Lokführer gesucht Neue Züge – doch wer sitzt im Cockpit?

Berufseinsteiger im Cockpit einer Lokomotive beginnen mit einem Gehalt von 2500 Euro, aber es gibt Zulagen. Foto: dpa

Im nächsten Jahr übernehmen zwei private Eisenbahnbetreiber das Stuttgarter Netz. Sie brauchen ziemlich schnell 600 Mitarbeiter – eine Verlockung für Beschäftigte der Deutschen Bahn, die ohnehin schon Personalprobleme hat.

Stuttgart - Vor zwei Jahren wurde das Ende des Monopolbetriebs der Deutschen Bahn im Raum Stuttgart eingeläutet. Künftig werden nach der Vergabeentscheidung im nun dreigeteilten Netz zwischen Nürnberg und Mannheim und zwischen Heilbronn und Ulm die privaten Unternehmen Abellio und Go Ahead unterwegs sein. Aber aus dem Stand einen Stamm von je rund 300 Mitarbeitern aufzubauen, und das in einer Region mit einem fast leergefegten Arbeitsmarkt, ist ambitioniert. Zumal den Unternehmen wichtig ist, eine ausreichend große Belegschaft zu rekrutieren, um Engpässe ausgleichen und damit verlässliche Arbeitszeiten bieten zu können.

 

Bei Go Ahead in der Stuttgarter Büchsenstraße herrscht bereits ein Kommen und Gehen von Bewerbern, der Geschäftsführer Peter Raue und der Kommunikationschef Erik Berktenhagen sind seit Monaten auf der Suche. Bei Abellio in der Presselstraße sind die Ausbildungsräume für Schulabgänger und Quereinsteiger noch verwaist. Man starte nach Dreikönig durch, kündigt der Geschäftsführer Andreas Moschinski an, der von der Deutschen Bahn gekommen ist. Erst wollte er die Tarifverträge mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) unter Dach und Fach bringen. Am 15. Dezember war es so weit, einen Tag zuvor hatte Go Ahead seine Verträge geschlossen.

Was machen die Mitarbeiter?

Der DB Regio Verkehrsvertrieb hat rund 800 Mitarbeiter, der unerwartete Verlust des Stuttgarter Netzes macht die Lokführer und Zugbegleiter wegen der Beschäftigungssicherung zwar nicht arbeitslos, auf ihren Strecken können sie vom nächsten Jahr an aber nur noch fahren, sofern sie den Konzern verlassen. Eine schwere Entscheidung ist das vor allem für Kollegen, die seit langem bei der DB beschäftigt sind. Diese hat, wie vorgeschrieben, im November die Belegschaft angeschrieben und über Wechselmöglichkeiten informiert. Nicht nur die Privaten suchen händeringend Lokführer und Zugbegleiter, auch bei der Bahn selbst sind sie Mangelware, im Fern-, wie im Regionalverkehr, und auch die S-Bahn könnte Verstärkung gut gebrauchen.

Was interne Wechsel erschweren, sind womöglich größere Distanzen zwischen dem Wohnort und der Arbeitsstelle. Viele Lokführer hegen eine Abneigung gegen einen Job im Nahverkehr. Wer wechseln will, erhofft sich vergleichbare Leistungen. Altgedientes Personal kann zwar nicht auf alle in vielen Jahren erkämpfte Vergünstigungen spekulieren, jedoch auf eine marktgerechte Vergütung gemäß dem Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) schon.

Jeder bekommt ein Tablet

Die Betriebszugehörigkeit wird angerechnet, es wird bei allen Betreibern marktübliche Zulagen geben. Go Ahead wirbt damit, dass jeder ein Tablet und ein kostenloses Girokonto mit Kreditkarte erhalte. Die Arbeitszeit betrage 38 Stunden pro Woche, nach den derzeitigen Planungen sollten mindestens 20 freie Wochenenden möglich sein. Die Firma Abellio wird demnächst mit ihren Arbeitsbedingungen werben, große Unterschiede sind bis auf die um eine Stunde höhere und bezahlte Wochenarbeitszeit nicht zu erwarten. Der DB Regio Verkehrsbetrieb betreibt den Wartungs- und Abstellbahnhof im Rosensteinpark vorerst weiter, bald aber mit weniger Personal. Viele gefragte Fachkräfte sind schon in die Privatwirtschaft gewechselt.

