorreiter, das Land folgt seinem vorsichtigen Kurs des ständigen Vortastens in die virenärmere Zukunft. Sachsen hat schon vor gut einer Woche alle Grundschulen und Kitas in den Normalbetrieb überführt, Nordrhein-Westfalen hat die Kitaöffnung schon vor Tagen für den 8. Juni avisiert. Es gehört zur Besonderheit der Landesregierung in Stuttgart, dass sie ihre Entscheidung nicht auf epidemiologische Untersuchungen aus Südkorea oder anderswo in der Welt stützt, sondern auf eine eigene Studie aus Heidelberg zurückgreifen kann. Das Land als Standort von exzellenter Wissenschaft und Forschung macht’s möglich – ein Luxus, den nicht jedes Bundesland hat. Diese jetzt in Teilen vorgestellte Studie hält das Infektionsrisiko durch Kinder oder von Kindern untereinander für gering. Sie war die Basis für die Entscheidung und einen weiteren „Meilenstein“ zur Lockerung, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann es nennt. Die großen Aufgaben stehen aber noch bevor. Wie sieht das Rahmenkonzept für die Kitaeröffnung aus? Wie werden zur Risikogruppe gehörende Erzieher geschützt? Kultusministerin Susanne Eisenmann hat da noch viel Arbeit vor sich.
Am größten aber ist der Fragenkatalog rund um die Schule. Es gibt im Land zwar einen Fahrplan für ein mageres Schulangebot mit echter Präsenz in den Klassenzimmern nach den Pfingstferien. Aber noch fehlen konkrete Hinweise oder Planspiele, wie es nach den Sommerferien eigentlich weitergehen soll.