Lokstoff-Produktion in der Stadtbibliothek Kampf gegen Antisemitismus: Schützt Bildung vor Barbarei?

Lokstoff holt Fred Uhlmans Roman und seine Protagonisten in die Gegenwart der Stadtbibliothek. Foto: Lokstoff/Zoia Volk

Kann Bildung Barbarei abwenden? Die Theatermacher von Lokstoff suchen in der Stadtbibliothek und in Fred Uhlmans Roman „Der wiedergefundene Freund“ nach Antworten. Das bietet die neue Lokstoff-Inszenierung.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Bücherknast nannten die Stuttgarter ihre neue Stadtbibliothek mal spöttisch. Heute erfreut sich der Würfel, den sein Architekt als Schutzburg und Wissensspeicher konzipierte, großer Beliebtheit. Viele Menschen gehen jedenfalls am Donnerstagabend darin treppauf und -ab und versuchen neugierig einen Blick auf das zu werfen, was unten im hohen Innenraum abgeht.

 

Nicht ohne Grund haben die Theatermacher von Lokstoff diesen Ort gewählt, um Fred Uhlmans Roman „Der wiedergefundene Freund“ auf seine Aktualität hin zu befragen. Ist dieser Bücherwürfel wie der Tempel des Humanismus, als den der jüdische Schüler Hans sein Gymnasium beschreibt? Ein Schutzraum der Bildung, der unter Umständen gar nicht schützt, sondern aussperrt – wie Hans, der 1933 nach New York fliehen muss? Ganz klar: Die neue Lokstoff-Produktion ist in einer Zeit, die wieder von Reimmigration spricht und gegen Antisemitismus kämpft, höchst aktuell.

Momente enormer Beklemmung

Was als animierte Lesung aus zwei der hohen Fenster herab beginnt, erobert in der direkten Begegnung von Hans und Konradin den Raum, die Liebe zur Kultur verbindet die beiden. Die traurige Geschichte einer Freundschaft, das Glück ihres Wachsens und der Schmerz ihres Verrats, ist somit nicht nur im Text, sondern sehr körperlich präsent. Vor allem im Gegenüber der Schauspielerin Kathrin Hildebrand und ihres Kollegen Simon Kubat gelingen Momente enormer Beklemmung, wenn Enttäuschung und Zweifel sich zwischen zwei Menschen drängen, sich auf ihre Stimmen legen.

Der Tanz bringt in der Inszenierung von Wilhelm Schneck die Freundschaft zwischen dem Aristokraten Konradin und dem Juden Hans auf eine menschliche Ebene, untermalt vom Cellospiel Natanaël Lienhards. Als Geistesverwandte, die sich wortlos verstehen, streifen die Tänzer Darwin Diaz und Daniel Medeiros auf Filmbildern durch Stuttgart, alte Sequenzen deuten Vorkriegs-Idylle an. Wie süße Früchte pflücken die Tänzer später das Glück live aus der Luft, wirbeln im Raum, treffen sich in synchronen Bewegungen – um nach der Anpassung Konradins an völkische Verhältnisse wie von einer unsichtbaren Wand getrennt zu agieren.

Szene aus der neuen Lokstoff-Inszenierung Foto: ls/Zoia Volk

Schade, dass Phaedra Pisimisis Choreografie nicht mehr Raum bekam; vielleicht hätte sie dann mutiger emotionale Zustände sichtbar machen können. Von Text überlagert, wird der Tanz zur Illustration. Der großen Präsenz aller Darsteller gelingt es dennoch, Uhlmans Roman ins Hier und Jetzt zu holen – und uns frösteln zu lassen vor dem Wind, der trotz Schutzburgen kalt durchs Land pfeift.

Info

Termin
Weitere Aufführungen von „Der wiedergefundene Freund“ spielt das Theater Lokstoff am 12., 13., 19., 20., 26. und 27. April. Dank der Unterstützung der Berthold-Leibinger- und der Hanns-Pielenz-Stiftung gibt es kostenlose Schulvorstellungen am Vormittag.

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