Die Benennung von Straßen nach umstrittenen historischen Persönlichkeiten wird höchst kontrovers diskutiert – im Bauausschuss ist eine knappe Mehrheit gegen Namensänderungen.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)

Ludwigsburg - Sind Straßen, die nach umstrittenen historischen Persönlichkeiten benannt sind, Teil unserer Geschichte und müssen deshalb erhalten bleiben? Oder sind sie das Symbol einer Ehrung, die nicht mehr zeitgemäß ist, und müssen deshalb umbenannt werden? Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich die höchst emotional geführte Debatte im Bauausschuss am Donnerstag. Die Positionen hätten konträrer kaum sein können. Während insbesondere die CDU eine Umbenennung von Straßen kategorisch ablehnte, verkämpften sich zumindest Teile der Grünen für eine akribische Untersuchung aller Personen, die Namensgeber einer Ludwigsburger Straße sind und eine unrühmliche Vergangenheit gehabt haben könnten.

Zur Debatte stand eigentlich die Umbenennung von sechs Straßen in Ludwigsburg. Allerdings weitete sich die Diskussion zu einer hitzigen Grundsatzdebatte darüber aus, wie generell mit Straßennamen umgegangen werden soll, die in Verbindung zu Diktatur, Militarismus, Kolonialismus oder Rassismus stehen. Letztlich konnten sich CDU und Freie Wähler knapp mit der Empfehlung an den Gemeinderat durchsetzen, nur eine einzige Straße umzubenennen – oder vielmehr umzuwidmen: Die Karl-Peters-Straße soll demnach nicht mehr nach dem wegen mörderischer Aktionen in Ostafrika berüchtigten Kolonialisten benannt sein. Ihren Namen soll sie dennoch behalten, allerdings soll sie künftig dem Strafrechtler Karl Peters gewidmet sein.

CDU: Wir brauchen keine zweite Entnazifizierung

Insbesondere der CDU-Fraktionsvorsitzende und Landtagsabgeordnete Klaus Herrmann und die Grünen-Rätin Elfriede Steinwand zeigten sich aufgebracht und geradezu kampfeslustig. Hermann betonte, die Straßennamen seien „Teil unserer Geschichte“ und ein „Gedächtnisspeicher“. Manche meinten wohl, durch eine Umbenennung könne man „unsere Geschichte bereinigen“, so Herrmann. Doch das sei falsch: „Wir müssen uns der Geschichte stellen, wir können uns nicht entziehen“, sagte er. Und: „Wir wollen und brauchen keine zweite Entnazifizierung.“ Zumal man den Anfängen wehren müsse, damit nicht bald alle möglichen Straßen und Plätze umbenannt werden müssten. Im Übrigen sei ein Namenswechsel ein enormer Aufwand für Anwohner und Behörden.

Elfriede Steinwand zeigte sich „entsetzt“ angesichts der Haltung der CDU. Schließlich dienten Straßenschilder wohl kaum der Geschichtsinformation, sondern der Ehrung der nach ihnen benannten Personen. „Und wir haben hier Namen, die mit einer modernen Zivilgesellschaft nicht vereinbar sind“, so Steinwand. Darum müsse man sich kümmern. Deshalb beantragten die Grünen eine Kommission, die die voraussichtlich etwa 150 fraglichen Straßennamen untersuchen solle.

Keine Mehrheiten für Umbenennungen

Daniel O’Sullivan (SPD) regte an, gar keine Straßen mehr nach Personen zu benennen: „Das ist eine Ehrung hoch drei.“ Wenn, dann müsse dafür schon eine sehr positive Lebensleistung nachzuweisen sein. Während sich auch Elga Burkhardt (Lubu) für eine Kommission stark machte, zog Bernhard Remmele (Freie Wähler) internationale Krisen als Maßstab heran: Angesichts von Kriegen und Flüchtlingsströmen in der Welt seien Straßennamen völlig unwichtig. In Richtung Grüne sagte er: „Wenn ihr euch mal so für Asylbewerber einsetzen würdet“ – und erntete dafür heftigen Protest.

