Industriedenkmal Gaskessel in Stuttgart – Droht der „Dose“ ein Schicksal als Lost Place?

, aktualisiert am 25.02.2026 - 15:54 Uhr
Der mehr als 100 Meter hohe Gaskessel ist ein Kulturdenkmal und gilt als eines der Wahrzeichen der Landeshauptstadt. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

An Ideen für den stillgelegten Gaskessel in Stuttgart-Ost mangelt es nicht. Doch das markante Industriedenkmal versperrte sich bisher allen Visionen. Das hat verschiedene Gründe.

Redaktionsleiter: Uli Nagel (uli)

Im August 2021 endete in der Landeshauptstadt eine Ära: Der mehr als 100 Meter hohe Gaskessel an der Talstraße spielte für die Stuttgarter Gasversorgung keine Rolle mehr und wurde von Netze BW – Verteilnetztochter der EnBW – als zuständiger technischer Betreiber stillgelegt. Damit war auch die Zeit des geschichtsträchtigen Gaswerks Gaisburg, im Jahr 1875 gegründet und über viele Jahrzehnte Herzstück der Stuttgarter Gasversorgung, endgültig vorbei.

 

Gaskessel Stuttgart unter Denkmalschutz

Doch was passiert jetzt mit dem Gaskessel? Verkümmert er zu einem riesigen Lost Place, oder findet sich eine attraktive und vor allem bezahlbare Nachnutzung? Als Industriedenkmal ist er schon seit fast drei Jahrzehnten geschützt und bleibt der Landeshauptstadt folglich als Landmarke und Wahrzeichen erhalten.

Miriam Zaimi, Leiterin des Gaswerks, gewährt einen Blick ins Innere des Kessels. Allerdings nur von ihrem Büro aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Was weiter Fakt ist: Im Rahmen des städtebaulichen Ideenwettbewerbs, der das gesamte EnBW-Areal zwischen Gaisburger Brücke und dem alten Wasserwerk in Berg umfasst, hofft der Energieversorger als Grundstückseigentümer gemeinsam mit der Stadt Stuttgart darauf, inspirierende Vorschläge für die zukünftige Nutzung des Gaskessels zu erhalten – jenes markanten Bauwerks, das im Volksmund liebevoll „Dose“ genannt wird.

Aufzug nur noch für Mitarbeiter

„Doch auch viele Bürgerinnen und Bürger fragen immer wieder nach und wollen wissen, was wir mit dem Gaskessel vorhaben“, erzählt Miriam Zaimi von Netze BW bei einem Infospaziergang rund um den riesigen Behälter. Sie ist Bauingenieurin und Leiterin des Gaswerks. Der spektakuläre Blick ins Innere ist aktuell nicht möglich. Dafür müsste der Besucher mit dem Außenaufzug bis aufs Dach fahren. „Aus Sicherheitsgründen dürfen den Fahrstuhl aktuell nur Gutachter und Betriebsmitarbeiter benutzen“, sagt Miriam Zaimi.

Der zweite Weg ins Innere sei weitaus beschwerlicher, sie zeigt auf eines der wenigen Montagelöcher, das einen Durchmesser von läppischen 60 Zentimetern hat. Wie die Arbeiter dort in den finsteren Kessel kriechen können, bleibt ihr Geheimnis. Was im Bereich des kleinen Lochs auffällt: Obwohl der Kessel seit etlichen Jahren nicht mehr in Betrieb ist, weht den Besuchern immer noch ein markanter Gasgeruch um die Nase.

Natürlich weiß die Expertin von Netze BW über die Erfolgsgeschichte der beiden Pendants in Oberhausen und Pforzheim Bescheid; diese Kessel ziehen heute als spektakuläre Ausstellungsorte jährlich ein Millionenpublikum an. Vor allem die Ruhrstadt dient hier als großes, allerdings auch sehr teures Vorbild.

Durch dieses kleine Montageloch kriechen die Mitarbeiter ins Innere des Gaskessels in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für einen hohen zweistelligen D-Mark-Betrag wurde vor fast 30 Jahren der mit 117 Metern etwas höherer Gaskessel zu „Europas höchster Ausstellungs- und Veranstaltungshalle“ umgebaut. Dabei wurde die tonnenschwere Scheibe, mit der einst der Gasdruck reguliert wurde, auf 4,20 Meter Höhe fixiert. So konnte darunter ein mehr als 3000 Quadratmeter großer Ausstellungsraum realisiert werden.

