Manche Ludwigsburger Einzelhändler sind gar nicht begeistert von der Venezianischen Messe, die vom 7. bis 9. September stattfindet. Sie klagen, die Kunden blieben weg.
Ludwigsburg - Sie wollen keine Spielverderber sein. Aber sie ärgern sich. Denn während Kneipiers am Ludwigsburger Marktplatz an der Venezianischen Messe vermutlich gut verdienen, haben andere Geschäftsinhaber Umsatzeinbußen. Damit keiner das Fest besucht, ohne Eintritt zu bezahlen, wird der Bereich des Marktplatzes und teilweise der Straßen drum herum abgesperrt. Das hat fatale Folgen für die Kunden, die dort einkaufen oder etwa zum Friseur gehen möchten. Sie können nicht ohne Weiteres die Schranken passieren, es sei denn, sie kaufen ein Ticket. Die Folge sei, „die Kunden bleiben weg“, klagt Jay Jay Lohmann, der an der katholischen Kirche einen Laden für Wohnaccessoires betreibt.
Er ist nicht der Einzige, der Einbußen hat durch die Venezianische Messe. Auch zwei Friseursalons an der Eberhardstraße klagen. „Beim letzten Mal waren wir am Samstag alle fix und fertig“, berichtet eine Friseurin, die nicht genannt werden möchte. „Die Kunden mussten Eintritt zahlen, hinterher konnten sie sehen, wie sie wieder an ihr Geld kamen“, sagt Andrea Hanke vom Salon Harmonie. Ihre Kollegin, mit der sie sich das Geschäft teilt, habe in diesem Jahr gleich gesagt: „Das lohnt sich nicht, ich mache zu.“
Händler schimpfen: Laufkundschaft bleibt aus
Kunden, die Eintritt bezahlt haben, bekommen das Geld zurück, wenn sie nicht länger als eine Stunde im gesperrten Areal zugebracht haben und den Kassenbon eines Geschäfts vorweisen können. Aber die Rückgabe ist nur an einer Stelle möglich. Ihre Kunden müssten dorthin einen weiten Umweg machen, das sei nicht zumutbar, schimpfen mehrere Ladenbesitzer. Die Laufkundschaft bleibe völlig aus. Sie habe beim letzten Mal eine Liste der angemeldeten Kunden an der Sperrschranke abgegeben, schildert Hanke. Trotzdem habe es Schwierigkeiten gegeben, ihr Zeitplan habe sich verschoben, am Ende habe nur noch das reine Chaos geherrscht.
Für Anita Prontzas vom Teeladen ist das alles nicht so schlimm: „Die einheimischen Kunden bleiben zwar weg, aber dafür kommen Fremde.“ Es sei zwar umständlich für Kunden, sich ihr Eintrittsgeld zurückzuholen, aber dafür dürften sie ja mal gratis in die Messe reinsehen, das sei attraktiv. Gar keine Probleme sieht der Fischhändler Andreas Seybold. Das normale Geschäft leide zwar, aber er mache ein gutes Geschäft mit einem Stand vor dem Haus.
Apotheke macht am Messe-Samstag zu
Ganz anders sieht das Rosalinde Eyth, die die Boutique Kaufladen betreibt. Sie habe sogar einmal einen teuren Anwalt beauftragt, der dafür sorgen sollte, dass die Leute trotz der Messe ungehindert in ihren Laden kommen können, berichtet sie. Die Stadt habe ihr schriftlich zugesichert, dass der Weg frei bleibe. „Am Freitagabend um 17 Uhr wurde dennoch alles abgesperrt“, sagt sie. Seitdem sei ihr Verhältnis zum Ludwigsburger Stadtmarketing getrübt. Sie mache diesmal am Messe-Samstag zu.
Auch die Türen der Zentral-Apotheke am Marktplatz bleiben an diesem Tag geschlossen. „Mein Verkaufsraum hat zwei Türen, die eine liegt vor der Schranke, die andere dahinter“, sagt der Apotheker Kilian Raasch. „Sie können sich vorstellen, was da passiert.“ Seine Apotheke wäre die Schleuse für freien Eintritt an der Schranke vorbei. Die Messe allein würde Raasch weniger stören, auch wenn sie den Umsatz reduziere. Ihn ärgere viel mehr, dass noch viele andere Veranstaltungen den Wochenmarkt vom Marktplatz verdrängten. Der Markt bringe den Geschäften Umsatz, er müsse Priorität haben. Die Stadt solle das mal mit den Händlern besprechen, fordert er. Die jetzige Festpolitik sei gut für Touristen, aber sie vergraule die Ludwigsburger.
Verwaltung gesprächsbereit
Martin Boy von der Stadtverwaltung, der die Messe organisiert, zeigt sich gesprächsbereit. Aber es sei noch keiner der Geschäftsleute auf ihn zugekommen. Der Wochenmarkt werde in diesem Jahr acht Mal verlegt, das sei zumutbar. Er verstehe die Probleme der Händler während der Venezianischen Messe, aber solche Veranstaltungen erzielten eine große Ausstrahlung und brächten Leute in die Stadt, die sonst nicht kämen. „Auch das sind Kunden.“
Dass die Absperrungen Umstände verursachen, bestreitet er nicht, aber man könne sie nur weglassen, wenn der Eintritt frei sei. Dann aber wäre das Fest nicht finanzierbar. Eine bessere Idee, als den Kunden das Eintrittsgeld zurückzuerstatten, sei der Stadt bisher nicht eingefallen, aber er sei für Vorschläge offen. Das Geld an mehr als einer einzigen Kasse auszubezahlen sei jedoch organisatorisch unmöglich. Aber man könne darüber reden, ob die betroffenen Läden einen Ausgleich erhalten etwa in Form verbilligter Eintrittskarten, die sie den Kunden weitergeben könnten.
Es sei sein Ziel, die Innenstadt so zu beleben, dass möglichst alle etwas davon hätten, sagt Boy. Aber natürlich verteile sich das nicht gleichmäßig. Er appelliert an die, die darunter leiden, die Feste auf dem Marktplatz solidarisch mitzutragen.
Der ganze Marktplatz eine Bühne: das Programm
Das Programm der Venezianischen Messe steht, so früh wie selten. 1000 Maskenträger werden vom 7. bis zum 9. September den Ludwigsburger Marktplatz bevölkern und für eine karnevaleske, mystische und malerische Atmosphäre sorgen. Das verspricht der künstlerische Leiter Rainer Kittel. Und er kündigt an, es werde immer etwas los sein auf den zahlreichen Bühnen: „Immer passiert etwas, mal lauter, mal leiser und immer viel dichter als in Venedig selbst.“
Die Besucher könnten mitmachen, staunen und genießen, umreißt er die drei Säulen des Programms, das übrigens vollständig kindertauglich sei. Als Masken- und Kostümträger sei man ein Teil des Ganzen, der ganze Marktplatz eine einzige Bühne. Außerdem gebe es gemeinsame Tänze nach Anleitung. Zum Staunen würden die Gäste durch die vielen internationalen Theater und Musikgruppen gebracht, und genießen könnten sie das umfangreiche mediterrane Angebot an Speisen und Getränken.
Das Fest kostet insgesamt 350 000 Euro. 25 000 Karten müssen mindestens verkauft werden, damit das kalkulierte Defizit von 80 000 bis 90 000 Euro eingehalten werden kann.