Sand, Rasen, Kunststoff, Teppich, Beton. Diesen Untergrund können Tennisplätze haben. In Stuttgart-Sonnenberg allerdings ist nun ein neuer hinzugekommen: eine Moos-Asche-Gestrüpp-Mischung. Auf der seit zweieinhalb Jahren nicht mehr bespielten Anlage herrscht Wildwuchs. Zur aktuellen Nutzung müsste erst noch eine neue Sportart erfunden werden. Dschungeltennis, in einer Hand der Schläger, in der anderen die Machete. Der Ball darf dabei mit beiden Geräten über die zwei noch hängenden Netze geschlagen werden.
So sieht also ein Lost Place des Stuttgarter Sports aus – ein verlassener, ein verlorener Ort. An der Falkenstraße 70, am Ende einer sehr ansehnlichen Wohngegend, verwandeln sich die elf Plätze in einen wildwuchernden Dschungel. Ringsum gepflegte Gärten und nebenan dieses Schmuddelkind der Natur.
Auf der Terrasse dem Sonnenuntergang entgegengeblinzelt
Wer dort auch nur einmal an einem warmen Sommerabend Tennis gespielt und danach auf der Terrasse bei einem Getränk dem Sonnenuntergang entgegen geblinzelt hat, den muss beim aktuellen Anblick die Melancholie überkommen. Wie war es hier früher doch schön. Freunde und Freundinnen des morbiden Flairs dagegen erfreuen sich hier an einem Lost-Place-Paradebeispiel und erkennen darin eine ganz eigene Ästhetik.
Ein lachendes und ein weinendes Auge macht Sven Weinberger auch für sich geltend. „Auf der einen Seite bin ich traurig darüber, wie es hier im Vergleich zu früher aussieht, andererseits bin ich froh, dass ich den Stress mit der Anlage nicht mehr habe“, sagt der langjährige Chef der Sonnenberger Tennisplätze. „Jetzt habe ich endlich mehr Zeit für meine zehnjährige Tochter, die ich aufwachsen sehen will.“ Der enorme Aufwand als Organisator, Platzwart, Gastronom und Trainer in Personalunion ließ ihm zuletzt keine Zeit mehr für Familie. Jetzt will er nur noch Vater und Trainer sein.
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Sven Weinberger wurde in das Tennisgeschäft hineingeboren. Sein vor zehn Jahren verstorbener Vater baute die Plätze im Jahr 1961 auf städtischem Grund und Boden. Tennis für alle wollte Jens Weinberger damals bieten. Mietplätze waren seine Idee. Weinberger senior erkannte schon früh das Potenzial im Tennis, Volkssport zu werden. Kein Wunder, ist bei den Weinbergers doch schon seit Generationen die SPD die Familienpartei. Dort störte man sich aus Tradition daran, dass manche Sportarten oft nur von Vermögenden betrieben werden können.
Jens Weinberger holte das Tennis in Stuttgart aus der elitären Clubecke, wo die Mitgliedschaft früher häufig mehr gesellschaftliches Ereignis und weniger sportliches gewesen war. Auch sein Sohn Sven ist als Chef dieser Linie treu geblieben. Mehr als 15 Euro hat der Platz pro Stunde bei ihm auch in den beliebten frühen Abendstunden zuletzt nicht gekostet.
Berühmt für Stuttgarts ersten Rasentennisplatz
Die Weinbergersche Tennisoffensive nahm in Sonnenberg ihren Anfang, im Lauf der Zeit kamen Plätze in Stammheim, Hofen und Ostfildern hinzu. Ergänzt wurde das Angebot durch ein Unternehmen, das Tennisreisen veranstaltet hat. Der Becker-Boom in den 1980er Jahren spielte der Geschäftsidee in die Karten. Später sorgte auch noch Stuttgarts erster Rasentennisplatz für großes Interesse an der Sonnenberger Anlage.
Nach einer Delle, als die Zugkraft des Tennis deutlich nachließ, ist der Sport gerade wieder stark im Kommen. Was Tennisvereine und Abteilungen, aber auch private Anbieter zuversichtlich stimmt. An finanziellen Sorgen lag es also nicht, dass der Tennisbetrieb in Sonnenberg eingestellt wurde. Es hätten sich auch Interessenten gemeldet, die die Plätze und die Bewirtung übernehmen wollten, berichtet Sven Weinberger. Aber die Stadt habe etwas anderes vor. So soll eine spezielle Radstrecke entstehen. Für den Umbau in einen sogenannten Pump Track wurden entsprechende Gelder bewilligt. Doch von diesem Plan ist noch rein gar nichts zu sehen.
Sven Weinberger will sich seine überwucherten Sonnenberger Plätze vorsichtshalber gar nicht mehr anschauen. Lieber behält er ein besonderes Bild in Erinnerung: „Meine Tochter und ihre Freundinnen rennen lachend unter dem Strahl der Bewässerungsanlage durch.“