Auf der Scheibe selbst entstanden eine Bühne und eine Tribüne mit 500 Sitzplätzen. Innen führt ein Panoramaaufzug bis unters Dach, außen bringt ein Lift Besucher auf die Spitze des Kessels, von wo aus sie einen spektakulären Rund- und Weitblick genießen können.

Auch die Stuttgarter Oper zeigte Interesse

„Wir haben einen möglichen Umbau samt Nutzungskonzept einmal durchrechnen lassen“, sagt Miriam Zaimi. Herausgekommen sei für „die Dose“ ein hoher zweistelliger Millionenbetrag. „Und für diese Summe muss man erst einmal einen Investor finden.“

Ideen, teilweise auch sehr visionäre, gab es dagegen schon reichlich. „Von einer gigantischen Tauchanlage bis hin zu einem Kletterparadies oder Parkhaus – es gab schon etliche Vorschläge“, erinnert sich Zaimi. Auch eine Delegation der Stuttgarter Oper war bereits zu Gast. Da der Gaskessel jedoch über keinen ebenerdigen Zugang verfügt, hatte sich das Thema schnell erledigt.

Spektakuläre Vision für Stuttgarter „Dose“

Spektakulär auch die Vision von SKS Russ-Geschäftsführer Paul Woog nur wenige Wochen vor der Kesselstilllegung im Jahr 2021: Er würde den Gasbehälter gerne in eine „Digital Live Arena” mit weltweiter Strahlkraft verwandeln, die Platz für bis zu 3000 Besucher bieten könnte. Also eine Art Kompetenzzentrum für Virtual Reality und Live Entertainment mit ganz neuen Möglichkeiten.

Blick in das Innere des Gaskessels in Stuttgart: Das Foto stammt aus dem Jahr 2011. Foto: PPfotodesign/Leif Piechowski

Und ob sich ein anderer Vorschlag des BUND Stuttgart und des Vereins Solar Stuttgart jemals realisieren lässt, ist fraglich. Beide plädierten dafür, die Außenhülle des Gaskessels mit Solarmodulen zu bestücken. Diese Idee wurde natürlich von den Denkmalschützern abgelehnt, und für die Verantwortlichen der Netze BW rechnet es sich nicht. „Welche Auswirkungen die Module auf die Statik haben, müsste ebenfalls noch geprüft werden, denn die Hülle des Riesen an der Talstraße ist gerade einmal 4,5 Millimeter dick“, betont Zaimi.

Absage für Coca-Cola-Konzern

Eine Absage erhielt auch einst der Coca-Cola-Konzern, einer der Hauptsponsoren der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Der wollte – den Verhüllungskünstler Christo als Vorbild – vor 20 Jahren aus dem Gaskessel während des „Sommermärchens“ gerne eine riesige Cola-Dose basteln. Nette Idee, da der Kessel damals jedoch noch in Betrieb war, gab es Sicherheitsbedenken und eine Absage für den Brause-Giganten.

Ganz verlassen steht der Gaskessel übrigens nicht da: Feuerwehr, Polizei oder das Technische Hilfswerk trainieren hier regelmäßig den Ernstfall mit spektakulären Übungen. Unter dem Strich muss man jedoch feststellen: Die „Dose“ wartet nach wie vor auf ihr zweites Leben.

Der Gaskessel in Zahlen

Alter
Der erste Stuttgarter Gaskessel, der im Jahr 1929 in Betrieb ging, wurde im Zweiten Weltkrieg 1944 zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1948/49.

Maße
Die Höhe bis zum Dachrand beträgt 95 Meter, die Gesamthöhe 104 Meter. Sein Durchmesser ist 67 Meter, das Gesamtvolumen wird mit 300 000 Kubikmeter beziffert. Die Wandstärke: 4,5 Millimeter. Zusammengehalten wird die Hülle von rund zwei Millionen Nieten. 

Gewicht
Das Gesamtgewicht des Gaskessels liegt bei 3500 Tonnen, allein die Scheibe wiegt 1000 Tonnen. (uli)

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