Ludwigsburg Die Erinnerungssammlerin

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Regina Boger hat einen Traum. Sie will ein Stadtpanorama aus den Geschichten ihrer Bewohner erstellen. Ihre Überzeugung: jeder hat etwas zu erzählen – auch wenn er sonst gar nicht in der Stadtgeschichte in Erscheinung tritt.

Überall ereignen sich Geschichten. Regina Boger interessieren sie alle. , Foto: factum/Granville
Überall ereignen sich Geschichten. Regina Boger interessieren sie alle. , Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Was ist die Stadt? Wer verbirgt sich hinter der Idee vom Zusammenleben? Und aus wie vielen Menschen besteht die Stadt Ludwigsburg überhaupt? Das Einwohnermeldeamt würde sagen: aus 90 368 Frauen, Männern und Kindern. Regina Bogers Antwort lautet ein bisschen anders. Für die seit Kurzem pensionierte Berufschullehrerin und Theaterpädagogin verbergen sich hinter dem Konstrukt Stadt 90 368 ganz unterschiedliche Lebensgeschichten, die zusammen Ludwigsburg ausmachen. „Es gibt so viele Menschen in der Stadt, von denen niemand etwas weiß. Trotzdem bestimmen auch sie die Atmosphäre“, sagt die 65-Jährige.

„Wir sind ja nicht nur ein Mensch“, fügt sie an. Die Menschen seien katholisch, evangelisch, muslimisch oder atheistisch, sie hätten Arbeit oder seien arbeitslos. Sie seien jung, alt oder zeitlos hipp. Sie seien prominent, oder sie treten für die Öffentlichkeit nie in Erscheinung. Sie sind hier aufgewachsen, kommen aus Italien, Syrien, der Türkei – oder aus Mühlacker wie Regina Boger. Die Reihe ließe sich schier endlos fortsetzen. Und das Faszinierende an ihr ist für Boger, dass jeder Mensch in gleich mehreren Reihungen vorkommen kann.

Zuhören ist lehrreich und nicht reiner Selbstzweck

Regina Boger ist neugierig auf alle Facetten des Daseins. Für sie ist das Stöbern in fremden Lebensgeschichten jedoch nicht nur reiner Selbstzweck. Wenn sie sagt „da tun sich Welten auf“, dann meint sie, dass die einzelnen Lebensgeschichten denen, die von ihnen erfahren, die Welt erklären können. Zuhören ist lehrreich – das ist ihre Überzeugung. Und eine Stadt wie Ludwigsburg müsse auf ihr kulturelles Gedächtnis zurückgreifen können. Und deshalb wäre sie schon froh, wenn sie nur ein Promille – also 89 Geschichten – kennen würde.

Wenn sie im Café sitzt, überkommt Regina Berger deshalb oft der Wunsch, die Menschen einfach anzusprechen und ihre Geschichten aufzuschreiben. Aber das tut sie natürlich nicht – aus purer Höflichkeit.

Erzählen bei einer Teezeremonie

Aber seit sie nun im Ruhestand ist, hat sie Zeit, sich diesem Wunsch auf eine bisschen diskretere Art und Weise zu nähern. Zusammen mit ein paar ähnlich neugierigen Mitstreiterinnen arbeitet sie an dem Projekt „Ludwigs BürgerInnen – eine Stadtistik in Geschichten“, das sich trotz großem I aber nicht nur an Frauen richtet. In dem interkulturellen Literaturblog tezere.de – eine Ableitung von Teezeremonie – laufen die Geschichten im Moment ein. Nun findet Regina Boger die Erzähler zwar nicht im Café, sondern im Rahmen einer solchen Zeremonie im Wein&Teeladen.

Neulich hat eine Frau aus Bosnien ihre Geschichte erzählt, die sie so noch nie mitgeteilt hat. Neugierde und aufrichtiges Fragen lösen offenbar die Zunge – oder schaffen zumindest eine Atmosphäre, in der Menschen sich ihrem Gegenüber öffnen. Vor allem die, die sonst nicht gehört werden. Und wer mag, kann seine Geschichte selbst aufschreiben. Aber es gibt auch die, deren lebendiger Erzählfluss versiegt, wenn sie die eigenen Geschichte in Schriftform bringen wollen. Für sie gibt es das Angebot Bogers, die Geschichte aufzuschreiben. Sie kommt dann mit ihrem Schreibblock und protokolliert das Gesagte.