Lokalgeschichte in Gerlingen Karl Grobs Pläne tauchen wieder auf

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Die Turmkugel der Petruskirche gibt historische Dokumente frei – die Zeit vor dem 19. Jahrhundert ist aber nicht belegt. Auch Überraschendes steckt drin.

Pfarrer Jochen Helsen und Klaus Herrmann vom Stadtarchiv freuen sich über die vielen alten Dokumente. Die Kugel ist bereits wieder frisch vergoldet. Foto: factum/Granville
Pfarrer Jochen Helsen und Klaus Herrmann vom Stadtarchiv freuen sich über die vielen alten Dokumente. Die Kugel ist bereits wieder frisch vergoldet. Foto: factum/Granville

Gerlingen - Sie thront über Jahrhunderte hinweg an prominenter Stelle über der Stadt, und sie bewahrt Dokumente für die Ewigkeit – und das bei jedem Wetter. Die Turmkugel der Petruskirche ist aber auch ein beliebtes Ziel für Schützen – im 18. wie im 20. Jahrhundert. Die Kugel wurde im bei Außensanierung des Turms abgenommen, nun haben der Pfarrer Jochen Helsen und der Leiter des Stadtarchivs, Klaus Herrmann, ihren Inhalt genauestens inspiziert und registriert. Auf fünf Tischen waren die Dokumente ausgelegt –alles, was in der Kugel drin war, kommt wieder rein und rauf auf den Turm. „Wir beweisen Respekt vor der Tradition“, sagt Helsen.

Die Petruskirche ist zwar schon mehr als 550 Jahre alt – Zeugnisse ihrer frühen Geschichte aber finden sich in der Turmkugel nicht. Dokumente zur Kirchengeschichte gibt es gleichwohl: 1560 wurde das erste Gerlinger Taufbuch begonnen, berichtet Klaus Herrmann vom Stadtarchiv. Lange nachdem im Bauerndorf die Reformation angekommen war. Die Kirchenkonventsprotokolle umfassen 15 Bände.

Turmkugel Ziel von Schützen

Nichtsdestotrotz übte die Turmkugel schon mehrmals ihren Reiz aus auf Menschen, die über ein Gewehr verfügten und sich für ihre Schießversuche ein öffentliches Ziel suchten. Bereits in den Protokollen der Kugelöffnung im Jahr 1777 wurde von Beschädigungen berichtet. Im Original liest sich das so: „Der Knopf mutwilliger weise durchgeschoßen worden, so das 8 große Löcher in demselbigen erfunden worden“. Die Löcher wurden geflickt, zudem musste der Schieferdecker beauftragt werden, das Kirchendach zu reparieren.

Auch im 20. Jahrhundert war die Kugel wieder das Ziel von Schützen: Bei der Öffnung 1956 fand man Löcher in der Kugel, 1983 wieder. Es gibt zwar Menschen im Ort, die zu wissen glauben, wer der Unhold war – aber auch in dieser Beziehung halten die Gerlinger zusammen und geben keine Geheimnisse preis. Die Löcher indes taten ihre Wirkung: Regenwasser drang ein, Dokumente vermoderten.

Die Turmkugelbeschicker in früheren Zeiten legten aber Dokumente nicht nur lose ein, sondern sie nahmen dazu auch feste, wasserdichte Behälter: 1916 eine Schatulle aus dickem Blei. Darin fanden sich jetzt Münzen von 1826, Fotos von 13 Generalen – unter anderem eines des umstrittenen Kapitänleutnant Otto von Weddigen, nach dem in Gerlingen eine Straße benannt ist. 1956 und 1983 verwendete man Rohre aus Kupferblech, die wasserdicht verlötet wurden. Und auch die bargen zwar keine Geheimnisse, aber interessante Dokumente: Etwa Lokalzeitungen, Postkarten des Orts und das Protokoll einer Gemeinderatssitzung zum Thema Finanzen.

Auch der Musikverein hat sich verewigt

Im Jahr 1983 kamen drei Kupferzylinder in die Kugel – und ihr Inhalt jetzt wieder zum Vorschein. In einem verewigten sich der Musikverein und der Fußballclub, in einer zweiten fanden sich die Einladung zum Festakt des 25-Jahr-Stadtjubiläums und Münzen, sowie die Liste der Stadträte. In der dritten Hülse steckte zusammengerollt die präzise Bauzeichnung der Petruskirche von 1961/62. Diese wurde angefertigt von einem Studenten der Staatsbauschule Stuttgart. Er ist heute ein in Gerlingen bekannter Inhaber eines Architekturbüros, der Renovierungen der Petruskirche geleitet hat. Sein Name: Karl Grob.

„Mit allem lesen wir hier ein Stück Zeitgeschichte ab“, meint Jochen Helsen.

Über die Inhalte der Turmkugel und deren Bedeutung hält Klaus Herrmann vom Stadtarchiv einen Vortrag: am Mittwoch, 10. Oktober, um 20 Uhr im Petrushof.




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