LRA-Rebell vor Gericht Überleben heißt schuldig werden

Der Ugander wurde in 61 Fällen für schuldig befunden, die Höhe des Strafmaßes ist noch offen. Foto: dpa/Peter Dejong

Er soll vergewaltigt, gemordet und gefoltert haben. Dominic Ongwen wurde als Kind von Rebellen entführtund erlangte später selbst eine hohe Position bei den LRA-Rebellen. Jetzt muss er sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten.

Den Haag - Wer meint, den Charakter eines Menschen in dessen Gesichtszügen ablesen zu können, scheint es im Fall vom Dominic Ongwen leicht zu haben. Der 46-jährige Ugander hat große gutmütige Augen, die sein rundes Babygesicht noch harmloser erscheinen lassen – gewiss kein Antlitz, das einen das Fürchten lehrt. Und doch werden dem Mann einige der schlimmsten vor einem Gericht verhandelten Verbrechen der jüngeren Zeitgeschichte vorgeworfen: Die Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag werfen ihm vor, Kinder zerstückelt, Frauen vergewaltigt, Männer gefoltert und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht zu haben.

 

Insgesamt 70 schwere Verbrechen – neben Mord, Vergewaltigung und Folter auch Entführung sowie sexuelle Sklaverei – soll der damals knapp 30-Jährige im Norden Ugandas allein im Jahr 2004 begangen haben. Am Donnerstag wurde der Angeklagte zumindest in 61 der 70 Fälle von den Richtern der Haager Behörde für schuldig befunden: Jetzt werden sie nur noch über die Länge der Haftstrafe zu entscheiden haben – sie könnte bis zu 30 Jahren oder lebenslänglich ausfallen.

Ein moralisch komplexes Verfahren

Das Verfahren galt als eines der heikelsten in der knapp 20-jährigen Geschichte des an explosiven Fällen nicht gerade armen Gerichtshofs: nicht nur, dass zum ersten Mal ein führendes Mitglied der berüchtigten ugandischen Rebellentruppe Lord’s Resistance Army (LRA) vor dem Richter stand. Auch, weil es sich um einen „einzigartig komplexen Fall“ handele: Selten stünden sich die Darstellungen der verschiedenen Seiten dermaßen widersprüchlich, moralisch komplex und paradox gegenüber, wie ein Sprecher der New Yorker Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) befindet. Der Kern der Verwicklung: Ongwen war als kleiner Junge selbst von den Kämpfern der „Widerstandsbewegung des Herrn“ gekidnappt worden:

Er ist also Opfer und Täter in einem. Die Verteidigung des Angeklagten sah das allerdings anders. „Ongwen ist Opfer und nicht sowohl Opfer wie Täter“, sagte Rechtsanwalt Krispus Odongo in seinem Abschlussplädoyer: „Nach seiner Entführung wurde er gewaltsam zum Sklaven gemacht – und blieb Sklave, bis er die Rebellengruppe verließ.“ Die LRA ist dafür berüchtigt, Tausende entführter Kinder zu Killermaschinen gemacht zu haben: Sie wurden dazu gezwungen, Mitglieder der eigenen Familie zu töten oder zu vergewaltigen – und fühlten sich danach dermaßen schuldig, dass sie sich ohnehin nicht mehr nach Hause wagten, die Fluchtgefahr war minimiert. Je länger die Entführten die Grausamkeiten der fast kulthaften Widerstandsarmee mitmachten, desto weiter schlossen sie sich selber von ihrer Gemeinschaft aus, sagen Experten: Ihre Rückkehr war ihnen praktisch verwehrt.

