Luca-App zur Kontaktnachverfolgung Millionen Check-ins, kaum Infizierte

Die Luca-App wird millionenfach genutzt, unterbricht aber so gut wie keine Infektionsketten. Foto: imago images/Leonhard Simon

Die „Luca“-App hilft Tausenden Einrichtungen, Kontaktdaten zu erfassen. Sie kostet das Land vier Millionen Euro für ein Jahr – und nützt im Kampf gegen Corona bislang fast nichts: Unter Millionen Check-ins ist so gut wie kein Infizierter.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Die digitale Kontaktnachverfolgung soll helfen, Corona-Infektionen zu verhindern. Das gilt beispielsweise für die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts, aber auch für die Luca-App, mit der Veranstalter oder Gastronomen die Kontaktdaten ihrer Gäste einfach erfassen können. Die Apps sind praktisch und für Gastronomen hilfreich, in der Pandemiebekämpfung bleiben sie bislang quasi ohne konkrete Wirkung.

 

In Baden-Württemberg wurden in den vergangenen vier Wochen zwar acht Millionen Check-ins bei mehr als 35 000 Einrichtungen registriert. Infizierte waren aber so gut wie keine darunter. Das Sozialministerium will entsprechende Zahlen in den kommenden Tagen von allen 38 Gesundheitsämtern abfragen. Allerdings sind laut einer Sprecherin Stand jetzt so gut wie keine Fälle bekannt, in denen Kontaktpersonen von nachweislich Infizierten mittels Luca-App ermittelt worden sind. Im Stuttgarter Gesundheitsamt seien am Mittwoch erstmals Daten aus der Luca-App herangezogen worden, um Kontaktpersonen nachzuverfolgen.

Länder zahlen mehr als 20 Millionen

Die Nutzung der App ist für Bürgerinnen und Bürger sowie teilnehmende Einrichtungen kostenlos – aber nur, weil das Land rund 3,7 Millionen Euro Lizenzgebühr an den Anbieter der Luca App, die Berliner Firma Culture4Life, überwiesen hat. Die Lizenz für die 38 Gesundheitsämter, bei denen Check-in-Daten eingehen, läuft bis zum 31. März 2022. Mehrere andere Bundesländer haben ebenfalls Verträge mit Culture4Life abgeschlossen und zahlen dafür mehr als 20 Millionen Euro, wie „netzpolitik.org“ bereits im April recherchiert hatte.

Stand jetzt hilft die App vor allem, eine umfassende Zettelwirtschaft zu vermeiden und ist damit eine Erleichterung etwa für Gastronomen, die verpflichtend die Kontaktdaten ihrer Gäste erheben müssen. Infektionsketten sind mit den vielen Millionen Check-ins bei Luca dagegen kaum unterbrochen worden, was auch mit den derzeit niedrigen Fallzahlen zu tun hat. Gleichwohl lässt das Sozialministerium auf Anfrage durchblicken, dass die Stabilität der App bei steigenden Inzidenzwerten verbesserungswürdig wäre. Das Thema werde aktuell „mit der Veröffentlichung von spezialisierten Handlungsleitfäden und auch mit Verbesserungen im Programm angegangen“, so eine Sprecherin des Ministeriums von Manne Lucha (Grüne).

Gesundheitsämter haben kaum Erfahrungen

Mit den erfassten Daten arbeiten letztlich vor allem die Gesundheitsämter vor Ort. Eine Umfrage unter den Ämtern in der Region Stuttgart zeigt, dass bislang kaum Erfahrungen mit der App gesammelt wurden. Eine Sprecherin des Kreises Esslingen erklärt, das Gesundheitsamt suche weiterhin „hauptsächlich den direkten Kontakt zu den Indexfällen“. Der Kreis Ludwigsburg kann mangels realer Fälle „die Nützlichkeit nicht beurteilen“. Im Rems-Murr-Kreis hat man noch in keinem einzigen Fall infolge einer Corona-Infektion tatsächliche Nutzerdaten abgerufen. Im Ernstfall seien diese aber „einfacher und schneller zu verarbeiten als handschriftlich erfasste Blätter“, so eine Sprecherin.

Auch mangels konkreter Infektionen lässt sich derzeit also nicht absehen, wie nützlich die Luca-App im Falle einer vierten Infektionswelle im Herbst wirklich wäre. Bislang hat sie in den Gesundheitsämtern vor allem Aufwand verursacht, insbesondere für die technische Anbindung sowie diverse Testläufe: Der Rems-Murr-Kreis hat dafür einen Mitarbeiter abgestellt, in der Stuttgarter Stadtverwaltung fielen etwa zwei Wochen Arbeit an, im Kreis Esslingen dreimal so viel. Im konkreten Infektionsfall fiele zusätzlicher Aufwand an. „Das wäre aber auch bei anderen Anbietern oder mit Papierlisten der Fall“, heißt es aus der Stuttgarter Stadtverwaltung.

Nicht das einzige Angebot

Stichwort andere Anbieter: Die Luca-App ist nicht das einzige Angebot am Markt, wurde aber im Winter und Frühjahr offensiv beworben, unter anderem durch den Rapper Smudo von der Band Die Fantastischen Vier. Die befragten Gesundheitsämter in der Region Stuttgart betonen, dass ihnen letztlich egal ist, wie Gastronomen, Veranstalter oder andere Einrichtungen Kontaktdaten erheben. Vor allem für sie sind Apps wie Luca eine Erleichterung.

Allerdings können sie auch helfen, dass die Gesundheitsämter im Infektionsfall schneller an Kontaktdaten kommen. Vor allem die offene Datenschnittstelle Iris gilt als Alternative zu Luca. Mit ihr können viele verschiedene Apps Daten an die Ämter übermitteln. Die Schnittstelle wurde vom Düsseldorfer Innovationsverbund Öffentliche Gesundheit entwickelt und wird von der Björn-Steiger-Stiftung gesponsert. Unter anderem in Nordrhein-Westfalen wird sie bereits eingesetzt.

Vorerst wird in Baden-Württemberg die „Luca“-App das wichtigste Angebot bleiben. Im Herbst wird sie sich bei vermutlich steigenden Fallzahlen bewähren müssen, bis zum Ablauf der Lizenz Ende März will das Sozialministerium die App evaluieren.

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