Lost Place mitten in Leonberg Verlassene Kult-Disco: So sieht es 13 Jahre nach dem Aus in der Nachtschicht aus

, aktualisiert am 19.03.2026 - 16:39 Uhr
Der Tanzboden bebt schon längst nicht mehr: Die einstige Nachtschicht ist mittlerweile quasi ein Lost Place. Foto: Simon Granville

Einst war die Nachtschicht der Partytempel schlechthin in Leonberg. Nach der Schließung 2013 kursierten viele Gerüchte. Ein Besuch zeigt, was vom Mythos übrig geblieben ist.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Es ist ein Abstieg über Treppenhausstufen hinab in die Leonberger Feiervergangenheit. Auch wenn dieser Strang der Geschichte am 31. März 2013 sein Ende fand – so hat es doch den Anschein, als sei das alles noch viel, viel länger her. Für manchen dürfte es in der Tat ein halbes Leben sein, das seit dem letzten Besuch in der Discothek Nachtschicht vergangen ist.

 

Die Gerüchte hielten sich viele Jahre lang. Im Untergeschoss der Leonberger Römergalerie solle die Nachtschicht noch quasi exakt so vorhanden sein, wie sie einst aussah: viel Holz, uriges Ambiente, rustikale Malereien an den Wänden, künstliche Bäume. Après-Ski traf damals auf Bauernhof. Der Alkohol floss in Strömen, Wodka Energy, Bacardi-Cola, Captain-Morgan- und Tequila-Shots, die Liste ist endlos. Besonders donnerstags bei den berüchtigten „99-Cent-Partys“ war der Andrang vor allem zu den Anfangszeiten Mitte der Nuller-Jahre riesig.

Nachtschicht in Leonberg: Vom „Place to be“ zum Lost Place

Aber gibt es sie denn wirklich noch, die Nachtschicht? Schlummert die Leonberger Disco vielleicht nur voller Staub und Spinnweben vor sich hin? Bedarf sie möglicherweise nur einer ausgiebigen Grundreinigung? Und wartet sie vielleicht nur darauf, dass jemand den Schalter umlegt, damit wieder „Yeah!“ von Usher durch die Boxen ballern kann?

Das kultige Schild des „Tanzstadls“ hängt noch. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Die Antwort wird hoffnungsfrohe Nostalgiker ziemlich enttäuschen. Denn allzu viel ist auf den ersten Blick nicht mehr übrig vom „Tanzstadl“ im Kellergeschoss des Hochhauses am Neuköllner Platz. Allerdings weckt der Besuch der einstigen Partylocation trotzdem unzählige Erinnerungen – vorausgesetzt, man war damals dabei. Denn wer sich ein bisschen Zeit nimmt, stößt sehr wohl auf stille Zeugen der Jahre, in denen die Nachtschicht für viele der „Place to be“ war.

Mit dabei beim Weg in die Historie ist Yvonne Kumar, Property Manager bei Ashtrom Properties Germany. Das Unternehmen mit Niederlassungen in Berlin und Düsseldorf ist seit 2021 Besitzer der 1999 eröffneten Römergalerie. Sie kennt den Bau ganz genau – und weiß auch, wie es um das Untergeschoss bestellt ist.

Im Eingangsbereich ist nichts mehr zu sehen von den Schleusen, an denen die Besucherinnen und Besucher den Eintritt bezahlten und ihre Getränkekärtchen kauften. Einzig Spuren auf dem Boden lassen erahnen, wie es einmal aussah. Um die Ecke führt ein Flur schließlich in den riesigen Hauptraum, der etwa 750 Quadratmeter misst. Und dort wird die Spurensuche spannend.

Sofort fällt der Blick auf den Tanzboden. Früher war er von Holzzäunen eingerahmt, an einer Stirnseite befand sich die DJ-Kanzel. Von ihr ist aber nichts mehr zu sehen, auch die vielen Bars, Tische und Theken fehlen. Und überhaupt: Waren die Wände und Pfeiler – einer ist noch verziert mit künstlichem Efeu – tatsächlich so blau, wie sie jetzt im spärlichen Neonröhrenlicht daherkommen?

