Lost Place in Waldstetten Auf Erkundung im Wald der vielen Bunker

Rainer Barth vom Heimatverein Waldstetten vor einem der Bunker, welche die US-Army in den 1950er-Jahren bauen ließ. Foto: Gottfried Stoppel

Über Jahrzehnte war ein Gelände im beschaulichen Waldstetten streng bewachtes Sperrgebiet der US-Armee. Heute kann man die Überbleibsel aus dem Kalten Krieg auf eigene Faust oder bei einer Führung besichtigen – und Spannendes erfahren.

Zutritt strengstens verboten: „Hier ist keiner ohne Kontrolle reingekommen“, sagt Rainer Barth vom Heimatverein Waldstetten-Wißgoldingen und zeigt auf die kärglichen Überreste einer Zaunanlage mitten im Wald bei Waldstetten im Ostalbkreis. Einige rund zwei Meter hohe Pfosten aus Beton ragen noch aus dem Boden, halten notdürftig ein Stück Maschendrahtzaun und verrosteten Stacheldraht. Den Zaun hatte die amerikanische Militärverwaltung Anfang der 1950er-Jahre aufstellen lassen – rund um ein Gelände, auf dem die US-Armee insgesamt 28 nahezu identische Bunker in solider Bauweise errichten ließ. Ungefähr 14 auf zwölf Meter groß, mit vier Betonsäulen als Stützen.

 

Streng bewachtes Areal

Von den 28 Bunkern sind 25 Stück erhalten geblieben. Drei wurden bei einem Erdrutsch im Jahr 1988 zerstört: Nummer 876, 877 und 878. „Die Bunker waren nie zum Schutz gedacht, sondern als trockenes Lager“, erklärt Barth. Dort bunkerte die Army im wahren Sinne des Wortes Lebensmittel, Waffen, Munition und Zelte. Die Depots wurden von US-Soldaten bewacht, die um das umzäunte Gelände patrouillierten und jeden kontrollierten, der an einer der drei Einfahrten auftauchte.

Rainer Barth gehörte zu den wenigen Einheimischen, die das Gebiet während der Nutzung als Militäranlage betreten durften. Im Jahr 1968 war er aus beruflichen Gründen nach Waldstetten gekommen, hat hier erst als Kämmerer und dann viele Jahre als Bürgermeister gearbeitet. Da gehörte es zu seinen Aufgaben, einmal jährlich mit einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Wege im Sperrgebiet abzugehen, nach Schlaglöchern und Manöverschäden Ausschau zu halten.

Denn wo nun Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern und sich die Natur gut die Hälfte der einst sechs Meter breiten asphaltierten Wege zurückerobert hat, röhrten einst schwer beladene Sattelschlepper und Kettenfahrzeuge über die Straßen, Tag und Nacht lärmten Notstromaggregate.

Doch was hat die amerikanischen Streitkräfte Anfang der 1950er-Jahre ausgerechnet an diesen Ort gezogen? Zum einen Waldstettens Lage zwischen Schwäbisch Gmünd, wo es zwei Kasernen gab, und Göppingen, dem Standort einer weiteren. Außerdem suchte die US-Army damals angesichts des sich verschärfenden Konflikts mit der Sowjetunion ein günstiges und schnell verfügbares Gelände. Die einstigen Besitzer des Areals in Waldstetten habe der NS-Staat in den 1930er-Jahren enteignet, um militärische Anlagen zu bauen, erzählt Rainer Barth. Zum Bau kam es zwar nie, aber so war das Gelände nach Kriegsende Eigentum des Bunds, der es den amerikanischen Streitkräften zur Verfügung stellte.

