Lucy Guerin und Pierre Rigal bei Colours Wenn es auf der Welt eng wird

Von Petra Mostbacher-Dix 

Akram Khans Kompanie zieht an diesem Freitag für die Endproben von der Alten Musikhochschule ins Theaterhaus. Dort haben zu Beginn der Woche Gäste aus Toulouse und Melbourne getanzt.

Der Raum wird enger und enger: Pierre Rigal in „Press“. Foto: Colours
Der Raum wird enger und enger: Pierre Rigal in „Press“. Foto: Colours

Stuttgart - Sechs Uraufführungen zeigt Gauthier Dance noch bis einschließlich Samstag in der Turnhalle des Theaterhauses. Mit den Proben für den „Meet the Talents“-Abend waren die Studios der Theaterhaus-Kompanie am Löwentor komplett ausgebucht. Akram Khan, der seit dem 3. Juli in Stuttgart seiner Uraufführung den letzten Schliff gibt, musste deshalb in den Probensaal unterm Dach der Alten Musikhochschule ausweichen. Mit sechs Tänzern arbeitet der Choreograf dort an „Outwitting the Devil“, lässt sie Tiere zum Leben bringen und Steinattrappen schleppen. Am Freitag dann ist die große Bühne im Theaterhaus frei für Akram Khans Endproben.

Pierre Rigal unter Druck

Im allerkleinsten Saal war am Dienstag Pierre Rigal zu Gast. Kaum sind die blendenden Strahler aus, schälen sich aus dem Dunkel die Umrisse eines Mannes. Im schwarzem Anzug sitzt er auf einem Klappstuhl in einer zwei auf drei Meter großen Box, betrachtet das Publikum. Die Ruhe vor einem Kampf gegen Decke, Wände, Lampe: Die Box schrumpft, das weiß-rote LED-Licht scheint ihn unaufhörlich zu verfolgen, Taktgeber in einem Klangteppich aus Elektrobeats und Geräuschen zu werden. Der Mann versucht alles, um dem steigenden Druck von außen standzuhalten, sich anzupassen. Er geht in den Hand- und Kopfstand, kickt jazzig tief die Beine, legt sich auf und mit dem Stuhl quer oder gleitet in eleganten und rasanten Schwimmbewegung von Seite zu Seite. Wie Pierre Rigal in seinem Ein-Mann-Stück „Press“ zunehmend verzweifelt versucht, einen Weg nach draußen zu finden oder zumindest den Status quo zu halten, das ist melancholisch, witzig, dramatisch, letztlich vergebens – und geht unter die Haut. Schwer auszuhalten sind diese 60 Minuten, raffiniert inszeniert und getanzt von dem Franzosen, der als Leichtathlet, Wirtschaftsmathematiker und Filmer begann. Faszinierend ist das Solo dennoch, weil es viele Zeichen der Zeit assoziieren lässt: Leistungsdruck, künstliche Intelligenz, Mensch-Maschine-Interaktion, Meinungsfreiheit, Manipulation, Überwachung und mehr. Vielsagend auch der Untertitel: „Eine choreografische Tragödie oder die verstörende Fremdheit des Normalen“.

Lucy Guerin halbiert die Fläche

Auch Lucy Guerin hat einen sich verengenden Raum als Kammerspiel inszeniert. Die australische Choreografin schickte in „Split“ zwei Frauen ins Rennen um das Leben, eine nackt, die andere im hochgeschlossenen blauen Kleid, Natur gegen Kultur! Geht es auf einer quadratischen Fläche, mit Kreppband abgeklebt, zunächst friedlich zu – zu Elektrotrommeln werden rhythmisch und synchron Tanzphrasen ausgelotet, Oberkörper gewiegt, Arme wie Windmühlen bewegt, änderte sich das Zusammenspiel mit weniger Raum. Auf dem immer wieder halbierten Boden – am Ende bleibt beiden der 248. Teil der Ausgangsfläche – schwindet Synchronität, dominieren individuelle Bewegungen, werden Rituale hinterfragt, symbolisch der anderen Leib aufgerissen. Auch wenn der Versuch vorhersehbar verläuft, ist er packend, nicht nur, weil Melanie Lane und Lilian Steiner wie um ihr Leben tanzten. Und weil Guerin einen wunderbar eigenwilligen Mix unterschiedlichster Bewegungssprachen auf die Bühne bringt.