Ludwigsburg Studierte Pioniere am Pflegebett

Von man 

Angehende Kranken- und Altenpfleger können an der Evangelischen Hochschule in viereinhalb Jahren eine Ausbildung und einen neuen Bachelor-Abschluss erwerben. Die Absolventen sollen die Weichen für die Zukunft der Seniorenfürsorge stellen.

Die Pflege steht vor Herausforderungen – ein neuer Studiengang soll die Fachkräfte der Zukunft darauf vorbereiten. Foto: factum/Archiv
Die Pflege steht vor Herausforderungen – ein neuer Studiengang soll die Fachkräfte der Zukunft darauf vorbereiten. Foto: factum/Archiv

Ludwigsburg - „Vor 30 Jahren war die Pflege ein angesehener Beruf für bürgerliche Töchter“, sagt Norbert Collmar, Rektor der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg. Heute jedoch möchte mehr als die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs studieren. Dieser Gruppe den Pflegebereich zu eröffnen – das ist das Ziel des neuen Bachelor-Studiengangs Pflege, der zum Wintersemester 2014/15 erstmals auf der Karlshöhe angeboten wird.

Das Besondere dabei ist: Der neue Studiengang ist in die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger oder zum Altenpfleger integriert. Während der dreijährigen Ausbildung absolvieren angehende Pfleger aus ganz Württemberg Zusatzkurse an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, rund sechs bis sieben Präsenztage pro Semester – plus Lernzeit und Prüfungen. Dieses Angebot ist in Württemberg bisher einmalig. An die dreijährige Ausbildung schließen sich drei Semester Teilzeitstudium in Ludwigsburg an. Auf diese Weise haben die Absolventen nach viereinhalb Jahren das Examen und den Bachelor in der Tasche.

Die Absolventen sollen die Pflege weiterentwickeln

26 Studierende des ausbildungsintegrierten Bachelors Pflege hatten am Donnerstag ihre Einführungsveranstaltung auf der Karlshöhe. Darunter Franziska Bach. „Der helfende Aspekt erfüllt mich“, das hat die 21-Jährige nach dem Abitur bei einem Praktikum im Kreißsaal des Stuttgarter Marienhospitals entdeckt. Die junge Frau hatte vor, eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin zu absolvieren und später ein Studium darauf zu satteln. Daher hat die Kombination aus Ausbildung und Bachelor-Studium ihr gleich zugesagt. Mit wissenschaftlichem Hintergrund die Pflege weiterentwickeln – das ist für die 21-Jährige der Traumberuf.

An der Evangelischen Hochschule hofft man, dass sich einige Absolventen später der Pflegewissenschaft widmen. Die Träger des schulischen Ausbildungsteils setzen darauf, dass die hochqualifizierten Pflegekräfte eine Bereicherung für die Kliniken und Seniorenheime sein werden. „Die Absolventen können und sollen die Arbeit stärker hinterfragen“, sagt Gabi Bentrup, die Leiterin der Altenpflegeschule des Diakonischen Instituts in Stuttgart-Nord. Mit dieser Reflexionsleistung könnte man auch die Ursachen für die immer größere Belastung in Heimen und Kliniken angehen.

Die drohende Versorgungslücke ist enorm

Welche Stellen die Absolventen des neuen Studiengangs einmal übernehmen können und was sie einmal verdienen werden – das ist bisher noch unklar. „Wir sind Pioniere“, sagt Constanze Eylmann, die neue Professorin für Pflegewissenschaft, die ihre Stelle am 1. Oktober angetreten hat. Angesichts der drohenden Versorgungslücke im Pflegebereich sind die Initiatoren des Studiengangs jedoch optimistisch, was die Zukunftschancen der Absolventen angeht. Die Bertelsmann-Studie 2013 geht für das Jahr 2030 von 50 000 fehlenden Pflegekräften aus – 10 000 im ambulanten Bereich und 40 000 im stationären Bereich.

„Die Politik kann sich diesem Druck nicht mehr entziehen, wir brauchen die qualifizierten Fachkräfte“, sagt Rudolf Mahler, der stellvertretende Leiter des Evangelischen Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Stuttgart-Nord. „Meiner Meinung nach müssen die Tarifparteien nachziehen.“

„Ich sehe die Chance, nach diesem Studium eine Mittlerposition einzunehmen, zwischen Wohnbereichsleitung und Pflegekräften“, sagt Bettina Kern. Die 43-Jährige hatte ihr erstes Studium abgebrochen, um sich um ihre Kinder zu kümmern und arbeitet schon länger in einem Altenheim in Friedrichshafen. Nun ist sie im zweiten Jahr der Ausbildung zur Altenpflegerin und steigt quer in den Ludwigsburger Bachelor-Studiengang ein. „Ich möchte am Bett bleiben“, sagt Kern – und dennoch das Wissen aus ihrem Studium einbringen.