Das Deutsch-Französische Institut hat den digitalen Lesesaal zur Städtefreundschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard um Filme mit Zeitzeugeninterviews ergänzt. Die Akteure berichten von den Anfängen der ersten deutsch-französischen Partnerschaft nach dem Krieg.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)

Ludwigsburg - Heute ist das Miteinander von Leichtigkeit geprägt. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Ludwigsburger ins französische Montbéliard reisen. Genauso normal ist es, dass die Franzosen in die Barockstadt kommen. Alles ist von einer Lockerheit geprägt, die die Anfänge dieser Partnerschaft fast in Vergessenheit geraten lassen könnte. Damit das nicht geschieht, hat das Deutsch-Französische Institut seinen digitalen Lesesaal in Ludwigsburg um ein weiteres Angebot ergänzt. Neben den etwa 2000 schriftlichen Dokumenten aus der nun 64-jährigen Partnerschaftsgeschichte stehen nun auch zwölf Interviews mit Zeitzeugen dieser ersten Städte-Ehe, die eine deutsche mit einer französischen Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen hat.

„Wer hatte damals keine Vorurteile gegen Deutschland?“, sagt etwa Etienne Mallard, wenn er sich an die ersten Begegnungen erinnert, die er als Lehrer erlebt hat. „Die Deutschen waren nicht unsere besten Freunde.“ Zwei von 30 Schülern seien bei einer der ersten Begegnungen nicht mitgefahren. Die Väter der beiden Mädchen waren während der Besatzungszeit nach Deutschland deportiert worden oder in Kriegsgefangenschaft geraten. Das war die Realität. Aber nach dem Krieg habe man nach einem Neuanfang gesucht. Von dem erzählt der Lehrer und spätere Schulleiter in der gut zwei Minuten langen Filmsequenz.

Schüler führen Interviews zur Städtepartnerschaft

Geführt haben die Interviews mit den Zeitzeugen Schülerinnen und Schüler des Goethe-Gymnasiums und des Collège Guynemer . „Irgendeiner musste ja mal den Anfang machen“, sagt Brigitte Kiesel (80), die vom Engagement ihres Vaters für die Partnerschaft erzählt. Oft sei er nach Montbéliard gefahren, was in den Jahren nach dem Krieg nicht immer leicht gewesen sei. Immer wieder fragen die Schüler in ihren Interviews ihre Gesprächspartner, wie man sich denn verständigt habe. Kiesel erinnert in diesem Zusammenhang an Harry, den französischen Zwangsarbeiter, der 1941 nach Oberstenfeld zu ihren Großeltern kam. Er blieb nach dem Krieg keine sechs Wochen in seinem Heimatland Frankreich. Dann stand er wieder vor der Tür, weil er sich in die Tochter des Hauses verliebt hatte. Er blieb in Deutschland und wurde zum Dolmetscher so mancher deutsch-französischen Begegnung.

Dass die von den unterschiedlichen Gepflogenheiten geprägt waren, berichtet der Lehrer Jean-Jacques Claude. „Für die Schüler war der Austausch ein Abenteuer“, sagt er. Seiner Beobachtung nach hatten die deutschen Kinder in ihren Familien wesentlich mehr Freiheit. Beim gegenseitigen Besuchen konnte das schon zur Herausforderung werden. Denn wenn in Montbéliard eine Kommunion gefeiert wurde, konnte es sein, dass die Gäste aus Deutschland wegen des ausufernden Festmahls vier Stunden am Tisch stillsitzen mussten.

Für die Schüler heißt es jetzt weitermachen

Das nun im Internet einsehbare Material macht deutlich, dass eine Städtepartnerschaft mehr ist als nur Treffen auf offizieller Ebene. Sie wird gelebt von den Fußballern, den Campingfreunden, den Taubenzüchtern und den Schülern. „Es geht darum, die Idee der Freundschaft zwischen unseren Städten und Völkern zu pflegen“, sagt der Ludwigsburger Alt-OB Otfried Ulshöfer. Er richtet an seine Interviewer die Bitte, sich Gedanken zu machen, was sie tun können, um die Städtepartnerschaft am Leben zu halten. Gerüstet seien sie nun durch ihre Recherche bei den Zeitzeugen, meint Montbéliards Bürgermeisterin Marie Noelle Biguinet. Damit sei der Generationswechsel eingeleitet.