Ludwigsburger Ausländeramt Amt fürchtet Terror von Linguistin

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„Irgendwann gibt es in diesem Land einen großen Knall“: Diese Äußerung hat Folgen für eine 44-jährige Frau. Das Ausländeramt hat die Linguistin jetzt wegen terroristischer Bedrohung angezeigt.

Im Ludwigsburger Ausländeramt hat man sich bedroht gefühlt – und eine Frau angezeigt, die seit mehr als 20 Jahren in der Stadt lebt. Foto: factum/Granville
Im Ludwigsburger Ausländeramt hat man sich bedroht gefühlt – und eine Frau angezeigt, die seit mehr als 20 Jahren in der Stadt lebt. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Svetlana B. weiß nicht, was sie falsch gemacht hat. Als sie den Brief von der Polizei bekam, wusste sie noch nicht einmal, dass sie überhaupt etwas falsch gemacht hatte. Inzwischen ist ihr klar, dass sie beim Ludwigsburger Ausländeramt einen Satz gesagt hat, der offenbar nicht gut ankam. Es ist ein Satz, der vermutlich zig Mal am Tag in Deutschland fällt – ohne großes Aufsehen. Doch für Svetlana B. hat es weitreichende Konsequenzen, dass sie anmerkte: „Irgendwann gibt es in diesem Land einen großen Knall.“ Denn die Behörde zeigte sie daraufhin wegen terroristischer Bedrohung an – der Fall liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Der Vorfall, auf den sich die Ausländerbehörde bezieht, liegt inzwischen knapp einen Monat zurück. Svetlana B. wollte sich an jenem Tag ihren Niederlassungstitel für ihren neuen Reisepass abholen. Früher sei das immer nur ein kostengünstiger Stempel im Pass gewesen, erzählt die 44-jährige gebürtige Russin, die seit mehr als 20 Jahren in Ludwigsburg lebt. Doch nun sollte sie 60 Euro für den aus ihrer Sicht „völlig unnötigen“ elektronischen Aufenthaltstitel auf einer speziellen Karte zahlen. Zudem habe sie sich der „erniedrigenden Zwangsprozedur der Fingerabdruck-Abnahme“ unterziehen müssen und sei sehr unfreundlich behandelt worden.

Svetlana B. beschwert sich über rüden Umgang

Deshalb habe sie sich beschwert: Über die aus ihrer Sicht zusehends ungemütliche Atmosphäre bei der Behörde und darüber, dass der elektronische Titel über die Köpfe der Betroffenen hinweg eingeführt worden sei. Als Ausländer in Deutschland sei man ohnehin schon sehr fremdbestimmt, habe sie ausgeführt und angefügt, dass es, wenn die Entmündigung und Überwachung noch weiter zunehme, irgendwann einen großen Knall in diesem Land gebe. Gemeint habe sie damit natürlich den sozialen Sprengstoff, den der nach ihrem Empfinden despektierliche Umgang mit Ausländern berge.

Dass dieser Satz missverstanden werden könnte, ahnte die promovierte Linguistin, die perfekt Deutsch spricht, erst einige Tage später, als sie Post von der Polizei bekam. Ihr wurde, so berichtet sie, mitgeteilt, dass sie wegen terroristischer Bedrohung angezeigt worden sei. Weil sie sich keinen Reim darauf machen konnte, was der Grund für diese Anzeige sein könnte, rief sie bei der Polizei an. Erst im Laufe des Gesprächs sei es ihr langsam gedämmert, dass es um diesen Satz gehen müsse.

Die Stadt spricht von einer verbalen Drohung

Die Stadt Ludwigsburg bestätigt die Erstattung der Anzeige. Svetlana B. habe eine verbale Drohung gegenüber einer städtischen Mitarbeiterin geäußert, bei der man nicht habe einschätzen können, wie ernst sie gemeint sei, heißt es aus dem Rathaus. So etwas komme immer wieder mal vor, wenn auch eher selten. Die letzte Anzeige habe das Ausländeramt vor etwa anderthalb Jahren erstattet.

Bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ist die Anzeige gegen Svetlana B. bereits eingegangen. Das Verfahren laufe aber nur unter dem Vorwurf der Bedrohung, von terroristischer Art sei keine Rede, teilt die Sprecherin Claudia Krauth mit. Allerdings wäre bei Verdacht auf Terrorismus auch nicht die Staatsanwaltschaft Stuttgart zuständig gewesen, sondern der Bundesstaatsanwalt. Nun werde geprüft, ob es zur Anklage komme, so Krauth.

Linguistin glaubt an Retourkutsche für ihre Kritik

Svetlana B. kann derweil immer noch nicht fassen, dass sie wegen der aus ihrer Sicht völlig harmlosen Aussage als Bedrohung gesehen wird. „Ich hänge keiner terroristischen Idee nach und bin kein Mitglied in einer terroristischen Organisation“, sagt sie. Zudem habe sie sich in den mehr als 20 Jahren in Deutschland nie etwas zuschulden kommen lassen, sondern sei gut integriert und arbeite ganz geregelt als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Die Linguistin glaubt nun, dass die Anzeige eine Retourkutsche ist für ihre Kritik am Umgang mit Ausländern und an der Ausländerpolitik.

Doch einschüchtern lässt sich Svetlana B. nicht: Sie hat einen Brief an das Innenministerium geschrieben. Dort will man die Reaktion der Ludwigsburger Behörde aber nicht kommentieren: „Die Ämter entscheiden in eigener Regie“, betont der Sprecher Andreas Schanz.