Logistikbranche denkt um Radkuriere sollen die Probleme der Stadt lösen

Ein   Beispiel, das in Stuttgart Schule machen soll: Ein  Elektro-Lastwagen bringt  die Waren an einen stadtnahen Umschlagplatz, von dort geht es per E-Bike    weiter in die City. Foto: Detlef Majer
Ein Beispiel, das in Stuttgart Schule machen soll: Ein Elektro-Lastwagen bringt die Waren an einen stadtnahen Umschlagplatz, von dort geht es per E-Bike weiter in die City. Foto: Detlef Majer

Die Branche der Elektro-Radkuriere wartet sehnsüchtig auf eine Warenumschlagfläche in der Stadt. Die „Röhre 2“, nachts ein Club nach dem Vorbild Wagenburgtunnel und tagsüber ein Urban Hub in der Tiefgaragenabfahrt des Gerber, ist Teil einer Lösungsstrategie.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Schlechte Luft, Staus, Lärm. Allesamt Probleme der Stadt, für die auch der wachsende Lieferverkehr verantwortlich gemacht wird. Janine Dietze, Logistik-Expertin beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer, weiß: „Heute fahren viel mehr Lkw auf den Straßen als früher. Aber der Transport-und Logistikbranche dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben, wäre falsch.“ Oft werde vergessen, dass die Branche ein Glied in der Wertschöpfungskette auf die veränderten Warenströme reagiere. Am Anfang der Kette steht der Besteller, der Konsument, der immer mehr Waren im Internet kauft.

Da sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt, plädiert die Expertin dafür, nach konstruktiven Lösungen zu suchen. „Wir dürfen auf neue Probleme nicht mit alten Lösungen reagieren“, sagt sie, „am Bau von Logistikzentren hat sich seit Jahrzehnten kaum etwas verändert. Nach wie vor werden hauptsächlich große Flächen vor der Stadt gesucht, mit guter Anbindung an den Fernverkehr.“ Weiter fordert sie: „Wir müssen neue Konzepten entwickeln. Das gilt insbesondere für die letzte Meile, also das letzte Wegstück beim Transport durch die Stadt zur Haustüre des Kunden.“

Das Zauberwort heißt „Urban Hubs“

Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt „Urban Hubs“. Also kleine, dezentrale Logistikeinheiten. Das können aus Sicht der Expertin Neubauten sein, aber auch weniger attraktive oder antizyklisch genutzte Flächen, wie etwa die oberen Geschosse von Shoppingcentern, Freiflächen in Bürogebäuden oder ungenutzte Parkplätze. „Wir verstehen die Hubs als einen Baustein in einem ganzheitlichen City-Logistikkonzept.“

Damit spricht Janine Dietze das aus, was Sebastian Bühler vom E-Rad-Kurier Velocarrier seit Jahren fordert: „Wir brauchen dringend solche Urban Hubs, die nicht weiter als zwei Kilometer von der City entfernt sind.“ Anhand seiner Firma lässt sich erahnen, welches Potenzial hinter dieser Idee steckt. Schon jetzt tragen die Lastenräder kleinteilige Waren in die Stadt, die sonst über den Zeitraum eines Jahres 600 Lastwagen in die Innenstadt transportiert hätten. Umgerechnet sind das rund 12 000 Pakete oder Päckchen.

„Inzwischen sind wir sogar soweit, dass die Spedition Dachser die Waren mit einem E-Lkw anliefert“, erklärt Bühler und hofft, dass dieses Beispiel Schule macht: „Da ließen sich unglaublich viele Emissionen einsparen, wenn dies konsequent von allen umgesetzt werden würde.“ Für das Pilotprojekt mit Velocarrier hat Dachser ein rund vier Quadratkilometer großes Zustellgebiet in der Stuttgarter Innenstadt festgelegt. Zum Einsatz kommt dafür ein voll-elektrischer Leicht-Lkw vom Typ Fuso eCanter, der die Ware entweder direkt zustellt oder am Mikrohub von Velocarrier anliefert. Dort werden die Paletten abgeladen und die Sendungen für Zustelltouren mit E-Lastenrädern umgeschlagen.

Pilotprojekt soll Schule machen

Was im Pilotprojekt funktioniert, soll Standard werden. Doch zur Umsetzung benötigt die ganze Branche, also unter anderem auch DHL, UPS oder DPD die entsprechende Logistik-Fläche in der Stadt. „Der Markt wächst“, sagt Bühler, auch die klassischen Paketdienste setzen immer stärker auf das E-Lastenrad. Der Hintergrund ist klar: es sind auch Kostengründe. Ein Spediteur kalkuliert pro Lieferung per Lkw oder Transporter in der Innenstadt etwa 25 Euro ein. Geld, das sich durch E-Bikes einsparen ließe. Daher wäre es aus seiner Sicht wünschenswert, „wenn es eine zentrale Fläche für alle Mitbewerber gebe“. Wie schwer es ist, sich an einem Standort zu etablieren, zeigt auch das Beispiel Velocarrier. Nach dem Start vor rund drei Jahren ist die Firma bereits zweimal umgezogen. Und der nächste Umzug vom Provisorium, den ehemaligen Stallungen der Dinkelacker-Brauerei-Gäule in Heslach, steht demnächst an.

Die Wirtschaftsförderung der Stadt unterstützt Bühler zwar bei der Suche, aber zaubern können Ines Aufrecht und ihre Mitarbeiter eben auch nicht. In Zeiten der Wohnungsnot ist die Entscheidung über Flächen immer hoch politisch. Immerhin: Für Bühler und die Branche der Radkuriere gibt es einen Silberstreif am Horizont. Es gibt einige Flächen über die Stadt und der Gemeinderat verhandelt. Zudem hofft Bühler, dass sich bald eine der Ideen, die auch Janine Dietze von Drees & Sommer hatte, umsetzen lassen. Bereits im Herbst vergangenen Jahres wollte Bühler Flächen in der Tiefgarage des Einkaufszentrums Gerberzum Warenumschlag von LKW auf Rad nutzen. Der Brandschutz macht der Umsetzung bisher allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Auch die zweite Idee wird noch zwei, drei Jahre bis zur Realisierung dauern. Es geht um das Projekt „Röhre 2“, wie das Vorhaben im Rathaus und der Chefetage des Gerber genannt wird. „Bis dahin soll die Tiefgaragenzufahrt der Mall in der Tübinger Straße geschlossen werden“, erklärt Sebastian Bühler, „in der Tiefgaragenabfahrt soll dann nachts ein Club wie die Röhre im Wagenburgtunnel sowie kleine Ateliers Platz finden, tagsüber würden wir sie als Logistikfläche nutzen.“




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