Lokalköpfe Ein Mikrokosmos im Leonhardsviertel

Von Ina Schäfer 

Die Jakobstube im Leonhardsviertel vereint seit knapp drei Jahrzehnten Gäste jeglicher Couleur: Schwule, Huren, Nachtschwärmer. Das klappt, weil der Wirt Heinrich Hermann Huth klare Regeln aufgestellt hat.

Heinrich Hermann Huth ist seit 2001 der Wirt der Jakob-Stube Foto: red
Heinrich Hermann Huth ist seit 2001 der Wirt der Jakob-Stube Foto: red

S-Mitte - Für Heinrich Hermann Huth ist sie ein Mikrokosmos. „Die Jakobstube ist ein Abbild dessen, was in unserem Viertel und in unserer Welt passiert“, sagt er. Das Viertel, von dem er spricht, ist das Leonhardsviertel, der Rotlichtbezirk in Stuttgart-Mitte. Die Jakobstube befindet sich mittendrin. Ein kleines Refugium bestehend aus einer massiven Bar, ein paar wenigen Barhockern, einem Tisch und Spielautomaten. Eine Kneipe. Punkt. Ein hartes Pflaster, wie viele denken, dubios und schmuddelig, das sei nicht die Realität, die er sieht. „Der Zusammenhalt in der Nachbarschaft ist toll, ich habe tausendmal lieber hier eine Kneipe als jenseits der Hauptstätter Straße“, sagt er.

Huth ist seit 2001 der Wirt in der Jakobstube, insgesamt gibt es die kleine Kneipe schon seit knapp dreißig Jahren. Fast genauso lange wird sie als Schwulenlokal geführt. „Ich bin kein Verfechter von solchen Lokalen“, sagt er. „Darüber sollten wir hinaus sein. Das Geschlecht, das Alter oder die sexuelle Orientierung sind mir völlig egal.“ In die Jakobstube kann jeder kommen – ob er ein Feierabendbier oder einen selbst gebrannten Brotschnaps trinken möchte, ob er in Ruhe gelassen oder unterhalten werden möchte. Ins Gespräch kommt man dort fix, und schnell sind es die ganz großen Themen, die besprochen werden. Die Mehrzahl der Gäste sind immer noch Männer. Aber auch Huren gehören zu den Stammgästen, direkt gegenüber ist das Café Strich-Punkt, eine Anlaufstelle für Prostituierte. In der Jakobstube werden sie in Ruhe gelassen – wenn nicht, sorgt Huth dafür. „Hier drin muss man sich an gewisse Grundregeln halten“, an den kategorischen Imperativ Immanuel Kants, sagt er, der lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Das funktioniere. In den vergangenen Jahren habe es kaum, und wenn, dann nur verbale Auseinandersetzungen gegeben.

Neuerdings gibt’s in der Jakobstube Subkultur

Dass er einmal so lange in der Stadt bleiben würde, hätte der Kurpfälzer aus Heidelberg nicht gedacht. Die Schwaben hätten es ihm schwer gemacht. Er spricht vom „schwäbischen Konjunktiv“: bevor etwas getan werde, müssten im Ländle alle möglichen Folgen abgewogen werden. „Hier wartet man, bis etwas erlaubt wird, statt etwas so lange zu tun, bis es verboten ist“, sagt er. Heute ist er versöhnlicher, die Stuttgarter hat er mit der Zeit lieb gewonnen - und er ist ja immer noch hier.

Schon in Heidelberg war Huth in der Gastronomie tätig, betrieb den Club „Little Heaven“, in dem er neben Partys auch Lesungen und Konzerte veranstaltet hat, „Subkultur“, sagt er. In der Jakobstube hat er damit im vergangenen Jahr angefangen. Mit einer Travestieshow, Lesungen und einer Diskussionsrunde zum Bürgerhaushalt. Im Juli gibt es eine Veranstaltung mit Ute Vogt zum Thema Prostitution.

Das Leonhardsviertel wieder mehr beleben

Politische Partizipation passt ganz gut in das geschichtsträchtige Haus in der Jakobstraße. Es ist das Geburtshaus von Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann, einem Politiker, Doktor der Philosophie, Freund Mörikes, Pfarrer, Dichter, Historiker und Schriftsteller, außerdem Radikallinker. „Vielleicht hat es so kommen müssen, dass ich hier lande“, sagt Huth. Zwar ist er kein Radikallinker, aber ein Linker, oder vielmehr ein Sozialdemokrat. Deshalb will er selbst mitreden, vor allem, wenn es ums Leonhardsviertel geht. „Das empfinde ich als meine Pflicht“, sagt er. Vor allem mit den Veranstaltungen versuche er, Menschen ins Viertel locken, die sich sonst nicht dorthin trauen würden. Die Straßen sollen wieder belebt werden, ohne die Prostitution zu vertreiben. Das sei seine Vision: „Ich bin Heidelberger, ich weiß wie schön eine Altstadt sein kann.“




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