Lost Place in Stuttgart Mühlenbrunnen – Wo einst das Mineralwasser sprudelte

Außer Betrieb: der Mühlenbrunnen in Stuttgart-Berg Foto: cf/sto

Seitdem kein Mineralwasser mehr aus dem Berger Mühlenbrunnen sprudelt, ist aus einem beliebten Treffpunkt ein verlassener und vergessener Ort geworden.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Berg ist ein echter Geheimtipp. Dass dieser Stadtteil ganz besonderen Charme besitzt, spricht sich in Stuttgart zumindest nicht flächendeckend herum. Das liegt sicher auch daran, dass Berg ein Vorbeifahrort ist, wenn es zum Beispiel zum VfB oder zum Festbesuch auf den Wasen geht. Auf diesem Weg gibt sich nur die über den Dingen stehende Berger Kirche zu erkennen und natürlich auch die an der Bundesstraße 14 gelegenen Mineralbäder. Aber selbst beim Besuch von Leuze und Bad Berg bleibt dieser im Stadtbezirk Ost gelegene Ort nur im Hintergrund. Obwohl eigentlich genug Anziehungskraft vorhanden ist.

 

„Historisches Gemäuer meets Wohnbau modern“ – dieser Slogan könnte einem Makler einfallen, um den Standort einer dort zum Verkauf stehenden Immobilie zu bewerben. Auch die schnelle Stadtbahnverbindung zur Innenstadt müsste dabei herausgehoben werden, genauso wie das große Naherholungsangebot. Unterer Schlossgarten, der Park der Villa Berg und der Neckar bilden gemeinsam einen natürlichen Riegel rund um den kleinen Stadtteil mit seinen rund 2600 Einwohnern.

Verfärbte Flaschen sind das Erkennungszeichen

Trotz der Abgrenzung gegenüber der Stuttgarter Innenstadt sind auch im seit dem 12. Jahrhundert besiedelten Berg Merkmale dörflichen Lebens verschwunden, vergessen oder auch verlassen. Ein solcher Lost Place versteckt sich hinter dem Leuze-Parkhaus an der Poststraße. „Das war früher ein sehr belebter Ort“, sagt der ortskundige Peter Wilcke und zeigt auf einen Brunnen, der in einer verwilderten Grünanlage steht. Hinunter führen brüchige Steinstufen, aus Löchern wuchert Unkraut.

Das Gartenbauamt jedenfalls scheint die Anlage nicht mehr so richtig auf dem Plan zu haben, im Unterschied zu Peter Wilcke, der sich auf die historische Spur des trocken gelegten Brunnens mit den zwölf Hähnen gemacht hat. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstand die in seiner heutigen Form gebaute Anlage, die fortan mit Mineralwasser aus der Leuzequelle gespeist wurde. Dessen Geschmack gab dem Steintrog mit seinen ursprünglich 14 Hähnen den Namen Sauerbrunnen beziehungsweise Sauerwasserbrunnen. „In den 40er und 50er Jahren karrten die Leute ihre Glasflaschen mit dem Leiterwagen zum Abfüllen an“, erzählt Wilcke.

Früher Umschlagplatz für Berger Neuigkeiten

Das kostenlose Heilwasser sei gerade in der Zeit im und kurz nach dem Krieg sehr begehrt gewesen. „Die Intensivnutzer waren an den vom Sauerwasser gelblich gefärbten Flaschen zu erkennen“, sagt der Insider. So versammelten sich rund um den Brunnen täglich ganze Scharen von Anwohnern, was den Ort automatisch auch zu einem wichtigen Umschlagplatz für Stadtteil-Neuigkeiten machte. An diese belebte Zeit erinnert heute nichts mehr am Mühlenbrunnen, wie er offiziell heißt. Dieser Name geht auf eine noch viel weitere zurückliegende Zeit zurück, als in Berg noch reihenweise Mühlen mit der Wasserkraft eines kanalisierten Neckararms betrieben worden sind. Die größte von ihnen, erbaut im Jahr 1456, stand in direkter Nachbarschaft zum Brunnen und verschwand erst nach dem Zweiten Weltkrieg ganz von dieser Bildfläche.

Wasserspender wurde vor rund 25 Jahren komplett renoviert

Das Straßenschild Am Mühlkanal erinnert an diese Berger Vergangenheit, während die ehemalige Mühlenstraße, in der Peter Wilcke aufwuchs, heute Nißlestraße heißt. „Früher unterschied man noch streng zwischen den dort wohnenden alteingesessenen Unter-Bergern und den Ober-Bergern“, sagt Wilcke. Ein altes, verstecktes und mediterran wirkendes Stäffele überwindet vom Mühlkanal aus noch heute den Höhenunterschied hinauf zur Berger Kirche.

1996 wurde der einst so beliebte Wasserspender komplett renoviert. Nach hinten in Richtung Neckar trennen Bauzäune den Berger Brunnenplatz von der Bundesstraße 10 ab, wo mittlerweile seit acht Jahren der stark befahrene Leuzeknoten mithilfe neuer Röhren entwirrt werden soll. Was die Unterbrechung dieser fließenden Verbindung erklärt. Stattdessen taucht in Berg ein altes Sprichwort auf: Wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man erst das Wasser.

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