Hendrik Lüdke im Krankenbett nach einer OP: Zweimal musste er in den vergangenen Monaten unters Messer. Foto: privat
Hendrik Lüdke aus Marbach (Kreis Ludwigsburg) gilt nach langer Krankheit als geheilt. Richtig gut geht es ihm dennoch nicht – und er sagt: Eine Chemotherapie hätte er abgelehnt.
Christian Kempf
27.10.2025 - 12:00 Uhr
Hinter Hendrik Lüdke liegen harte Zeiten. Vor etwas mehr als einem Jahr bekam er eine Nachricht, die ihn wie aus heiterem Himmel traf: Ein Arzt hatte Prostatakrebs bei ihm diagnostiziert. Der Vollblut-Lokalpolitiker verließ schweren Herzens und unter Tränen den Marbacher Gemeinderat und unterzog sich einer aufwändigen Behandlung – Operationen und Bestrahlung inklusive.
Eingriffe, die sich augenscheinlich gelohnt haben. Der 72-Jährige gilt seit wenigen Tagen als geheilt, stellt aber auch klar, dass die Krankheit und die Therapie ihren Tribut gefordert haben.
„Anderen geht es schlecher“
„Wenn jemand fragt, wie es mir geht, was oft vorkommt, will ich ehrlich antworten. Dann sage ich: ‚Mir geht es okay, aber nicht gut’“, erklärt er. Die Entfernung der Prostata hat ihm zwar wahrscheinlich das Leben gerettet, wirkt aber bis heute nach. „Ich habe einen ständigen Harndrang, schlafe deshalb schlecht, maximal vier bis fünf Stunden pro Nacht und das auch noch unterbrochen“, sagt Lüdke.
Besucht er Veranstaltungen, scannt er als Erstes die Toilettensituation. Längere Konzerte kommen für den gebürtigen Leipziger gar nicht mehr infrage. Er will nicht riskieren, dass ihm ein Malheur passiert. „Das ist schon ätzend, aber auch nicht dramatisch. Anderen geht es schlechter“, sagt Lüdke, der offen über seine Beschwerden und die Krankheit redet. Damit will er andere animieren, die Termine zur Früherkennung wahrzunehmen.
„Möchte keine Chemie in meinem Körper“
Der frühere Stadtrat macht allerdings auch keinen Hehl daraus, dass es für ihn bei der Behandlung Grenzen gibt. „Ich hätte zum Beispiel keine Chemotherapie machen lassen. Ich möchte keine Chemie in meinem Körper. Das wäre mir zu heftig“, sagt er. „Ich möchte mein Leben leben, so lange es geht, noch viele Fahrradtouren machen und irgendwann in Würde sterben“, fügt der Marbacher hinzu. Aber solche Entscheidungen müsse jeder für sich treffen. Das sei nicht als Ratschlag zu verstehen.
Bei Lüdke mussten solche ultraharten Geschütze ohnehin nicht aufgefahren werden. Er brauchte jedoch zwei Operationen. Zunächst erfolgte im Oktober 2024 die Radikalentfernung seiner Prostata. Allerdings verdunkelten die Ergebnisse der Nachuntersuchungen die Mienen der Ärzte. Der Wert des in der Prostata produzierten Enzyms PSA lag nicht bei null, womit Lüdke als geheilt gegolten hätte, sondern bei 0,28. Weitere Messungen ergaben stetig höhere Werte. Hieß: Der Krebs hatte ins Nachbargewebe der Prostata gestreut.
Die unerwünschten Zellen wollten die Mediziner per Bestrahlung zerstören. Doch Lüdkes Dünndarm hatte sich ins Zielfeld geschoben und drohte folglich, Schaden zu nehmen. Der Dünndarm musste letztendlich mit einem Netz angehoben und so in eine andere Position gebracht werden. Lüdke legte sich dafür am 8. April notgedrungen erneut unters Messer.
Hendrik Lüdke ist begeisterter Radler, was er jetzt wieder ausleben kann . Foto: Werner Kuhnle
Einen Monat später konnte die Bestrahlung endlich starten. Für Hendrik Lüdke entpuppte sich die Behandlung jedoch als Tortur. Der pensionierte Diplom-Verwaltungswirt musste zur Bestrahlung auf die Minute mit voller Blase und leerem Darm bereitstehen. Nur so war garantiert, dass sich alle Organe in der kalibrierten Position befanden.
„Ich hatte so einen Druck auf der Blase. Das waren teilweise echte Schmerzen. Das würde ich nicht mehr machen“, sagt Lüdke. 35-mal wurde der Vorgang wiederholt, jeden Werktag, ohne Ausnahme. Doch die Bestrahlung schlug immerhin an. Im September erhielt der vierfache Familienvater die frohe Botschaft: Der PSA-Wert hatte sich eingerenkt und Lüdke nach mehr als einem Jahr den Kampf gegen den Krebs gewonnen.
Nun kann er wieder Pläne schmieden. „Ich möchte mit meiner Frau Gabi möglicherweise mal wieder einen Urlaub machen“, sagt er. Der Schluchtensteig im Schwarzwald würde ihn reizen oder eine Wanderung im Allgäu. Längere Radtouren mit seiner Gabi stehen ebenfalls auf dem Programm.
In die Kommunalpolitik wird er hingegen nicht zurückkehren. Er hat unlängst als Zuhörer eine Ratssitzung verfolgt und gemerkt, dass er loslassen kann. „Ich habe den Saal ohne Wehmut verlassen“, sagt er, wenngleich er „natürlich eine Meinung zu den kommunalpolitischen Themen hat“.
Und was passiert, wenn der Krebs zurückkommt? Da Strahlen- und Chemotherapie für ihn kein Thema mehr sind, würde er es wohl mit alternativen Methoden probieren. „Ich habe aber auch keine Angst vor dem Tod, ich habe mich vielfach damit auseinandergesetzt“, sagt der Marbacher. Er sei kein Christ, aber religiös und glaube, dass der Tod nicht das Ende ist. „Richtig wehtun würde mir nur das Abschiednehmen von meinen Liebsten“, erklärt er.
Doch damit muss er sich derzeit nicht befassen, die schlimme Krankheit ist überwunden. Zugleich hat Lüdke die Schockdiagnose gelehrt, dass er keinesfalls unverwundbar ist, wie er immer glaubte. „Mir gefällt der Spruch der Schwiegermutter meines Sohnes gut, die in solchen Fällen sagt: ‚Der isch halt nimmer neu.‘“