Große Tafeln erleichtern die Orientierung

Das Areal ist so groß, dass man sich als Ortsunkundiger leicht verirren kann. Große Tafeln, auf denen das Wegenetz eingezeichnet ist, helfen Besuchern bei der Orientierung und der Suche nach den Bunkern. Letztere sind fast alle mit dem Warnhinweis „Einsturzgefahr, betreten verboten“ versehen. Wer möchte, kann im Alleingang das einstige Sperrgebiet erkunden. Spannender ist es, sich von einem fachkundigem Guide über das Gelände führen zu lassen, zum Beispiel von Rainer Barth oder Rudi Rohnfelder vom örtlichen Heimatverein. Denn sie kennen viele Geschichten, auch zur Verwendung einzelner Bunker. Nummer 856 beispielsweise, ein Exemplar mit grau gestrichener Metallschiebetür, nennen sie den „Gasbunker“. Neben der Tür klafft ein Loch, wo einst eine große Fensterscheibe war. „Hier sind die Soldaten mit Gasmaske rein“, berichtet Barth. Im Bunker waren Hürden aufgebaut, und sobald Soldaten darin waren, wurde von unten Gas in den Raum geleitet. Durch die Scheibe beobachtete man die Männer bei ihrem Einsatz. Wer schwankte, wurde rausgezogen, denn seine Maske war undicht.

Bunkerdächer wurden bepflanzt

Bunker 870 ist von außen bekritzelt. In gelber Farbe und etwas ungelenken Großbuchstaben hat hier ein unbekannter Soldat seinen Sehnsuchtsort verewigt: „Alabama, Memphis“. Gleich daneben prangen Herzen, die der offenbar von Liebeskummer geplagte Unteroffizier Sergeant Tony Beemore für die Nachwelt hinterlassen hat. Aus grauem Beton blitzt hier und da rostiges Stahlgitter, der Bunker selbst versinkt im Grün. Die Bunkerdächer wurden von jungen Frauen aus der Umgebung bepflanzt, damit sie von oben nicht sichtbar waren.

Die Eingänge von Nummer 867 und 868 sind zugemauert – trotzdem sind die Bunker bewohnt: Hier übernachten Fledermäuse und Schmetterlinge. In Bunker 869 haben es nach dem Abzug der US-Army viele Abschlussjahrgänge Schwäbisch Gmünder Gymnasien krachen lassen. An einer Wand ist das Bild eines altmodisch wirkenden Lastwagens, von Soldaten gemalt, erhalten.

Im benachbarten Mutlangen gab es Proteste

Anders als im nur zehn Kilometer entfernten Mutlangen, wo Nachrüstungsgegner in den 1980er-Jahren immer wieder die Zufahrt zum Camp der amerikanischen Streitkräfte blockierten und gegen eine Stationierung von mit Atomsprengköpfen bestückten Mittelstreckenraketen protestierten, hat es in Waldstetten nie Proteste der Friedensbewegung gegeben. Die wenigsten Auswärtigen wussten wohl von den Bunkern im Wald bei Waldstetten.

„Die Bunker sind von 1952 bis 1956 gebaut worden, der deutsche Staat hatte die Arbeiten ausgeschrieben“, erzählt Rainer Barth. Eine Frankfurter Firma bekam den Zuschlag und reiste mit rund 60 Arbeitern an, die in Privathaushalten untergebracht wurden. Manch einer von ihnen ist geblieben und hat in Waldstetten eine Familie gegründet. „Die Bunker waren ein Hochzeitsgrund.“

Mehr zum Thema hier: www.museum-waldstetten.de

Unterwegs in der Region

Führungen
Der Heimatverein Waldstetten bietet Führungen durch das Gelände an. Die Wanderstrecke führt durch das Naturschutzgebiet „Erdrutsch 1988“. Anfragen per E-Mail an: R.Rohnfelder@web.de. Wer auf eigene Faust durch den Wald gehen möchte, sollte gutes Schuhwerk tragen. Parken kann man am Wanderparkplatz beim Spielplatz am Ende der Wolfsgasse.

Museum
Auch das Heimatmuseum Waldstetten, Hauptstraße 56, ist einen Besuch wert. Es beschäftigt sich mit der NS-Zeit, Besonderheiten der Volksfrömmigkeit und zeigt Zeugnisse der Geologie und Paläontologie, außerdem stellt es drei außergewöhnliche Berufe vor, die in Waldstetten praktiziert wurde: Perlenstrickerei, Pfeifenmacherei und Beindreharbeit. Der Eintritt ist frei, geöffnet ist das Museum jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr und auf Anfrage.

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