Hätte es damals schon so etwas wie Stadtmarketing gegeben, wäre dieser Slogan durchaus eine Option gewesen: „Stuttgart – Deutschlands süßeste Versuchung“. Denn von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Landeshauptstadt eine Schokoladenhochburg gewesen. Waldbaur, Ritter, Eszet, Buck, Haller, Friedl und Moser-Roth hießen die Vertreter eines boomenden Geschäfts. Umzug, Verkauf und Schließung sorgten aber dafür, dass Stuttgart mit diesem traditionsreichen Gewerbe heute kaum noch in Verbindung gebracht wird.
Den Niedergang der Stuttgarter Schokoladenkultur symbolisiert kein Gebäude eindrücklicher als die Villa Moser. An ihr ist gleichzeitig aber auch die unentschlossene Haltung gegenüber bedeutenden Zeugnissen der Stadtgeschichte abzulesen.
Eingekeilt von Bundesstraßen
Die Villa Moser ist schon seit Jahrzehnten eine Ruine, die zwischen Löwentor und Pragsattel, eingekeilt von B 10 (Pragstraße) und B 27 (Heilbronner Straße), in Vergessenheit geraten ist. Lothar Ulsamer bezeichnet das Gelände in einer kritischen Abhandlung als „eine zu groß geratene Verkehrsinsel“. Darin hat der Stuttgarter Soziologe und Kulturwissenschaftler die Stadt als Eigentümerin gerade erst aufgefordert, Pläne für das Areal zu entwickeln.
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Anlässlich der Internationalen Gartenausstellung wurde diesem Lost Place, einem verlassenen und verlorenen Ort, 1993 kurz ein bisschen Leben eingehaucht. Der verwilderte Garten wurde erschlossen, dazu lockten Kunstinstallationen des Architekten Hans-Dieter Schaal Besucher zu den Überresten der Villa Moser. Knapp 30 Jahre später sind die Skulpturen mit Graffiti beschmiert und teilweise von Bauzäunen umgeben, was mit dem verbliebenen Mauerwerk ein besonders morbides Ensemble ergibt. Einen Rest an Anziehungskraft strahlt dieser Ort nur noch auf Jugendliche aus, die dort ungestört Alkohol trinken wollen. Was an den vielen leeren Flaschen, Müll und den verstreut liegenden Glasscherben abzulesen ist. Das Gelände dient aber auch als Schlafplatz für Wohnsitzlose. Einer von ihnen wird jetzt gerade beim Fototermin am Vormittag in seinem Schlafsack aufgeschreckt. Dort, wo früher im herrschaftlichen Stil der Schokoladenfabrikant Eduard Otto Moser gelebt hat.
Als Vorbild diente die Villa Berg
Moser ließ seiner Frau und sich unterhalb des Pragsattels zwischen 1872 und 1875 eine Landhausvilla im Stil der Toskana und mit Blick auf die Stadt bauen – umgeben von einer englischen Parkanlage. Der erfolgreiche Schokoladen-Pionier, der zusammen mit seinem Geschäftspartner Wilhelm Roth zu Reichtum gekommen war, hatte den Architekten Johann Wendelin Braunwald mit dem Neo-Renaissane-Bau beauftragt. Als Vorbild diente die 20 Jahre zuvor erbaute Villa Berg, die ein Rückzugsort des Württembergischen Königs Karl war. Von der Pracht der Villa Moser zeugen heute noch die erhaltenen Bodenfliesen im Außenbereich, Sockel, eine Tropfsteingrotte, die als Wasserspeicher diente, Freitreppen sowie ein Brunnenbecken.
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Diesen Prunk konnte Eduard Otto Moser nur kurz genießen. Vier Jahre nach der Fertigstellung starb der Hausherr 1879, seine Frau folgte ihm 1903. Weil das Paar keine Kinder hatte, ging das Anwesen danach an Karl Ernst Leibfried. Der Ehemann einer Großnichte der Mosers kümmerte sich schon zuvor um den Park, um den Streuobstgarten und den Gemüseanbau. So erhielt das Gelände den Namen „Leibfriedscher Garten“, über dem die Villa Moser thronte. Bis zum 25. Februar 1944. Ein Luftangriff zerstörte das Gebäude, das die Firma Bosch zuletzt als Unterkunft für Mitarbeiter angemietet hatte. Es brannte bis auf die Grundmauern ab. Die sind übrig geblieben, ebenso wie der Produktname Moser-Roth, der heute der Firma Storck gehört und im Aldi-Regal zu finden ist.