Als Kind entführt

Ongwen soll bereits als Zehnjähriger von LRA-Kämpfern entführt worden sein: Er war angeblich so schwach, dass er zum Buschlager der Rebellen getragen werden musste. Nachdem auch er dem mörderischen Aufnahmeritual der LRA unterzogen worden war, stellte sich der Junge als potenzieller Anführer heraus: Ongwen wurde schließlich zum Kommandanten der Sinia-Brigade ernannt – einer von vier Großeinheiten der Rebellenarmee, der jeweils rund 800 Kämpfer angehörten. 2004 ließ der Kommandeur seine Brigade das nordugandische Dorf Lukodi überfallen: Seine Kämpfer trieben die Bevölkerung in Hütten zusammen, die anschließend angezündet wurden. Wer überlebte und ein Mann war, wurde mit der Machete getötet; Frauen und Kinder mussten das Beutegut – Hausgeräte und Vieh – ins Rebellenquartier schaffen. Dort wurden sie anschließend zu Kämpfern ausgebildet, von Kämpfern zur Frau genommen oder als Sexsklavinnen missbraucht. Kein einziges der von ihm vertretenen 1500 Opfer Ongwens sei der Überzeugung, dass der Rebellenführer unschuldig sei, sagte der ugandische Anwalt Joseph Akweyu Manoba am Rand des Verfahrens. Schließlich sei der Angeklagte damals erwachsen und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen. Auch habe er zahlreiche Gelegenheiten zur Flucht nicht wahrgenommen, fügten die Haager Ankläger während des Verfahrens hinzu: Stattdessen habe sich der Entführte zu einer gewissenlosen Schlüsselfigur der LRA entwickelt.

Der Ursprung der Truppe, der fast ausschließlich Angehörige des Volks der Acholi angehören, geht in die späten 1980er Jahre zurück. Damals fühlten sich die Nordugander von der Zentralregierung an den Rand gedrängt: Sie suchten ihr eigenes Acholi-Reich zu errichten. Unter ihrem rätselhaften Anführer Joseph Kony entfernten sich die Rebellen immer weiter von diesem Ziel. Der Dschungelführer hielt sich für einen Propheten und legte sich einen Harem an Frauen zu. Dem Buschkrieg fielen Zigtausende Nordugander, Kongolesen, Südsudanesen und Einwohner der Zentralafrikanischen Republik zum Opfer: Mehr als 25 000 Kinder wurden entführt, fast zwei Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Kony verließ in den vergangenen zwanzig Jahren nur einmal für eine kurze Begegnung mit internationalen Diplomaten den Busch: Danach verschwand er wieder und befindet sich noch immer auf freiem Fuß. Die Haager Strafbehörde, die von der ugandischen Regierung 2005 um Hilfe bei der Strafverfolgung der LRA gebeten wurde, klagte außer Kony und Ongwen noch drei weitere Kommandeure der Rebellen an. Diese sind inzwischen gestorben.

Ongwen habe „freundlich gegrüßt“

Die ganze Truppe soll auf wenige Hundert Kämpfer zusammengeschrumpft sein: Sie halten sich in dem schlecht zugänglichen Terrain zwischen Uganda, dem Südsudan, dem Kongo und der Zentralafrikanischen Republik auf. Dort hatte Ongwen vor fünf Jahren Kontakt mit einer lokalen Rebellentruppe aufgenommen, die daraufhin US-Soldaten benachrichtigte: Sie transportierten den Kommandanten im Hubschrauber nach Uganda. Von dort wurde Ongwen schließlich nach Den Haag ausgeliefert.

Evelyn Amony, eine der 27 Frauen Konys, kennt einen anderen Dominic Ongwen. „Er hat mich immer freundlich gegrüßt“, erzählte die mit zwölf Jahren von der LRA entführte Uganderin den Richtern: „Ich konnte sehen, dass er Menschen mag.“ Zweifellos sei die Gewalt, der er als Junge ausgesetzt war, für seinen Lebensweg entscheidend gewesen, meint HRW-Direktorin Jo Becker: „Trotzdem kann man die Verbrechen, die Ongwen als Erwachsener beging, damit nicht entschuldigen.“ Mildernde Umstände seien das Einzige, auf das der Verurteilte hoffen könne.

Selbst im Norden Ugandas, wohin das Haager Verfahren elektronisch übertragen wurde, ist man sich uneins. Für den 57-jährigen Federiko Olanya zählt die Tatsache, dass der Kommandeur im Kindesalter entführt wurde: „Alles, was er getan hat, tat er auf Befehl Konys.“ Ob schuldig oder nicht schuldig, wendet Oryem Nyeko ein: „Die Leute hier haben zwanzig Jahre verloren und sind noch ärmer als zuvor. Daran ändert auch dieses Urteil nichts.“

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