Friedhof und KZ-Gedenkstätte in Vaihingen/Enz sind Ziel der Lokstoff-Zugfahrt; dort stehen Luigi Toscanos Fotografien Holocaust-Überlebender im Mittelpunkt einer Theateraufführung. Foto: Simon Granville, Lichtgut/Max Kovalenko
Das Stuttgarter Theaterkollektiv Lokstoff ist mit einer besonderen Bahnfahrt zur KZ-Gedenkstätte in Vaihingen/Enz an der bundesweiten Initiative „Kultur gegen das Vergessen“ beteiligt.
Wie hält man die Erinnerung an die NS-Zeit und ihre menschenverachtenden Verbrechen lebendig, wenn immer weniger Zeitzeugen davon berichten können? Der Künstler Andreas Lechner hat sich diese Frage zur Aufgabe gemacht und rund um den internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocausts am 27. Januar eine Veranstaltungsreihe initiiert. „Kultur gegen das Vergessen“ heißt sie. Auftakt war 2025, als sich die Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz zum 80. Mal gejährt hatte; es gab Ausstellungen, Lesungen und Filmvorführungen in Berlin.
In Zukunft will Andreas Lechner „Kultur gegen das Vergessen“ ausweiten. In diesem Jahr ist jenseits von Berlin, wo sich Schauspielgrößen wie Martin Feifel und Angela Winkler engagieren, allerdings nur das Stuttgarter Theater-Kollektiv Lokstoff mit dabei – stellvertretend für Baden-Württemberg.
Theaterensemble Lokstoff spielt in der Region Stuttgart gegen das Vergessen an
„Andreas Lechner kam auf die Empfehlung der Bertold-Leibinger-Stiftung auf uns zu, die uns seit vielen Jahren fördert. Auch ihm hat unsere intensive Arbeit zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum gefallen“, sagt Kathrin Hildebrand, die künstlerische Leiterin von Lokstoff. Theater an ungewöhnlichen Orten als niederschwelliges Angebot zu spielen, ist seit mehr als 20 Jahren das Markenzeichen des Ensembles. Auch für „Kultur gegen das Vergessen“ hat Lokstoff schnell passende Ideen und zum Glück auch Fördermittel gefunden.
Neben der Berthold-Leibinger-Stiftung ermöglichen Stolperkunst und die Wüstenrot-Stiftung das Lokstoff-Projekt „Wege der Erinnerung“, das am 27. Januar zu einer „performativen Bahnfahrt gegen das Vergessen“ einlädt und Lesung, Ausstellung sowie Theater bietet. Start ist in Stuttgart, Ziel ist die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen/Enz, ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Die Teilnahme ist kostenlos, dabei sein können rund 35 Personen aus Stuttgart, in Vaihingen/Enz stoßen nochmals 20 dazu.
Katrin Hildebrand in der Lokstoff-Produktion „Familienabend – Eine Erinnerung für die Zukunft“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Bereits auf dem Weg zum Zug, während der Fahrt und beim Fußmarsch zum Friedhof des KZ sowie zur Gedenkstätte lesen Kathrin Hildebrand und Simon Kubat aus Biografien und Texten von deportierten Stuttgarter NS-Opfern, über Kopfhörer hört die Lokstoff-Reisegruppe zu. „Wir haben uns bei der Suche nach diesen Erinnerungsstücken auf den Moment fokussiert, wenn jemand seine Wohnung verlässt und weiß, dass er nicht mehr zurückkommen wird“, sagt Kathrin Hildebrand zu ihrer Auswahl. Auch wenn die meisten in den Tod fuhren, gebe es doch einige Quellen, erläutert Kathrin Hildebrand ihre Recherche und fügt an: „Alles, was wir gefunden haben, deutet darauf hin, dass die Menschen das Gefühl hatten, dass sie nicht zurückkehren werden.“
Andreas Lechners Veranstaltungsreihe will aufrütteln
Genauso wie „Wege der Erinnerung“, also vielstimmig und sinnlich erfahrbar, wünscht sich Andreas Lechner die Veranstaltungen, die er für „Kultur gegen das Vergessen“ versammelt. „In Zeiten zunehmender rechter Ideologien und wachsendem Antisemitismus will das Projekt Räume schaffen, in denen Kunst nicht nur unterhält, sondern aufrüttelt“, sagt der Initiator zu seiner Idee.
„Wege der Erinnerung“ muss man sich erlaufen
Texte über die Tage des Abschieds, das Packen, das Verlassen der Wohnungen, den Marsch zum Sammelplatz und den Beginn der Deportation haben die Lokstoff-Rechercheure für „Wege der Erinnerung“ aufgespürt. Wer sie hören will, muss dafür selbst rund 35 Minuten an Fußweg auf sich nehmen. „Alles findet draußen statt“, sagt Kathrin Hildebrand. „Wer mitkommt, sollte sich warm anziehen und eine Taschenlampe mitbringen, denn der Weg vom Bahnhof zum Friedhof ist nicht beleuchtet.“
An der Gedenkstätte selbst spielen vier Mitglieder aus dem Lokstoff-Jugendensemble die 2021 mit 20 jungen Menschen entwickelte Produktion „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“, die sich aus der Geschichte zweier Überlebender und Franck Pavloffs Fabel „Der braune Morgen“ zusammensetzt, begleitend dazu sind Fotografien aus dem Holocaust-Gedenkprojekt des italienischen Fotografen Luigi Toscano zu sehen. „Durch eine Förderung hatten wir 2025 nochmals die Möglichkeit, das Stück mit einem neuen Ensemble einzustudieren“, sagt Kathrin Hildebrand. Lokstoff hat es auch für Schulvorstellungen im Repertoire.
Startpunkt ist am Hauptbahnhof Stuttgart
„Wege der Erinnerung“ startet am 27. Januar um 18.30 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof und dauert inklusive Rückfahrt rund zwei Stunden. Nach der Aufführung besteht Gelegenheit, die KZ-Gedenkstätte zu besichtigen. Die Teilnahme ist kostenlos, bedarf aber eines gültigen Fahrscheins und einer Anmeldung per Mail an: nicola.merkle@lokstoff.com
Lokstoff
Repertoire Das Theaterkollektiv Lokstoff hat bereits 2018 mit dem Stück „Familienabend – Eine Erinnerung für die Zukunft“ an deportierte Stuttgarter erinnert. Die Produktion, die ausgehend von hier verlegten Stolpersteinen entwickelt wurde, ist aus aktuellem Anlass auch im Februar, Juni und Juli zu sehen. 2021 kam das mit dem Lokstoff-Jugendensemble erarbeitete Stück „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“ dazu, bei dem Jugendliche Luigi Toscanos Porträts von Holocaust-Überlebenden bespielen.