Ludwig Uhlands 150. Todestag Ein Schwabenstreich ist kein Schildbürgerstreich

Von Thomas Borgmann 

Auf seinen Reisen durch Deutschland und bis hinüber nach Paris und Wien lernt Uhland, inzwischen Doktor der Rechte, die literarischen Größen seiner Zeit kennen: Adelbert von Chamisso, Karl August Varnhagen von Ense; auch Gustav Schwab schließt sich dem Freundeskreis an. Man nennt sie die „Tübinger Romantiker“. 1812 zieht Uhland nach Stuttgart, arbeitet als unbezahlter Sekretär im Justizministerium, später als freier Advokat, denn der Staat hat die Festanstellung abgelehnt.

1814/15 schreibt Uhland die folgenreiche „Schwäbische Kunde“. Doch die Forscher sind sich uneins: Hat er den Kreuzzug von Kaiser Friedrich Barbarossa, bei dem dieser ertrank, tatsächlich bitterernst genommen, oder hat er die grauslichen Geschehnisse satirisch-augenzwinkernd zu Gunsten aller wack’ren Schwaben überhöht? Spielte vielleicht die Tatsache eine Rolle, dass einer seiner Vorfahren im Krieg gegen die Türken vor Belgrad einen Gegner regelrecht niedergemetzelt hatte?

Der junge Poet jedenfalls, damals 28 Jahre alt, schildert den Mord martialisch: „Zur Rechten sah man wie zur Linken/nen halben Türken niedersinken.“ Zum Schluss belobigt er die Tat mit dem Prädikat „Schwabenstreich“ – oft und allzu leichtsinnig verwechselt mit den „Schildbürgerstreichen“, jenen Bürgern von Schilda also, die unbeirrt versuchen, das Tageslicht mit Körben in ein Haus ohne Fenster zu tragen. Uhland war gewiss, vor allem als Politiker, ein zwar aufrechter, aber eher glückloser Held – ein Schildbürger war er nie.

Die Zeit des großen Poeten neigt sich dem Ende zu

1815 erscheinen bei Cotta in Tübingen und Stuttgart Uhlands gesammelte Gedichte. Bis zum Ende werden es 200 sein, alles in allem erreichen sie mehr als 60 Auflagen. Er wird gelesen, auch in den Schulen, die Vertonungen werden zu Volksliedern, weit über seinen Tod hinaus. Von Uhland stammt unter anderem das Gedicht vom guten Kameraden: „Ich hatt’ einen Kameraden, ein besseren find’st du nicht“, vertont von seinem Zeitgenossen Friedrich Silcher, bis heute gespielt, wenn zu Tode gekommene Soldaten beerdigt werden – nicht nur in Deutschland. Fast fühlt man sich erinnert an den Weltkriegsschlager „Lilli Marleen“.

1819 endet die Zeit des großen Poeten Uhland – er wird Politiker, Mitglied des Landtags. Jahre zuvor war er Sprecher der württembergischen Landstände in der verfassunggebenden Versammlung. 1820 heiratet er Emilie Vischer aus Calw, eine Tochter reicher Leute, die ihm fortan ein unabhängiges Leben garantiert. Dafür muss er Kritik einstecken; es gilt als unehrenhaft, sich von seiner Frau aushalten zu lassen. Erst Jahrzehnte später werfen seine Gedichte nennenswerte Gewinne ab.

Bis 1826 bleibt Uhland im Landtag, danach folgen Jahre des Reisens mit seiner Frau. 1829 erreicht er endlich sein großes Ziel: eine Professur für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Tübingen. Aber Uhland bleibt ein politischer Kopf, legt sich immer wieder mit König Wilhelm I. von Württemberg an. Der Reformer auf dem Thron sieht in ihm zu Recht einen Gegner, der das Königtum abschaffen möchte. Als Uhland 1833 für Stuttgart wieder in den Landtag gewählt wird, verweigert ihm der König den nötigen Urlaub – Uhland bittet um seine Entlassung aus der Universität, was ihm gewährt wird. Wilhelm I. schreibt, er sei „als Professor ganz unnütz“. Eine Demütigung.