Lost Place Stuttgart Die Bausünderstaffel führt zur Villa
Seit Jahren ist das prachtvolle Gebäude an der Diemershaldenstraße ein verlassener Ort. Zu einer Sanierung wird es wohl nicht mehr kommen. Läuft es wie bei der einstigen Villa von Eugen Bolz?
Seit Jahren ist das prachtvolle Gebäude an der Diemershaldenstraße ein verlassener Ort. Zu einer Sanierung wird es wohl nicht mehr kommen. Läuft es wie bei der einstigen Villa von Eugen Bolz?
Der schönste Weg, sich diesem verlassenen Ort zu nähern, führt die Sünderstaffel hinauf. Für ihren Namen gibt es zwei ganz unterschiedliche Erklärungen. Einmal heißt es, die Treppe in Richtung Gänsheide sei nach einem Wengerter namens Sünder benannt, dessen Trauben einst an diesem Hang reiften. In einer weitaus spektakuläreren Variante heißt es, dass dort im 14. Jahrhundert ein Mann hingerichtet worden sei, der im Streit um eine Frau seinen Widersacher ermordet hatte. Eine ganz neue, dritte Interpretation wäre es, in der Sünderstaffel eine Kurzversion von „Bausünderstaffel“ zu erkennen, was mit deren Endstufe erklärbar wird. Die Treppen führen zur Diemershaldenstraße, wo das Haus mit der Nummer 23 Freunde und Freundinnen traditionsreichen Altbaus gerade verzweifeln lässt. Nachzulesen in einer Stuttgarter Facebook-Gruppe („AbrissWatch“), die baupolitische Entscheidungen in der Stadt sehr genau beobachtet und die nun auch kritisch auf die Entwicklung rund um die 1912 erbaute Villa hinweist.
Seit Jahren schon ist das herrschaftliche Gebäude in bester Halbhöhenlage ein Lost Place, ein verlassener Ort. Nachdem mit dem Tod des letzten Besitzers das von ihm bis zuletzt bewohnte Anwesen in den Besitz einer Stiftung übergegangen war.
Nun wird die Villa auf einem Immobilienportal zum Verkauf angeboten, mit dem Hinweis des Maklers: „Unikat! Abrissobjekt mit grandiosem Ausblick in Top-Wohnlage auf der Gänsheide.“ Überraschender noch als der Preis von 3,9 Millionen Euro für die 14 Zimmer auf einer Wohnfläche von 695 Quadratmetern ist die Information, dass die Villa abgerissen werden und das mehr als 1000 Quadratmeter große Grundstücke neu bebaut werden darf.
Was insofern verwundert, als das Gebäude Diemershaldenstraße 23 doch in der letzten öffentlich zugänglichen Auflistung denkmalgeschützter Häuser in Stuttgart aufgeführt ist. Diese Denkmalschutzliste stammt allerdings aus dem Jahr 2008. Eine telefonische Anfrage bei der städtischen Denkmalbehörde zieht die Antwort der für Stuttgart-Mitte zuständigen Sachgebietsleiterin Ellen Pietrus nach sich, sich mit dem Anliegen doch schriftlich direkt ans Rathaus zu wenden. Dort teilt die Sprecherin Susanne Kaufmann mit, dass das Gebäude Diemershaldenstraße 23 mittlerweile nicht mehr denkmalgeschützt ist. Offenbar haben Umbauarbeiten des letzten Besitzers dazu geführt, dass die Villa als nicht mehr schützenswert eingestuft wird. Dabei soll es sich aber lediglich um Maßnahmen gehandelt haben, um das auf einem Steilhang stehende Gebäude zu sichern.
Das prunkvoll wirkende Gebäude, dem all die Jahre des Leerstands äußerlich nichts anhaben konnte, scheint einem Stuttgarter Trend zum Opfer zu fallen. Stadtprägende Gebäude müssen zunehmend Platz machen für Mehrparteienwohnblocks mit Luxuswohnungen, wofür Investoren den zur Verfügung stehenden Platz so gewinnbringend wie möglich ausreizen.
Diesem lukrativen Stuttgarter Geschäftsmodell fiel 2017 die Villa des früheren Württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz am Kriegsbergturm zum Opfer. Zur Erinnerung: Als Gegner des Naziregimes schloss sich Bolz dem zivilen Widerstand an und wurde im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Eine Büste vor dem Neubau, dem das geschichtsträchtige Wohnhaus weichen musste, soll nun das Andenken an Eugen Bolz bewahren.
Der nach den Plänen des Stuttgarter Architekten Paul Schmohl erbauten Villa Hauptmannsreute 47 droht ebenfalls das Schicksal, einem Luxusquartier Platz machen zu müssen. Dem leer stehenden Gebäude, das rund 100 Jahre im Besitz der Kaufhausfamilie Breuninger gewesen war, wurde ebenfalls der Denkmalschutz entzogen. Für rund sechs Millionen Euro hat die Projektentwicklungsfirma Avotus das Grundstück am Herdweg gekauft. Dort soll bald ein brachialer Baukörper in die Höhe schießen.
So geht Stuttgarter Stadtgeschichte Stück für Stück verloren. Das Nachbargebäude der zum Verkauf stehenden Diemershalden-Villa macht übrigens auch einen unbewohnten Eindruck.