Ludwigsburg Wovon träumen die katholischen Christen?

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Das Dekanat Ludwigsburg sucht nach neuen Formen der Gemeinschaft, um wieder attraktiv zu werden. Wie kann die Kirche den Wunsch nach Spiritualität erfüllen, ist eines der Themen, das die Christen bewegt.

Das Dekanat Ludwigsburg ist auf der Suche nach der eigenen Zukunft gemacht. Foto: dpa
Das Dekanat Ludwigsburg ist auf der Suche nach der eigenen Zukunft gemacht. Foto: dpa

Ludwigsburg - Gott ist daheim, wir gehen fremd – direkter kann man nicht formulieren, dass sich da zwei verloren haben. Die Kirche nämlich und die Gläubigen. Gotthard Fuchs wurde bei seinem Besuch im Dekanat Ludwigsburg recht deutlich in seiner Analyse der momentanen Verfasstheit der katholischen Christen. Und er ist noch radikaler, wenn er den sich selbst Reflektierenden vorhält, „überraschend fixiert auf Gemeinde zu sein“. Vielleicht, so denkt er laut weiter, „könnte es sein, dass Gemeinde ein echtes Auslaufmodell ist“. Doch den Priester, Publizisten und Mystikexperten stimmt das nicht etwa traurig, wie zu vermuten wäre. „Wir erleben das Sterben einer Kirche, die aber die österliche Kraft zu etwas Neuem hat“. So gesehen ist Gotthard Fuchs alles andere als ein Miesmacher. Er ist ein echter Mutmacher.

Denn die Kirche im katholischen Dekanat Ludwigsburg ist auf der Suche. Damit ist sie nicht alleine. So wie ihr geht es vielen – auch ihren Mitgliedern. Letztere freilich kehren irgendwann der Kirche den Rücken zu und versuchen, anderenorts ihre Spiritualität zu finden. Das Dekanat hat sich deshalb selbst auf den Weg gemacht. In verschiedenen sogenannten Aggiornamentoforen versuchen die katholischen Christen, dem Defizit ihre Institution auf die Spur zu kommen – mit Impulsen von außen und Gesprächen im Inneren. Jüngste Gäste: Gotthard Fuchs und die ZDF-Redakteurin und Kulturanthropologin Ariane Martin.

Kann die Kirche der Sehnsucht nach Spiritualität Heimat geben?

Kann der Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität in den Kirchengemeinden Heimat gegeben werden, lautete die Frage des Abends. Denn Spiritualität finden zunehmend mehr Menschen nicht mehr in der Kirche, sagt Ariane Martin. Sie hat in ihrer Dissertation das spirituelle Feld der Gesellschaft erforscht. 31 Prozent der Menschen bezeichnen sich danach als religiös, ohne noch einer Kirche anzugehören. Das Christentum außerhalb der Kirche wachse, folgert Martin. Gleichzeitig nehme auch der spirituelle Hunger zu, erklärte sie bei ihrem Vortrag in Ludwigsburg. Martin glaubt im Zuge ihrer Interviews, eine Grundsehnsucht des Menschen nach Spiritualität ausgemacht zu haben.

Gotthard Fuchs wird in seiner Analyse der augenblicklichen Situation der katholischen Kirche fast anklagend deutlich, wenn er den Markenkern des Christentums beschreibt. „Es braucht eine Entkirchlichung der Kirche, um Kirche wieder entstehen zu lassen“, sagt er und erklärt, dass für ihn die Institution Kirche nur Mittel zum Zweck sei. Es gehe darum, den Kern des Christentums wieder flüssig werden zu lassen. In seiner sehr deutlichen Sprache bringt der Mann aus Wiesbaden seine Überzeugung auf den Punkt: „Der entscheidende Kick des Christentums ist, sich von Gott lieben zu lassen“. Das ständige „Ich muss“ verursache nur karitativen Stress und ein schlechtes Gewissen. Das Christentum sei eine Lebenskunst. Der entscheidende Fehler sei, „aus einer Lebenskunst eine Lehre gemacht zu haben.“

Befreiung vom Selbsterlösungsstress

Für Fuchs geht es darum, die Menschen zu fragen: Wovon träumst du? Wonach sehnst du dich? Es gehe dabei um die Befreiung vom Selbsterlösungsstress und dem Optimierungswahn.

Wie aber lassen sich Fuchs’ viele nachdenklich stimmende Ideen in den Gemeinden umsetzen? Verunsichert fragte eine Forumsteilnehmer, wie die Veränderungen auf die wirken, die sich in der bestehenden Kirche wohlfühlen. Eine Besucherin des Abends berichtete von den Heilungsgottesdiensten in der Kirchengemeinde St. Johann, zu denen auch Menschen kämen, die nicht zur Kirche gehörten. Eine neue Sprache, die auch Fuchs angemahnt hatte, forderte eine Diskutantin. „Wir brauchen eine Sprache, die dort andockt, wo die Leute sind. Wir müssen ein Verständnis dafür entwickeln, dass wir von einer hintergründigen Wirklichkeit reden, die aber von einer Wahrheit erzählt.“ Da trifft sie sich mit Fuchs, der zuvor eine authentische Sprache als unabdingbar angemahnt hatte, um den Menschen die Ängste vor Veränderung zu nehmen. Denn es gehe unter anderem darum: Was stirbt und was darf weiter sein?




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