Sowohl der Antrag der Grünen auf die Einrichtung einer Kommission als auch die Vorschläge der Stadt, die Carl-Diem- und die Hindenburgstraße umzubenennen, wurden knapp abgelehnt. Auch für die Umbenennung von Adolf-Gesswein-Straße, Heinkel- und Auguste-Supper-Straße gab es keine Mehrheiten.

Geisteshaltungen der Namensgeber

Forschung
: Vor allem Karl (oder Carl) Peters, Carl Diem und Paul von Hindenburg gelten in der aktuellen Forschung als Befürworter nationalsozialistischen und rassistischen Gedankenguts. Der Begründer von Deutsch-Ostafrika Karl Peters (auch: „HängePeters“) wurde wegen blutiger Aktionen in Afrika 1897 unehrenhaft aus dem Staatsdienst entlassen. Erst 1937 wurde er durch Hitler posthum rehabilitiert und als geistiger Vater des Nationalsozialismus gefeiert. Carl Diem, ein Sportfunktionär, wird insbesondere wegen seiner Durchhalteparolen an den Volkssturm als Nazi eingeschätzt. Auch Hindenburg gilt nicht mehr als willenloser Greis, sondern als aktiver Wegbereiter des Nationalsozialismus. Die Forschungen zu Ernst Heinkel und Auguste Supper sind noch nicht abgeschlossen, auch sie gelten aber als problematisch – weniger jedoch Adolf Gesswein.

Nachbarn
: In Korntal-Münchingen und in Bietigheim-Bissingen wurden schon vor Jahren umstrittene Straßennamen geändert.

Kommentar: Augenmaß gefragt

Es ist schon erstaunlich: In Ludwigsburg wird seit Jahren über eine Umbenennung der Straßen diskutiert, deren Namensgeber mit Rassismus, Nationalsozialismus oder Militarismus in Verbindung gebracht werden – doch passiert ist bisher nichts. Dabei ist ein solcher Schritt längst nichts Ungewöhnliches mehr. Zahlreiche andere Kommunen haben inzwischen ihre Hindenburg-, Carl-Diem- oder Karl-Peters-Straße vom Stadtplan verbannt. Vielleicht ist auch die Art der Diskussion über dieses Thema in Ludwigsburg ein Grund dafür, dass man noch nicht weiter ist. Zumindest in der Sitzung des Bauausschusses am Donnerstag wurde überaus emotional, teilweise geradezu aggressiv und noch dazu so dogmatisch argumentiert, dass kaum eine sachliche Abwägung möglich scheint.

Dabei wäre gerade bei diesem Thema mehr Augenmaß sinnvoll. Denn natürlich muss man bedenken, was die Umbenennung einer Straße für die Behörden und die Anwohner bedeutet: Papierkram, Kosten und den Verlust einer vertrauten Größe. Doch das kann in diesem Fall nicht ausschlaggebend für eine politische Entscheidung sein. Wichtig ist vielmehr das Selbstverständnis der Kommune. Ludwigsburg präsentiert sich stets als moderner Vorreiter und weltoffene Stadt. Dazu passt es nicht, sich bewusst für die Beibehaltung von Straßennamen nach Nazi-Unterstützern wie Hindenburg oder Diem zu entscheiden. Denn deren Ehrung ist nicht angebracht – und die Benennung einer Straße ist nichts anderes als eine Auszeichnung der betreffenden Person.

Allerdings ist eine akribische Suche danach, ob sich bei den Namensgebern von 150 anderen Straßen Fehltritte finden lassen, sicher auch nicht erforderlich. Sinnvoll wäre die Einrichtung einer Kommission, die sich mit dieser Thematik beschäftigt – wie von den Grünen gefordert. Diese könnte bei Bedarf zusammenkommen und sachlich über das Für und Wider einer Straßenumbenennung diskutieren.

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