Lost Places in Stuttgart Denkmalgeschützter Bahnhof Münster verwahrlost zur Bruchbude

Das doch ziemlich verwahrloste Bahnhofsgebäude in Stuttgart-Münster. Seit Jahrzehnten kämpfen Bürger um ein anständiges Nutzungskonzept. Unter anderem als Jugendhaus. Foto: Uli Nagel

Bröckelnde Fassaden und zugenagelte Fenster: Seit Jahrzehnten steht das Gebäude in dem Stuttgarter Stadtbezirk leer. Doch jetzt gibt es Hoffnung auf eine Nachnutzung.

Die Fassade bröckelt, Fenster und Türen sind zugenagelt. An den Wänden wuchern Pflanzen vogelwild in die Höhe und rund um das Bahnhofsgebäude liegt viel Wohlstandsmüll. An manchen Tagen türmen sich sogar wilde Müllkippen auf dem Parkplatz, der tagsüber von Pendlern benützt wird. Keine Frage, der Bahnhof Münster ist längst eine unansehnliche Bruchbude, die – man mag es kaum glauben – unter Denkmalschutz steht.

 

Leeres Bahnhofsgebäude in Stuttgart-Münster seit Jahrzehnten

Nicht nur für Bahnromantiker ein Skandal, denn seit Jahrzehnten hegt Stuttgarts kleinster Stadtbezirk den Wunsch, das Bahnhofsgebäude samt Vorplatz für die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger umzugestalten. Doch erst seit 2018, nachdem Münster in das Bund-Länder-Förderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen wurde, scheint ernsthafte Bewegung in das leidige Thema zu kommen. Wenn auch im Schneckentempo. Ein Blick in die Historie zeigt die ganze Problematik.

Trister Ort in Stuttgart-Münster: Fenster und Türen sind längst zugenagelt. Foto: Uli Nagel

Die Geburtsstunde des Bahnhofs Münster liegt 129 Jahre zurück. Denn bei Eröffnung der so genannten Güterumgehungsbahn am 30. September 1896 – sogar König Wilhelm war persönlich zu Gast – wurde in der Gemeinde Münster am Neckar eine Zwischenstation eingerichtet. Sie ermöglichte Zugkreuzungen auf der zu jener Zeit nur eingleisigen Bahntrasse.

Das Empfangsgebäude war nicht spektakulär. Ein Einheitsbahnhof wie viele andere im „Ländle“, der auf der südlichen Seite immerhin einen einstöckigen Anbau erhielt. Im Erdgeschoss befanden sich Dienst- und Warteräume, im Ober- und Dachgeschoss waren zwei Wohnungen für Bahnbedienstete. Natürlich gab es auch einen Güterschuppen neben dem Empfangsgebäude.

Bahn wollte ein zweites Gleis

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war wegen des rasant ansteigenden Güterverkehrs die Erweiterung um ein zweites Streckengleis für die Strecke unausweichlich. So entstanden 1903 Pläne, den Stuttgarter Hauptbahnhof und den Nordbahnhof mit dem Bahnhof Münster zu verbinden und ihn zu einem Rangierbahnhof auszubauen. Allerdings wurden die Pläne wieder fallen gelassen.

Eingemeindung in die Stadt Stuttgart am 1. Juli 1931

Als Folge der Eingemeindung von Münster in die Stadt Stuttgart am 1. Juli 1931 erhielt der Bahnhof am 1. August 1931 seine heutige Bezeichnung Stuttgart-Münster. Zwei Jahre später begann im Rahmen des Stuttgarter Vorortverkehrs der elektrische Betrieb zwischen Stuttgart-Untertürkheim und Kornwestheim, der bis heute unter dem Namen „Schusterzügle“ und „Daimlerzügle“ eine wichtige Verbindung darstellt.

Allerdings fristet der Bahnhof seit 1981 ein Schattendasein, denn seit dem Jahr gab es keinen Bahnhofsvorsteher mehr und das Gebäude war unbesetzt. Die Weichen wurden ferngesteuert. In den folgenden Jahren wurden die Wohnungen von der Bahn immer wieder vermietet.

Seit Jahrzehnten soll deshalb dort Hand angelegt und das Gelände umgestaltet werden, sogar Wohngebäude waren im Gespräch. Doch zuletzt, da war man sich in Münster einig, wurde laut über eine öffentliche Nutzung nachgedacht- Sogar Pläne wurden geschmiedet. Doch passiert ist nichts – bis auf eine Gehwegverbreiterung an der Bushaltestelle. Bedauerlicherweise hat es auch nichts genützt, dass im Bürgerhaushalt immer wieder die Umnutzung des „Schandflecks“ gefordert wurde.

