Ludwigsburg Der Landesrabbiner betet für Joseph Süß Oppenheimer

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Bei einem Projekt der Akademie für Darstellende Kunst tut Netanel Wurmser, was vor ihm kein Rabbiner getan hat. Er spricht ein Totengebet für das Justizopfer Joseph Süß Oppenheimer.

Mit einer Nachtwache für Joseph Süß Oppenheimer gedenken Schauspielstudenten der Akademie des Justizopfers. Foto: ADK
Mit einer Nachtwache für Joseph Süß Oppenheimer gedenken Schauspielstudenten der Akademie des Justizopfers. Foto: ADK

Ludwigsburg - Es ist kurz nach Mitternacht, als Netanel Wurmser den Bühnenraum betritt. Der Württembergische Landesrabbiner ist für eine ganz besondere Geste von Stuttgart nach Ludwigsburg gekommen. Was er tut, hat vor ihm noch kein Rabbiner getan. Wurmser wird ein Sterbegebet für Joseph Süß Oppenheimer sprechen. An der Akademie für Darstellende Kunst halten die Schauspielstudenten zusammen mit etwa 100 Zuschauern an diesem Samstagabend von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang eine Nachtwache für Oppenheimer.

1738 wurde der Bankier und Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander nach schwerer Folter mit dem Strang hingerichtet – es war ein Justizmord. Sechs Jahre stellte man seine sterb­lichen Überreste in einem Käfig zur Schau.

Zwischen Fakten und Ggefühlen

Daran erinnert die Akademie nun. Christina Friedrich, die das Projekt leitet, spricht von einem einmaligen Ritual – und einer Nacht, die es anders als sonst im Theater nur einmal geben wird. Und von dem Versuch, eine „noch heute beschädigte Figur in dieser Nacht zu bergen“. Hellmuth G. Haasis, der Oppenheimers Biografie nach mehrjährigem Aktenstudium geschrieben hat, trägt an diesem Abend die historischen Fakten vor. Schauspieler und Musiker stellen Episoden aus Oppenheimers Leben dar. Seine Verzweiflung und Wut werden so greifbar. In der Zeit seiner Haft war Oppenheimer zu seinem jüdischen Glauben zurückgekehrt. In den Stunden vor seiner Hinrichtung verweigerte man ihm jedoch den Beistand eines Rabbiners. Sein Skelett wurde an unbekannter Stelle verscharrt.

Wurmser bezieht Oppenheimer in seine Trauer ein

277 Jahre später wird Wurmser Oppenheimer den Wunsch nach einem jüdischen Begräbnis zumindest in Teilen erfüllen. Nachdem an die männlichen Besucher Kippas verteilt worden sind, setzt er sich auf den Boden und singt in Richtung Osten das Klagegebet. Wurmser tut das an einem besonderen Tag im Religionsjahr, dem Tag des Tempelfestes. Es ist ein Tag tiefster Trauer, in die er Oppenheimer einbezieht. Eine kleine Geste von großer Bedeutung. Danach verlässt er das Theater. In der Akademie ruhen die Menschen sich kurz aus. Dann geht es weiter mit dem Ritual, mit Gesang, Theater – bis die Sonne aufgeht.




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