„Lolita“ im Stuttgarter Schauspielhaus Frühreife Göre im Turnunterricht

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Unbedarft geht die Pädophilen-Welt zugrunde: Christopher Rüping bringt im Stuttgarter Schauspielhaus „Lolita“ auf die Bühne – und verschärft damit die Krise des Theaters von Armin Petras.

Sexy Leibesübungen: Svenja Liesau als Lolita im Stuttgarter Schauspielhaus Foto: Conny Mirbach
Sexy Leibesübungen: Svenja Liesau als Lolita im Stuttgarter Schauspielhaus Foto: Conny Mirbach

Stuttgart - Man kommt sich vor wie an Weihnachten, wenn im Fernsehen so sicher wie das Amen in der Christmette die „Feuerzangenbowle“ läuft. „Wat is’ ne Dampfmaschin’?“, fragt da der Lehrer Bömmel seine Schüler, bevor er in die didaktische Trickkiste greift und die wunderliche Welt der Physik erklärt: „Da stelle mer uns mal janz dumm und sagen: En Dampfmaschin’ iss ne jroße, runde, schwarze Raum. Und der jroße, runde, schwarze Raum, der hat zwei Löcher.“ So geht der Unterricht im Komödienklassiker von 1944, dessen Geist freilich derart unverwüstlich ist, dass er mehr als siebzig Jahre sogar auch noch durchs Theater spukt. Zum Auftakt der Stuttgarter „Lolita“ stellt sich nämlich auch das Inszenierungsteam mal janz bömmelhaft dumm, wie wir aus dem Mitschnitt der „Konzeptionsprobe 12. September“ erfahren.

Während Datum und Anlass dieser Probe jetzt auf die Bühne projiziert werden, hören wir aus dem Off das dazugehörende Tonbandprotokoll: „Ich hoffe, ihr hattet einen schönen Sommer“, sagt der Christopher zur Begrüßung der Truppe und gibt das Wort an Bernd. Und der Bernd sagt Grundsätzliches: „Also, ,Lolita’ ist ein ziemlich dicker Roman. Er hat fast sechshundert Seiten“ – doch als er nun zu seiner mit Spannung erwarteten, weil womöglich auch schwarze Löcher beinhaltenden Romananalyse ausholen will, wird er harsch und rüde unterbrochen. „Entschuldigung, aber wer bist Du überhaupt?“ keilt ein Schauspieler dazwischen, dem das intellektuelle Gelaber auf die Nerven zu gehen scheint. „Ich bin der Bernd“, sagt Bernd, „aber wer bist Du?“ – „Ich bin neu“, sagt der Neue, bei dem es sich um Peer handeln muss, Peer Oscar Musinowski, der seit dieser Spielzeit dem Ensemble von Armin Petras angehört. So, das wäre geklärt. Alles andere aber bleibt nach dem insgesamt zehnminütigen Tonbandprolog, den die sieben Schauspieler nutzen, um stumm an die Rampe zu treten, offen – und zwar den ganzen, in seiner Konzeptlosigkeit fast unerträglichen, drei Stunden weilenden Abend.

Orientierungslos turnt sich die Regie durch den Plot

Der Regisseur, der das verbrochen hat, heißt Christopher Rüping. Zwei Inszenierungen hat er in Stuttgart bereits herausgebracht, Ibsens „Peer Gynt“ und Thomas Vinterbergs „Das Fest“, mit dem er im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen gastieren durfte. Rüping, Jahrgang 1985, ist ein gehypter Mann und arbeitet seit Saisonbeginn als Hausregisseur fest an den Münchner Kammerspielen, die gerade im Begriff sind, ihren Ruf als eine der renommiertesten Bühnen im deutschsprachigen Raum zu verlieren. Angesichts der dramaturigsch-ästhetischen Dürftigkeit, mit der Rüping jetzt im Schauspielhaus auftritt, mag das nicht weiter verwundern: Wenn er seine „Lolita“ so scheinbar voraussetzungslos eröffnet, wie er das im akustischen Vorspiel tut, wenn er sich also gemeinsam mit dem Ensemble treuherzig naiv dem komplexen Stoff rund um das brisante Thema der Pädophilie nähert, dann weckt er mit seiner kokett ausgestellten Unbedarftheit die Erwartung, einen neuen, unverbrauchten, überraschenden Blick auf die unerhörte Geschichte der Kindfrau zu wagen, die ihren Stiefvater sexuell in Bann schlägt. Rüping aber erfüllt diese Erwartung nicht im Mindesten. Schlimmer noch: Konventionell, aber völlig orientierungslos turnt er sich durch den Plot des Romans, ohne auch nur ein Argument zu liefern, weshalb man das Prosawerk überhaupt auf die Bühne bringen sollte.