Von der Decke hängen Kabel, an den Wänden stehen stapelweise Paletten. Doch dahinter zeigen sich die Reste der Holzverkleidungen inklusive der Gemälde, die man bei einem ausgiebigen Nachtschicht-Besuch maximal verschwommen auf sich wirken ließ. Ein gerahmtes Bild mit zwei Teddybären hängt derweil noch gewollt schief an der Wand.

Nachtschicht in Leonberg: Am 31. März 2013 war Schluss

Zwei neon-orangefarbene Plakate fallen sofort auf. Eines liegt zwischen allerlei Gerümpel auf dem Boden, eines hängt an einer Tür. Es sind Ankündigungen zur „Closing-Party“ an eben jenem Sonntag, 31. März 2013. Versprochen wurde damals „die steilste Party, die Leonberg je gesehen hat“. Und die Hütte war tatsächlich noch einmal voll.

Das Ende der Discothek kam damals einigermaßen überraschend. Auch, weil die Schließung zuvor schon mehrfach beschlossene Sache zu sein schien und es dann trotzdem weiterging. Wie die Immobilienverwaltungsgesellschaft Concipio, damals Vermieterin der Nachtschicht-Räume, einst auf Nachfrage antwortete, habe es nie Probleme mit den Betreibern gegeben. „Das Mietverhältnis lief immer reibungslos.“ Der Mietvertrag sei schlicht und einfach ausgelaufen.

Als dann wirklich und unwiederbringlich Feierabend war, brodelte die Gerüchteküche. Was soll nun in der Römergalerie einziehen? Eine Spielhalle? Eine Maxx2-Disco nach Sindelfinger Vorbild? Sogar ein Umzug der damals schon legendären Treffbar aus der Altstadt in die neue Stadtmitte wurde vermutet. Es geschah aber: nichts.

Wie geht’s in den Räumen der Nachtschicht weiter?

Gibt es mit Ashtrom Properties jetzt einen neuen Anlauf für die Fläche? Am Durchgang zum einstigen Nachtschicht-Bistro antwortet Yvonne Kumar: „Wir sind sehr daran interessiert, die Fläche neu zu vermieten.“ Gleichwohl sei eine potenzielle Wiedervermietung aber „etwas tricky“ – was auch daran liege, dass es hier kein Tageslicht gebe. Bis auf die ehemalige Discothek stehe in der Römergalerie jedoch sehr wenig leer. „Ein bis zwei Flächen, das gilt als gut“, sagt Kumar. Die Ashtrom-Webseite gibt als derzeitigen Vermietungsstand 87 Prozent an.

Grundsätzlich sei man auch dabei, das Haus mit seinen knapp 15 900 Quadratmetern vermietbarer Fläche nachhaltiger zu machen. In den Brandschutz habe man bereits kurz nach der Übernahme der Immobilie investiert.

Im Nachtschicht-Bistro ist das letzte Baguette lange gegessen

Im Bistro selbst zeugt zwischen allerlei undefinierbarem Abfall – unter anderem eine Computer-Festplatte – und unter teilweise zerborstenen Glaslampen noch die Fußleiste vom Verlauf der Theke. Ein Baguette hat hier schon lange niemand mehr verspeist. Auch von Eckbänken und Tischen fehlt jede Spur. Dafür gibt’s auf der anderen Seite abermals ein paar Ranken Plastik-Efeu.

Bei der Rückkehr ins Treppenhaus nähert sich unter dem großen Nachtschicht-Schild das Ende einer bemerkenswerten Zeitreise, die erstaunlich wenig Wehmut hervorruft. Vielmehr reift die Erkenntnis, dass anscheinend viele Dinge ihre Zeit haben – doch diese Zeit offenbar nicht mehr im Jahr 2026 liegt. Die Nachtschicht, sie wäre dieser Tage wohl ein riesiger Anachronismus. Andererseits: Kommen nicht viele Dinge von früher irgendwann wieder?

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