Lokalkrimi Unter Mördern und Männerhänden

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Die Werbetexterin Bea ermittelt wieder – in gleich zwei Mordfällen. Martina Fiess lässt ihrem Roman „Tod in Degerloch“ den „Tod in der Markthalle“ folgen.

Der heimtückische Mord ereignet sich bei einem Festakt in der Markthalle. Den wird es im Juli tatsächlich geben – hoffentlich ohne Mordabsichten. Foto: Leif Piechowski
Der heimtückische Mord ereignet sich bei einem Festakt in der Markthalle. Den wird es im Juli tatsächlich geben – hoffentlich ohne Mordabsichten. Foto: Leif Piechowski

S-Mitte - So viel des Endes sei vorab verraten: „In der Liebe ist es nie zu spät.“ Mit geborstenem Knöchel hinkt Bea dem Mann entgegen, dem ihr Herz gehört, was sie vor sich selbst so lang leugnete. Und er lächelt. Dies darf vorab verraten werden, weil die Liebe nicht das Thema des Romans „Tod in der Markthalle“ ist, den die Autorin Martina Fiess ihrem „Tod in Degerloch“ folgen lässt. Aber es ist nicht nur ein Mord in der Markthalle, berechnend begangen beim prunkvollen Festakt zu deren 100jährigem Bestehen – es sind zwei Morde, die Bea aufzuklären hat, die Werbetexterin des herzlosen Agenturchefs Hohlberg. Zu verraten, ob Bea die Aufklärung gelingt, wäre wohl auch nicht zu viel verraten.

Der Tod in der Markthalle ist eines jener Bücher, deren Verkaufskonzept Lokalkolorit ist: „Egal, ob Kriminalroman, Kleidung oder Kartoffeln – je mehr Heimat darin vorkam, umso besser ließ es sich verkaufen.“ So lässt es die Autorin ihre Hauptfigur erklären. Vielleicht ist dies nur bösartig männliche Sicht, aber darüber hinaus ist das Buch ein typischer Vertreter des Frauenromans, eine regenbogenbunte Mixtur aus angedeutetem Sex, Liebesleid, Lebenskummer, Klischee. Die ist nicht Fiess zu eigen. Das Genre erscheint so konstruiert, als kursiere eine Anleitung zum Textaufbau, gleich einem Werkstatthandbuch zur Autoreparatur.

Beas Geliebter ist ein treuloser Troll – aber verführerisch

Beas Geliebter ist ein treuloser Troll, aber „ihr Herz gerät aus dem Takt“, wenn er sagt: „Gerade nimmt dein Gesicht denselben verführerischen Erdbeerton an wie neulich, als ich dich ans Bettgestell gefesselt habe.“ Beas beste Freundin scheint immer schon vor Bea zu wissen, was Bea denkt. Beas Mutter ist eine nervende Glucke, die ihre Tochter „mit einer Salve aus Vorwürfen und Appellen“ beschießt. Beas Arbeit gleicht dem Sklavendasein. Beas Chef hält sich gleich zwei Mitarbeiterinnen als Gespielinnen. Die zweite Frau von Beas Vater – Gerit mit den jadegrünen Augen – ist so alt wie Bea selbst. Beas Kunde Wolfssohn starrt „Frauen bei Meetings penetrant auf die Brust“. Klar, er ist ja Bauunternehmer. So ist es eben, das wahre Leben.

Bei Fiess kommt noch der Mord obendrauf. Erstaunlich ist nicht das Wechselspiel stets ähnlicher Charaktere oder das Wortspiel mit Männerhänden, die sich „dann südlicheren Regionen widmen“. Erstaunlich ist das Frauenbild, das schreibende Frauen vermitteln. Dafür, dass Bea Schillers Sturm-und-Drang-Drama „Die Räuber“ als „blutrünstigen Thriller“ beschreibt, würden Alice Schwarzer und Gefährtinnen männliche Schreiber anknurren. Dafür, dass Bea nur mühsam Auto fährt, wenn ein ausladendes Kleid den Blick auf die Pedale verhüllt, würden sie den Testosteron-Vernebelten verbellen.

Warum ist das Leben so kompliziert? Man weiß es nicht

Bea entgeht kaum eine Gelegenheit, Naivität zu beweisen. Wenn ihr Auto ein Rad verliert, hält sie lieber nicht (und rammt einen Baum). Sonst könnte „ein übler Zeitgenosse mich verschleppen“. Einen Beweis für die Unschuld ihres Vaters versteckt sie. Man weiß ja nie, wofür er taugt. Daraus, dass der Täter einen Mantel trug, schließt sie, dass nimmer die kühle Britta die Mörderin ist. Klar: „Sie ist zu eitel, um sich einen weiten Trenchcoat anzuziehen“. Oder war gerade dies die Raffinesse der Tarnung? Derlei Irrungen werfen allgemeine Fragen auf: „Warum war das Leben nur derart kompliziert?“ – „Ging es allen Scheidungskindern so?“ Man weiß es nicht.

Fragwürdig ist auch manches im Fortgang der Handlung. Dass Mörder Beweise ihrer Schuld in ihren Arbeitszimmern horten, dürfte die Ausnahme bleiben, dass ein „Nicht“ den Sinn eines Satzes ins Gegenteil verkehrt, die Regel. Die Erkenntnis, dass maschinengeschriebene Briefe nicht derjenige verfasst haben muss, dessen Name unter ihnen steht, bedarf üblicherweise keines längeren Rätselns.

Faktisch ist zum Lokalkolorit anzumerken: Tageszeitungen berichten nicht ausführlich über Selbstmorde, allerdings vermutlich – womöglich sogar ausführlich – über das 100jährige Bestehen der Markthalle. Das wird im Juli gefeiert, wenn auch nicht mit einem prunkvollen Festakt, sondern mit einem Frühschoppen und hoffentlich ohne Mordabsicht.

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