Vladmir Nabokovs 1955 erschienene „Lolita“ ist nicht nur ein „dicker Roman“, wie uns Bernd – Nachname: Isele, Beruf: Dramaturg – vom Band wissen lässt. Er ist auch ein virtuos komponierter Roman, der zum Klassiker der Weltliteratur aufgestiegen, deshalb aber noch längst nicht entschärft ist. In „Lolita“ tickt nach wie vor eine Zeitbombe. Nabokov schildert den sexuellen Missbrauch der zwölfjährigen Titelheldin durch den dreimal so alten, sechsunddreißigjährigen Humbert Humbert, der die Mutter ehelicht, um der Tochter nah zu sein. Doch dem Autor geht es in nicht um anrüchige Stellen. Als ein amerikanischer Matrose, so heißt es, die ersten Seiten des Buchs gelesen hatte, warf er es enttäuscht in die Ecke: „It is goddamn’ literature“, soll er geflucht haben, „verdammte Literatur“ – und das ist „Lolita“ ohne Zweifel, dieser in der Ich-Form abgelegte Lebensbericht des kultivierten Mr. Humbert, der als Literaturprofessor an der Uni arbeitet, bevor ihn die Obsession für das „Nymphchen“ an die Grenze des Wahnsinns und darüber hinaus treibt. Im Romanfinale schildert er, wie er seinen Nebenbuhler Clare Quilty in dessen sündenpfuhliger Villa hinrichtet – und darum, wegen Mordes, sitzt Humbert jetzt in Haft und legt rückblickend ein sehr differenziertes Zeugnis ab von seiner rasenden Leidenschaft für kleine Mädchen.

Vier Humberts, drei Lolitas

So lernt man diesen Pädophilen also kennen: als feinsinnigen Ästheten und skrupellosen Kinderschänder, als unbestechlichen Beobachter und zynischen Scharfrichter, als leidende Kreatur und triebgesteuerte Bestie. All diese Eigenschaften vereint der Professor in sich, gleichzeitig und nebeneinander, weshalb es nicht leicht ist, ein endgültiges Urteil über diesen Mann zu fällen. Zumindest nicht in dem vor Reichtum und Anspielungen strotzendem Roman von Nabokov. Anders freilich, unfassbar schlicht, sieht es bei Rüping auf der Bühne aus. Statt sich an der Komplexität des Humbert’schen Charakters abzuarbeiten, teilt er die Figur auf seine vier männlichen Darsteller auf. Paul Grill, Matti Krause, Andreas Leupold und der neue Musinowski: Jeder der Herren darf auf seine grobschlächtige Art mal Humbert sein, so wie – umgekehrt – bei den Damen jede auch mal eine Ausgabe von Lolita spielen darf.

Malwine Lauxmann, vermutlich um die zwölf und als Laiendarstellerin dazugeholt, gibt das zart unschuldige Mädchen, das an Humberts Schutzinstinkte appelliert. Svenja Liesau mimt die frühreife Göre, die Humberts sexuelle Obsessionen auslöst. Und Julischka Eichel wird, nachdem sie unter den Discoklängen von „Moi Lolita“ noch als Kindfrau auf Rollschuhen verführerisch in die Szene gefahren ist, zur kreuzbraven und grundbiederen Ehefrau von Mr. Richard Schiller, den sie nach ihrer Humbert-Humbert-Odysee durch die Staaten zum Gatten gewählt hat. Schließlich gesellt sich noch Birgit Unterweger hinzu, die kurz vor der Premiere für die zwischenzeitlich erkrankte Eichel eingesprungen ist, Lolitas Mutter verkörpert und – aber lassen wir das. Die Verwirrung ist schon groß genug, vor allem auf der Bühne.

Teletubbies im Filmstudio

Denn das ist, neben der Konzeptlosigkeit, das zweite große Manko der Inszenierung: Sie steht nicht auf eigenen Beinen. Wer den Plot der „Lolita“ nicht kennt, sei’s aus dem Roman, sei’s aus der Verfilmung durch Stanley Kubrick, verliert sich hoffnungslos im Dickicht der Figuren und Orte. Er irrt dann beispielsweise umher zwischen Teletubbies in Trauerflor, die mal Scheinwerfer, mal Mikrofongalgen über die mit Versatzstücken eines Wohnhauses vollgestellte Bühne tragen, wobei – aufgepasst – hinter dem uncharmanten Werkstattambiente noch eine weitere Regie-Idee steckt. Rüping hat nämlich nicht die „Lolita“ an sich dramatisiert, sondern das von Nabokov verfasste, allerdings selbst von Kubrick nicht realisierte Drehbuch dazu. Das erklärt immerhin einige der szenischen Filmstudio-Einfälle, von denen die meisten indes derart abgeschmackt sind, dass sie das Papier nicht wert sind, auf denen sie beschrieben werden wollen: Nachdem sich Lolitas Mutter mit Dosenblut verschmiert hat, wird der Autounfall, dessen Opfer sie gleich werden wird, feuerzangen-bömmelhaft auf einer Schultafel nachgezeichnet. „Lolita“ handelt von einem Kind, das begehrt und missbraucht wird, aber man muss darum nicht gleich kindisch werden – und man muss auch nicht unentwegt die Drehbühne in Gang setzen und Lieblingsmusik auflegen, damit sich wenigstens etwas bewegt in diesem sonst sehr gedankenleeren Raum eines Inszenierungs-Nichts.

Mit diesem Saisonauftakt hat der Intendant Armin Petras nichts gewonnen. Sein Schauspielhaus steckt tiefer in der Krise denn je.

Weitere Aufführungen am 11. und 14. November sowie am 2., 8., 18. und 21. Dezember.