Dieses heruntergekommene Gemäuer könnte viele Geschichten erzählen. Zum Beispiel diese, aus einer Zeit, als das TWS-Freizeitheim auf der Waldau noch nicht als Lost Place in der Degerlocher Gegend stand, sondern regelmäßig Hochbetrieb am Guts-Muths-Weg geherrscht hat.
Das Freizeitheim unter dem Fernsehturm diente nicht nur als Erholungsort für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des städtischen Energieversorgers, sondern auch als Schauplatz so mancher Tarifverhandlung mit bundesweiter Bedeutung. Legendär muss dabei im Jahr 1992 das Gipfeltreffen von ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies und ihrem Gegenüber Rudolf Seiters gewesen sein. Immer wieder zog sich der Bundesinnenminister in einen vor dem Freizeitheim geparkten LKW des Bundesgrenzschutzes zurück, um von dort aus Helmut Kohl über den Stand der Verhandlungen mit der Gewerkschaft für öffentliche Dienste, Transport und Verkehr auf dem Laufenden zu halten. Per abhörsicheren Telefon, Modell Signo, nahm Seiters die Anweisung des Kanzlers zum Thema Lohnerhöhung entgegen. „Meine Schmerzgrenze liegt bei 2,1 Prozent“, soll Kohl konsequent gesagt haben. So stand es jedenfalls einmal im Stadtteilmagazin „Degerloch Journal“ in einem Text zur Geschichte des Heinrich-Kaun-Freizeitheims. Dieser Dr. Kaun war einst Chef der TWS und Anfang der 50er Jahre eine treibende Kraft beim Bau des Gebäudekomplexes im Grünen.
Die Entspannungsoase liegt heute im Dschungel
In den Jahren des Leerstands ist das Grün immer dominanter geworden auf der einst so gepflegten Anlage, die vom TWS-Mitarbeiterheft als „Entspannungsoase unter dem Fernsehturm“ betitelt wurde. Heute muss es heißen: „Ruine im Dschungel“.
Früher spielten Kinder im weitläufigen Park Fußball, planschten im Schwimmbecken, während sich die Eltern in der Gartenwirtschaft vergnügten – „bei großen Portionen zu kleinen Preisen“, wie das Angebot beworben wurde. Wo es einst turbulent und laut zugegangen ist, herrscht schon lange eine unheimlich wirkende Stille. Wenn nicht gerade ein Auto vorfährt. Den Parkplatz des verwahrlosten Freizeitheims nutzen heute die Gäste des benachbarten Waldhotels. Was sich dadurch erklärt, dass die Hoteliersfamilie Sorensen das heruntergekommene Freizeitheim im Jahr 2014 gekauft hat. Doch der Plan, das Waldhotel an dieser Stelle zu erweitern, scheiterte am Veto der Stadt. „Das Vorhaben widerspricht dem geltenden Flächennutzungsplan, der für diesen Bereich Sportflächen ausweist“, teilt Oliver Hillinger als Pressesprecher die Sichtweise der Stadt mit. Außerdem würden Belange des Naturschutzes beeinträchtigt werden. Was wiederum der Besitzer in Zweifel zieht und die Rathaus-Entscheidung juristisch anficht. Nach der mündlichen Verhandlung wird aktuell das Urteil des Verwaltungsgerichts erwartet.
Eine Ruine steht für das Ende der TWS
Der Niedergang des Freizeitheims ist eng verbunden mit der Geschichte der TWS. 1933 gegründet, versorgten die Technischen Werke Stuttgart fortan die Stadt mit Elektrizität, Gas, Fernwärme und Trinkwasser. Nach der Fusion mit den Neckarwerken Esslingen 1997 ging dieser Verbund sukzessive in den Besitz EnBW über (2003).
Der neue Versorger hat keine Verwendung für das Freizeitheim. Ohne die notwendige Instandhaltung verlor das Gebäude mit seinem Festsaal, der angemietet werden konnte, immer mehr an Anziehungskraft. Eine der letzten großen Veranstaltungen war die Trauerfeier der Stuttgarter Kickers zum Tod ihres charismatischen Präsidenten Axel Dünnwald-Metzler im Frühjahr 2004. Ganz eingestellt wurde der Betrieb 2009.
Nach der Gründung der Stadtwerke Stuttgart 2011 liegt die Gas- und Stromversorgung wieder in kommunaler Hand – mit dem Anspruch, ausschließlich auf erneuerbare Energien zu setzen. Energie hätte man danach aufbringen müssen, um die alte TWS-Anwesen zu erneuern. Stattdessen kam es zum Verkauf und in der Folge zum Verfall.
Dieser Ort wäre nicht nur verlassen, sondern auch längst vergessen, wenn alte TWSler nicht bis heute vom Freizeitheim schwärmen würden und betonen, dass der starke Zusammenhalt im Betrieb den Ausgangpunkt auf der Waldau hatte.