Erich-Kästner-Stück in Ludwigsburg Lohnt sich „Emil und die Detektive“ im Cluss-Garten?

Lagebesprechung: A. Thiemann, L. Umbach, I. Rerikh (v. li.) Foto: Geronimo Schmidt

Kristo Šagor inszeniert „Emil und die Detektive“ im Ludwigsburger Cluss-Garten als historisch verpflichtetes Körper- und Erzähltheater.

Bloß ein paar Bretter mit Stufen und ein Portal aus verschraubten Alu-Traversen auf einer Lichtung im Grünen. Mehr braucht der renommierte Theatermacher Kristo Šagor nicht, um beim Ludwigsburger Theatersommer im Cluss-Garten Erich Kästners unverwüstlich guten Kinderkrimi „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1929 aufzuführen. Die Kommunen ächzen unter Finanzsorgen; überall soll und muss gespart werden, auch an der Kultur.

 

Vielleicht orientiert sich der 1976 geborene Šagor am polnischen Theateravantgardisten Jerzy Grotowski (1933–1999), der den Slogan „Für ein armes Theater“ prägte – arm nicht an Fantasie und Inhalt, sondern an szenischer Ausstattung. Mit seinem gerade einmal aus drei spielwütigen Studierenden der Ludwigsburger Akademie für Darstellende Künste bestehenden Ensemble stellt Šagor Erich Kästners hochempathische Erzählung um den vaterlosen Emil Tischbein (Louis Umbach) nach, der bei seiner unter prekären Bedingungen arbeitenden Mutter (Irma Rerikh) lebt. Die will ihren Jungen in den Ferien zur Oma und zur Cousine Pony Hütchen (Alina Thiemann) nach Berlin schicken. Um ihrer Mutter in der fernen Metropole unter die Arme zu greifen, steckt sie Emil 140 Mark ein, die dem Kind vom Räuber Grundeis auf der Zugfahrt gestohlen werden. Emil versucht nun mithilfe seiner neuen Freunde „Gustav mit der Hupe“ und des „kleinen Dienstag“, den Dieb dingfest zu machen. Kästners Schilderungen sind turbulent und erfordern eigentlich zahlreiche Szenenwechsel. Kristo Šagor zeigt, wie man mit körperbetontem Schauspiel und auf Basis eines hervorragenden Textes gutes Theater inszenieren kann – ganz ohne aufwendiges Brimborium.

Emil schreibt keine Whatsapp, sondern Brief

Wie Kinder im Spiel springen Irma Rerikh und Alina Thieman von Rolle zu Rolle, während Louis Umbach Emil als zentralen Charakter gestaltet. In einer lustigen Szene am Anfang bedient die Friseurin Frau Tischbein (Rerikh mit blonder Perücke) eine Kundin (Alina Thiemann mit übergeworfenem Cape) im Wohnzimmer. Im Hintergrund dudelt Hammond-Orgel-Muzak aus den 60ern, während Frau Tischbein das störrische Haar ihrer Kundin mit einem Kamm traktiert. „Sie sollten sich einen elektrischen Föhn anschaffen“, rät die Kundin. Sofort wird klar, dass Frau Tischbein zu wenig verdient, um solch teure Arbeitsgeräte zu besorgen. Als Grundeis schlüpft Thiemann in einen schwarzen Ledermantel, als Oma wirft sich Rerikh eine silberne Lockenpracht auf den Kopf. Und wenn der kleine Dienstag in seiner Telefonzentrale zum Hörer greift, zieht er einfach einen Zweig zu sich heran. In seiner Textfassung verzichtet Šagor darauf, die Geschichte in die Gegenwart zu verpflanzen. Emil will seine 140 Mark haben und nicht etwa Euro, der Oma schreibt er einen Brief und keine Whatsapp, der kleine Dienstag hockt am Telefon und nicht am Smartphone. Kindern die Historizität eines Stoffes zuzumuten gilt heute oft als Wagnis, das Kristo Šagor mutig eingegangen ist. Die Kunst braucht Geld und Förderer, aber sie braucht vor allem Menschen mit guten Ideen und Sachverstand – wie in diesem Fall.

Informationen und Karten unter: www.theatersommer.net

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