Lost Place in Stuttgart Gähnende Leere am ehemaligen Autohaus in Degerloch
Die VW-Niederlassung in Degerloch ist seit dem Ende des vergangenen Jahres ein verlassener Ort. An diesem Zustand wird sich auch so schnell nichts ändern.
Die VW-Niederlassung in Degerloch ist seit dem Ende des vergangenen Jahres ein verlassener Ort. An diesem Zustand wird sich auch so schnell nichts ändern.
Auf der Bewertungsplattform „Wer kennt den Besten“ steht die Degerlocher Niederlassung weiterhin an erster Stelle der Beliebtheitsskala für Stuttgarter VW-Händler und -Werkstätten. 91,16 Prozent der abstimmenden Kundschaft würde das Autohaus an der Schöttlestraße weiterempfehlen. Allerdings läuft dieser überzeugende Online-Tipp ins Leere. Seit Ende des vergangenen Jahres ist die Verkauf- und Reparaturstelle hinter der Stadtbahnhaltestelle Albstraße geschlossen. Auf einer Sperrholzwand hinter der Glasfront des verwaisten Gebäudes ist ein von der Geschäftsleitung hinterlassener Sinnspruch zu lesen. „Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“ Dass sich allerdings dieser Zauber in absehbarer Zeit an dieser Stelle entfalten wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass dieser verlassene Ort den Status „Lost Place“ auf Dauer erhält.
„Nach Rücksprache mit unserem Asset-Management kann ich Ihnen leider nur mitteilen, dass für das genannte Gelände bisher noch keine Planung feststeht“, lautet die schnelle schriftliche Antwort auf eine entsprechende Anfrage bei der Grundstückseigentümerin, der VW Immobilien GmbH in Wolfsburg. Das deutet auf viel Zeit hin, sich an den Ist-Zustand zu gewöhnen. Und der sieht so aus: Das Gelände rund um Werkstatt und Verkaufsräume mit der Hausnummer 26 ist mit hohen Gitterzäunen abgesperrt. Das Schild mit dem obligatorischen Hinweis, dass das Betreten des Grundstücks verboten ist und Eltern für ihre Kinder haften, darf natürlich nicht fehlen.
Der Parkplatz, auf dem die Servicekunden ihre Autos abgestellt hatten, wirkt ohne ein einziges Fahrzeug jetzt noch viel größer als zu Betriebszeiten. Das frei geräumte Parkdeck mit seiner steilen Auffahrt präsentiert sich blickdurchlässig. Die Garagentore der Werkstatt sind heruntergelassen. Im Verkaufs- und Büroraum steht noch ein einzelner Schreibtisch, umgeben von zwei Stühlen, Kartons und einem Gabelhubwagen a.D., der fürs Palettenstapeln verwendet wurde. Jetzt stapelt sich nur noch der Staub.
Im Oktober 2021 hatte Jörg Berghofer, der Geschäftsführer der Volkswagen Automobile Stuttgart, über die Schließung der Degerlocher Filiale zum Jahresende informiert. „Nach 18 Jahren und schweren Herzens“, wie es in dem Schreiben heißt. Als Grund wurde der „rasante Wandel“ und die aktuellen Anforderungen in der Automobilindustrie angeführt, der der Standort an der Schöttlestraße nicht mehr gerecht werde. Aus dem in einem etwas schwergängigen Autoindustrie-Deutsch gehaltenen Schreiben ist herauszulesen, dass die Degerlocher Niederlassung der Entwicklung mit Blick auf die E-Mobilität und die Digitalisierung technisch nicht mehr gewachsen war. Der Standort an einer engen Wohnstraße wird auch eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Weiter werden die berühmten „Synergie-Effekte“ angeführt und man verweist auf die anderen Stuttgarter VW-Niederlassungen in Vaihingen, Wangen und Feuerbach. An diese Standorte seien auch die meisten Degerlocher Mitarbeiter gewechselt, heißt es in der Erklärung. Eine Lücke hinterlässt die Schließung des Autohauses aber auch noch in einem ganz anderen, kulturellen Bereich.
Die Niederlassung bot Musikern und Theatergruppen immer wieder eine Bühne. Vor gut einem halben Jahr ist damit auch in diesem Fall der letzte Vorhang gefallen. Auf der anderen Seite haben die Anwohner der Schöttlestraße durch die Geschäftsaufgabe ein deutlich geringeres Verkehrsaufkommen vor der Nase. Was die Idee nahe legt, auf dem Degerlocher Gelände den Weg für Wohnungsbau frei zu machen. Ungenutzter Platz ist dafür reichlich vorhanden und die Wohnungsnot in Stuttgart ist groß.