Bahnhof Stuttgart-Münster oft Thema im Bezirksbeirat

„Dieses Thema beschäftigt mich seit Beginn meiner Amtszeit vor mehr als 20 Jahren“, erinnert sich Bezirksvorsteherin Renate Polinski. „Nur leider beißen wir uns auch genauso lang die Zähne daran aus.“ Denn auch der Bezirksbeirat hat das Gebäude und den dazugehörigen Vorplatz immer wieder im Fokus. Unzählige Male stand die Verschönerung des Geländes schon auf der Prioritätenliste des Bürgergremiums zu den Doppelhaushalten.

Der Bahnhofsschuppen. Foto: Uli Nagel

Gründe für den Stillstand rund um den Bahnhof Münster gibt viele. Das größte Hindernis ist und bleibt die Tatsache, dass das Gelände immer wieder den Besitzer wechselte. Deutsche Bahn, dann deren Tochter, die Aurelis Real Estate GmbH, die wiederum an den Baukonzern Hochtief verkauft wurde. Auch ein Investorenkonsortium unter Führung von Grove International hatte die Finger im Spiel.

Stadt Stuttgart zeigte kein Interesse am Bahnhof

Und die Stadt? Ihr damaliger Finanzchef Michael Föll zeigte kein Interesse an dem Grundstück samt Gebäude. Allerdings, und da ist sich Renate Polinski sicher, ist das die Grundvoraussetzung für eine Umgestaltung und Neunutzung des „Schandflecks“. Hoffnung hat die Bezirksvorsteherin, da Münster zur „Sozialen Stadt“ erkoren wurde. „Wir glauben, dass wir mit dem Förderprogramm im Rücken bessere Karten für eine Sanierung haben“, sagt Bezirksvorsteherin Polinski.

Grundstückskauf hängt vom Steg zur Zuckerfabrik ab

Und auch für ein anderes Projekt, das ebenso lange diskutiert wird, könnte die Soziale Stadt frischen Wind bedeuten: den Fußgängersteg vom Netto-Markt in der Nagoldstraße über die Gleise zur Zuckerfabrik im Hallschlag. „Auch hier versucht der Bezirksbeirat seit Jahren alles, die Realisierung wird vom Gemeinderat jedoch immer hinten angestellt.“ Immerhin konnte man die vielen illegalen Gleisüberquerungen – auch durch Kinder – durch die Errichtung eines engmaschigen Stahlzauns unterbinden.

Vor allem die Entwicklung auf der Zuckerfabrik im Hallschlag gibt Anlass zum Optimismus, was die Aufwertung des Bahnhofsgebäudes, seines Vorplatzes und der Bau eines Stegs über die Gleise betrifft: „Seit den vorbereitenden Untersuchungen zum Sanierungsgebiet Münster sind diese Punkte Bestandteil des Neuordnungskonzepts und der Sanierungsziele“, sagt Stadtsprecher Oliver Hillinger.

Das Aufgangsbauwerk des Stegs in den Hallschlag seien im Jahr 2020 im Zuge der Planung für das zweite Kulissenlager auf das Bahnhofsgelände in Münster verlegt worden. „Das hat die Absicht der Stadt verstärkt, die betreffenden Liegenschaften zu erwerben“, betont Hillinger. Dabei sei die Stegplanung am neuen Standort zur Zeit in Vorbereitung. Aktuell soll ein Bebauungsplan Zuckerfabrik II aufgestellt werden, der das Stegbauwerk planungsrechtlich sichert.

Kaufverhandlungen zwischen Stadt und Bahn

„Die beiden Grundstücke samt Bahnhofsgebäude und Güterhalle sind im Besitz der Bahn, werden jedoch nicht mehr benötigt“, sagt ein Bahnsprecher. Da die Stadt Interesse daran habe, gebe es Verkaufsgespräche. „Das betrifft auch eine Fläche, auf der es Überlegungen gibt, zukünftig einen Fußgängerüberweg über die Bahnstrecke zu errichten“, so der Sprecher. „Die eigentliche Verkehrsstation mit Bahnsteig und Zuwegung ist und bleibt jedoch im Besitz der Bahn.“ Verständlich, das „Schusterzügle“ soll ja weiter zwischen Untertürkheim und Kornwestheim pendeln.

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