Seit sechs Jahren gibt es in Ludwigsburg einen Integrationsrat. Die Arbeit ist in Zeiten knapper Kassen und ohne Entscheidungsmacht mühsam. Warum machen die Mitglieder dennoch weiter?

Ludwigsburg: Maximilian Kroh (kro)

Zumindest leise Zweifel kamen Viet Nguyen dann doch, als seine erste Amtszeit als Mitglied des Ludwigsburger Integrationsrats im Juni 2024 zu Ende ging. „Ich habe mich gefragt: Was kann ich überhaupt erreichen?“, erinnert er sich. Eine naheliegende Frage, schließlich soll das Gremium sich für die Menschen mit Migrationsgeschichte einsetzen, darf in der Stadtpolitik aber nichts entscheiden. Dann allerdings kamen die Ergebnisse der Kommunalwahl, die AfD erstarkte überall, zog auch in den Ludwigsburger Gemeinderat ein. Und Nguyen fasste einen Entschluss: „Jetzt erst recht.“

 

So blieb er Mitglied des Rates, aber die Frage steht weiterhin im Raum: Wie kann ein Gremium mit einer rein beratenden Funktion nachhaltigen Einfluss auf die Politik in Ludwigsburg nehmen? Noch dazu in Zeiten, in denen die Verwaltung sparen muss und ihr Handlungsspielraum ohnehin eingeschränkt ist.

Nguyen hat darauf zumindest eine vorläufige Antwort gefunden, die stumpf klingt, aber doch zutrifft: „Es ist besser, als gar nichts zu tun“, sagt er und erklärt: „Man muss es als langwierigen Prozess sehen. Von heute auf morgen erreichen wir vielleicht wenig, aber wir können zwischen den migrantischen Communities und der Stadtgesellschaft vermitteln.“

Kleine Begegnungen können viel bewirken

Begegnung ist das Stichwort, bei dem Gespräche mit Mitgliedern des 20-köpfigen Gremiums immer wieder ankommen. „Als ich in den Rat gekommen bin, dachte ich: Jetzt muss ich sofort praktische Dinge umsetzen“, sagt Ratsmitglied Natheepa Subaskaran. „Dabei können schon kleine Begegnungen viel bewirken.“ Es gehe vor allem darum, andere Perspektiven und Lebensrealitäten kennenzulernen.

„Wir wollen nicht dafür sorgen, dass sich die gesellschaftlichen Minderheiten einfach der Mehrheit anpassen, sondern dass die verschiedenen Menschen sich treffen und austauschen“, sagt Nguyen. Dafür hat der Integrationsrat in der Vergangenheit verschiedene Aktionen initiiert. Manche davon, etwa die „Woche gegen Rassismus“, stellen ihr Anliegen plakativ in den Vordergrund.

Andere wie „Ludwigsburg tanzt“ sollen bewusst niederschwellig andere Menschen erreichen. Denn eine der größten Herausforderungen ist es, auch Leute zu den Veranstaltungen zu bringen, die nicht ohnehin schon eine gewisse Offenheit für interkulturelles Zusammenleben haben.

Der Integrationsrat hat noch eine weitere zentrale Aufgabe: Repräsentation. „Unser Gemeinderat repräsentiert die Zusammensetzung unserer Stadtbevölkerung nicht vollständig“, sagt Ludwigsburgs Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz, die dem Integrationsrat vorsitzt. In anderen Worten: Im Gemeinderat sitzen kaum Menschen mit Migrationsgeschichte. „Deshalb wird er durch Gremien wie den Integrationsrat ergänzt.“ Ihre repräsentative Rolle müssen die Ratsmitglieder in zwei Arten ausüben.

Zum einen vermitteln sie zu den Communities. „Menschen aus der tamilinischen Community fühlen sich zum Beispiel eher von unseren Aktionen angesprochen, wenn ich als Tamilin zu ihnen komme, als wenn es Vertreter der Stadt tun“, sagt Natheeba Subaskaran, deren Eltern einst aus Sri Lanka nach Deutschland geflohen sind. „Zum anderen können wir als Integrationsrat eine Stimme für Menschen sein, die politisch keine haben.“

Das funktioniert, weil die Ratsmitglieder eben doch nah dran sind an der städtischen Politik. „Wir haben das Recht, im Gemeinderat angehört zu werden, Teile des Gemeinderats gehen bei bestimmten Themen auch direkt auf uns zu“, sagt Nguyen. „Wir werden durchaus gehört.“ Dazu gibt es Einblicke in die Abläufe der Verwaltung. So wird dem Integrationsrat beispielsweise das gesamte Einsparprogramm der Stadt vorgestellt.

Dass dabei nicht immer alles optimal läuft, musste der Rat im vergangenen Jahr schmerzlich erfahren. Als die Stadt aus Kostengründen ihre Aufgaben in der Flüchtlingsbetreuung an den Landkreis zurückgab, wurde der Integrationsrat erst kurz vorher informiert. Er positionierte sich klar dagegen, fand aber nicht genügend Gehör. Gleichzeitig verzeichnet der Rat aber auch realpolitische Erfolge, setzte sich etwa dafür ein, dass im Wohnpark Fuchshof nicht nur kleine, sondern auch mehr große Wohnungen staatlich gefördert werden.

Es sind kleine Schritte in großen Prozessen, die der Integrationsrat mit seinen begrenzten Mitteln gehen kann. Dass es in Zukunft nicht einfacher wird, eigene Anliegen durchzusetzen, ist jetzt schon abzusehen. Doch die einfache Wahrheit, die Viet Nguyen antreibt, wird weiterhin gelten: Nichts tun ist auch keine Lösung. „Die Möglichkeiten sind da, das wissen wir“, sagt er deshalb. „Wir müssen sie nur nutzen.“