Ludwigsburger Gestaltungsbeirat Ein Ringen zwischen Vergangenheit und Moderne

Von Lisa Kutteruf 

Der Ludwigsburger Gestaltungsbeirat will mit einer Broschüre das Bewusstsein für Architektur fördern – und betont: Dabei geht es meistens nicht um Geschmacksfragen.

Vanessa Sommer, Petra Zeese, Ulrich Bauer und Martin Kurt (von links) vor dem neuen Hotel hinter dem Einkaufskomplex Marstall in Ludwigsburg Foto: factum/Simon Granville 6 Bilder
Vanessa Sommer, Petra Zeese, Ulrich Bauer und Martin Kurt (von links) vor dem neuen Hotel hinter dem Einkaufskomplex Marstall in Ludwigsburg Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Das Gebäude beherbergt das Hotel Bergamo, befindet sich auf der Rückseite des Marstalls in Ludwigsburg – und ist ein Blickfang. Im Innern mit Holz ausgekleidet, wirkt es von außen einheitlich und hell, hat angedeutete Fensterläden und ist in eine schindelartige Fassade gekleidet, die, fast unbemerkt, in ein im selben Hellgrau gehaltenes Dach übergeht. Wer denkt, das Bauwerk sei einer spontanen Idee seines Bauherren entsprungen, täuscht sich. Im Gegenteil: die Gestaltung des Hauses geht auf zahlreiche Abwägungen und Entwürfe zurück, an denen der Gestaltungsbeirat in Ludwigsburg beteiligt war.

Dem Gestaltungsbeirat gehören externe Fachleute, Vertreter der Stadtverwaltung und des Gemeinderates an. Seit 2013 berät das Gremium Bauherren und Architekten kostenlos – immer dann, wenn es um sogenannte städtebaulich bedeutende Neubauprojekte oder Gebäudesanierungen in der Barockstadt geht. Nun hat der Beirat eine Broschüre herausgegeben, die alle 41 Einzelprojekte dokumentiert, die das Gremium zwischen den Jahren 2013 und 2018 begleitet hat. Sie soll die Diskussion aus dem Gestaltungsbeirat hinaustragen und das Bewusstsein für Baukultur und Stadtplanung fördern.

Es geht um messbare Kriterien

Das Hotel hinter dem Marstall zeigt, wie hoch die Anforderungen an ein Bauvorhaben sein können, wie der Leiter des Fachbereichs Stadtplanung und Vermessung Martin Kurt bei einem Vorort-Besuch schildert. „Es geht dabei nicht um Geschmacksfragen, sondern um Kriterien, die wir hier in Ludwigsburg vorfinden und die messbar sind“, sagt Kurt: So sollte das neue Hotel eine gewisse Baumasse haben – damit es hinter dem wuchtigen Marstall nicht untergeht. Gleichzeitig sollte es sich optisch in seine Umgebung einfügen. Und beim ersten Entwurf, erzählt Kurt, sei dem Gestaltungsbeirat die dunkelbraune Fassade zu dunkel gewesen.

In solchen Fällen beginnt dann das „Ringen“, wie es Kurt nennt – um eine möglichst optimale Lösung. Die Erhaltung historischer Gebäude nimmt dabei angesichts der 2015 beschlossenen Erhaltungssatzung für die Innenstadt eine wichtige Rolle ein – aber nicht die einzige. Vielmehr bemüht sich der Beirat, historische und neue Elemente zu verbinden. So versteht Petra Zeese, die Vorsitzende des Gestaltungsbeirats, die stilisierten Fensterläden des Bergamo-Hotels als Neuinterpretation eines Ludwigsburger Themas – genauso wie das geneigte Dach ein für die Barockstadt typisches Element sei.

Gebäude sollen sich einfügen

Wichtig ist dem Beirat, dass sich Gebäude in die Umgebung einfügen. Dafür stehen auch die Höfe am Kaffeeberg und das Gebäude in der Kirchstraße 13-15, in dem das Juweliergeschäft Hunke untergebracht ist. Wären die beiden Vorhaben auf Basis erster Entwürfe gebaut worden, hätten sich First- und Traufhöhe von den benachbarten Häusern unterschieden. Beim neuen Kaffeehaus am Kaffeeberg ging es darum, ein modernes Gebäude zu entwerfen, ohne das harmonische Bild im Zusammenwirken mit dem angrenzenden Grafenbau und dem Gesandtenhaus zu durchbrechen.

Dem Grünen-Stadtrat und Gremiumsmitglied Ulrich Bauer zufolge gibt es immer wieder Bauherren, die sich auch ohne Zutun des Rats mit der Historie ihrer Gebäude beschäftigen. Der Gestaltungsbeirat will nun durch die Broschüre zeigen, was möglich ist – und hofft, dass künftig mehr Bauherren von sich aus auf das Beratungsgremium zukommen. Die Zeit, die man am Anfang verliere, indem man das Gremium einbinde, spare man sich später im Bauantragsverfahren, sagt Vanessa Sommer vom Stadtplanungsamt. Kurt ergänzt: „Es gibt im Prinzip kein privates Bauen. Bauwerke wirken immer nach außen – und sind deshalb auch öffentlich.“

Die Broschüre gibt es derzeit aus hygienischen Gründen nur online oder auf Bestellung bei der Stadt.




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