Dass das besonders bei Einzelpraxen sehr schwierig ist, sagt auch Till Reckert, Sprecher des baden-württembergischen Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte: „Wer sich niederlässt, legt sich fest.“ Das wollten aber viele Mediziner nicht mehr. Denn die Kinder- und Jugendmedizin sei inzwischen mehrheitlich weiblich und durch Frauen geprägt, die in der Familienphase nur in Teilzeit arbeiteten. Von deren Männern aber werde beruflich oft Mobilität erwartet.
Nur 30 Praxen gibt es im Landkreis Ludwigsburg
Hinzu kämen die zunehmende Bürokratie, unausgereifte Technik und der ökonomische Druck: „Da hat man es als angestellter Mediziner besser.“ Wenn eine Praxis erst einmal weg sei, komme sie in der Regel nicht wieder. Die Zahl der verbliebenen Ärzte ist überschaubar: In Oberstenfeld hat eine Gemeinschaftspraxis ihren Sitz, ebenso in Pleidelsheim, in Steinheim praktiziert der über siebzigjährige und wegen seiner Impfkritik umstrittene Wolfgang Scheel.
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Im Landkreis gibt es nur 30 Praxen – in etlichen Kommunen gar keine, in den anderen meist nur eine. Besser dran sind nur Ditzingen und Bietigheim-Bissingen mit je zwei pädiatrischen Praxen, Gerlingen mit drei, Ludwigsburg mit sechs, die Kinderärzte am Klinikum nicht mitgerechnet. Der Oberstenfelder Kinderarzt Martin Kimmig sagt, er betreue auch Kinder aus den Landkreisen Backnang und Heilbronn, weil auch dort ein Mangel herrsche. Vom ehemaligen Kollegen in Großbottwar habe man rund 800 Patienten übernommen. „Wir sind an der Kapazitätsgrenze“, sagt er. Steinheimer Eltern, die sonst auch gekommen seien, müsse man inzwischen abweisen. Die Suche nach Verstärkung des Praxisteams sei seit mehr als einem Jahr erfolglos. Inzwischen habe man sogar eine Warteliste von Babys, die noch gar nicht geboren seien. „Das gab’s noch nie.“ Auch bei der Marbacher Gemeinschaftspraxis, in der ebenfalls Kinder aus Steinheim und dem Bottwartal behandelt werden, ist kein Spielraum mehr. „Wir wollen jedes neugeborene Kind aufnehmen, aber wenn jemand wechseln will, müssen wir das ablehnen“, sagt Christoph Stolzenburg.
Angeblich gibt es zu viele Kinderärzte?
Trotzdem ist nicht damit zu rechnen, dass sich die Lage verbessert. Denn die sogenannte Bedarfsplanung der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) sieht sogar eine Überversorgung mit Kinder- und Jugendärzten im Landkreis. Das heißt, so der KVBW-Sprecher Kai Sonntag: „Selbst wenn jetzt eine Kinderärztin in Marbach eine Praxis eröffnen wollte, müssten wir Nein sagen.“ Ihm ist auch klar, dass die Eltern, die keinen Termin bekommen, das anders sehen. In der Planung werde zwar berücksichtigt, ob ein Mediziner Teilzeit oder Vollzeit arbeite, „aber nicht angemessen“, räumt er ein. Gar nicht berücksichtigt werde, dass der Behandlungsumfang bei den Pädiatern durch neue Vorsorgeuntersuchungen und mehr Impfungen erheblich angestiegen sei. „Das ist eine gravierende Schwäche in der Bedarfsplanung“, sagt der Sprecher. Diese sei vor rund 30 Jahren eingeführt worden, um die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, und sei seither zwar angepasst, aber nicht grundlegend geändert worden.
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Selbst wenn sich für eine Praxis eine Nachfolge findet, heißt das noch lange nicht, dass damit die Versorgung von Kindern und Jugendlichen im selben Maß abgedeckt ist wie zuvor: „Früher hat ein Kinderarzt 50 bis 80 Stunden pro Woche gearbeitet, weil seine Frau ihm den Rücken freigehalten hat. Das gibt es praktisch nicht mehr,“ sagt Till Reckert. Für einen niedergelassenen Arzt reicht Kai Sonntag zufolge eine wöchentliche Arbeitszeit von 25 Stunden aus, für angestellte Ärzte 30 Stunden. „Deshalb braucht man mindestens zwei bis drei neue Köpfe, um einen Arzt, der heute aufgibt, zu ersetzen“, sagt Reckert.
Doch ein Medizinstudium und die Facharztausbildung lassen sich nun mal nicht von heute auf morgen absolvieren. Richtig schlimm, prophezeit Karin Bender, werde es wohl in zehn Jahren. „Dann gehen viele der jetzt praktizierenden Kollegen in Rente.“
Gibt es bundesweit genug Kinderärzte?
Umfrage
Das deutsche Kinderhilfswerk hat 2018 bei Eltern eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: 34 Prozent der Eltern sahen in der Nähe ihres Wohnortes keine ausreichende Versorgung mit Kinder- und Jugendärzten. Dabei gab es einen Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Regionen. In Kleinstädten bis 5000 Einwohner beklagten 49 Prozent der Eltern einen Mangel, in Großstädten 31 Prozent.
Situation
Der Stuttgarter Kinderarzt Thomas Jansen warnte schon 2014, der erste Entwurf des Versorgungsstärkungsgesetzes der gesetzlichen Krankenversicherung stelle mehr als 200 pädiatrische Sitze in Baden-Württemberg zur Disposition. Auch durch sein Engagement konnten die Auswirkungen zumindest abgemildert werden.