Für viele Kinder ist es der Berufswunsch schlecht hin, die Arbeit in der Kanzel ist abwechslungsreich und verantwortungsvoll. Dem steht aber regelmäßige Schicht- und Nachtarbeit gegenüber, nach Unfällen mit Suizid kehren viele nicht zurück. Das Gehalt ist nicht gerade üppig. Lokführer beginnen mit 2500 Euro, es gibt aber noch Zulagen für Sonderschichten. Zugbegleiter beginnen mit 2100 Euro und verdienen auch nach 30 Jahren nicht sehr viel mehr. Team- oder Gruppenleiter, Ausbilder oder Disponenten beginnen bei 3100 Euro Euro. Schuld an dem Mangel ist laut dem GDL-Boss Claus Weselsky der Branchenführer Deutsch Bahn, der zu wenig ausbilde.

Wie geht es weiter? Der Go-Ahead-Geschäftsführer Peter Raue will bis Betriebsbeginn Mitte sowie Ende 2019 rund 150 Lokführer und 120 Zugbegleiter verpflichtet haben. Dafür verhandelt er mit Bahn-Beschäftigten, außerdem würden Gespräche mit Bewerbern geführt, die die Agentur für Arbeit vermittelt oder die sich bei Jobmessen, Beratertagen und vom Social-Media-Aufritt angesprochen fühlten. Zehn Monate dauert die bezahlte Ausbildung zum Triebfahrzeugführer, ein halbes Jahr braucht es, um die nötigen Fertigkeiten eines Zugbegleiters zu vermitteln. Bisher haben sechs Kurse mit bis zu 15 Teilnehmern begonnen. Am Ende dürfte jeder Dritte den Führerschein erhalten. Nach der Ausbildung werden die Lokführer auf Strecken eingesetzt, die Go Ahead bereits betreibt. Im Herbst sollen die Testfahrten mit neuen Fahrzeugen beginnen.

Wertschätzung mit Kaffeemaschine

Abellio kommt zum Jahresanfang in die Gänge. Der Geschäftsführer Moschinski will ein offenes Ohr für die 300-köpfige Belegschaft haben, die kundenfreundlich und sympathisch rüberkommen soll. Damit sich alle wertgeschätzt fühlen, wurde die Kaffeemaschine zum Allgemeingut erklärt und der Standort auch für die Ausbildung von Lokführern und Zugbegleitern ausgerüstet. Bewerber sollten mindestens 20 Jahre alt sein, fließend deutsch sprechen und schreiben können, einen Führerschein und eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem gewerblich-technischen Beruf haben. Wichtig für Zugbegleiter ist ein gepflegtes Erscheinungsbild, ein Berufsabschluss und Erfahrung im Kundenservice. Angesprochen dürfen sich daher Beschäftigte in Gastronomie und Hotellerie fühlen.

Die Firma Abellio Rail Baden-Württemberg, eine Tochter des niederländischen Staatskonzerns, sicherte sich für die nächsten 13 Jahre mit der Neckartalstrecke das größte von drei Streckenpaketen. 6,8 Millionen Zugkilometer werden dort pro Jahr gefahren. Im Juni 2019 geht die Strecke Stuttgart – Pforzheim/Bruchsal in Betrieb, im Dezember folgt Stuttgart – Heilbronn – Mannheim/Osterburken und ab Juni 2020 Stuttgart – Tübingen.

Go Ahead-Baden-Württemberg, eine Tochter der gleichnamigen britischen Firma, fährt von Mitte 2019 an auf den Strecken Rems-Fils (Stuttgart – Aalen – Crailsheim und Stuttgart – Geislingen (Steige) – Ulm sowie Franken-Enz (Stuttgart – Aalen, Stuttgart – Karlsruhe und Stuttgart – Heilbronn – Lauda – Würzung rund acht Millionen Zugkilometer pro Jahr. Mittlerweile ist die länderübergreifende Murrbahn zwischen Stuttgart und Nürnberg mit 1,3 Millionen Zugkilometern hinzugekommen.

Go Ahead hat für die neuen Strecken 59 Triebzüge bei der Firma Stadler in Berlin-Pankow geordert, die Firma Abellio 49 Fahrzeuge bei Bombardier. Alle erhalten das einheitliche Landesdesign, sind drei bis sechsteilig, haben bis zu 329 Sitzplätze und 24 bis 51 Fahrradabstellplätze. Sie sind alle niederflurig und barrierefrei. Versprochen wird ein zeitgemäßes Fahrgastinformationssystem, das sehr schnell über Änderungen im Fahrplan berichten soll – im Fahrzeug, am Bahnhof und auf einer App. Deshalb ist auch WLAN Standard. Die Firmen haben die Fahrzeuge ausgewählt, aber die Landesanstalt für Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg (SFBW) hat sie gekauft und verpachtet.

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