Ludwigsburger Partnerstadt Jevpatorija Auf der Krim weiß man wenig vom Krieg

Ein Bild von Mitte Januar: Ein Konvoi russischer Panzerfahrzeuge auf einer Autobahn in der besetzten Krim Foto: dpa/Uncredited

Eine Forderung des russischen Präsidenten Wladimir Putin betrifft die Krim, die der Westen als Teil Russlands anerkennen soll. Wie sehen die Menschen in der Ludwigsburger Partnerstadt Jevpatorija den Konflikt dort?

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Ludwigsburg/Jevpatorija - In Jevpatorija zieht gerade der Frühling ein. Die Blumen sprießen mittlerweile, „uns geht es ganz gut“, sagt Jewgenija Wolkova. Dass ein paar Hundert Kilometer weiter die Menschen im Krieg sterben, scheint die Deutsch- und Informatiklehrerin zwar durchaus zu beschäftigen, groß bedrücken tut sie es nicht. Man habe auf der Krim durchaus Mitgefühl mit den Menschen, die leiden – vor allem aber mit denen im Donbass, rund um Donezk und Luhansk.

 

Dort hätten ihre Landsleute acht Jahre im Keller gehockt, sagt Wolkova, „aber da hat mich niemand angerufen und gefragt, was ich davon halte“, sagt sie. Sie erzählt dann von toten Kindern auf russischer Seite, bedient sich des Narrativs von Putin. Auch das Wort „Nazis“ fällt auf die Ukraine bezogen mehrfach. Ein kleiner Teil der Bevölkerung dort terrorisiere die Menschen im östlichen Landesteil. Dass Putin deshalb nun einmarschiert sei, sei folgerichtig, findet sie. Zur Ukraine habe sie sich auf der Krim ohnehin nie richtig zugehörig gefühlt, weder mental noch der Sprache nach, weshalb sie auch nicht unglücklich darüber sei, dass man seit einigen Jahren wieder zu Russland gehöre.

Russland oder Ukraine, das machte erst einmal keinen Unterschied

Während Menschen in der westlichen Welt den Angriffskrieg auf die Ukraine aufs Schärfste verurteilen, gibt es auf der strategisch wichtigen, im Jahr 2014 von Russland annektierten Halbinsel am Schwarzen Meer Stimmen, die den Feldzug Putins gutheißen – auch in Ludwigsburgs Partnerstadt Jevpatorija.

Siegfried Bauer kennt die Menschen in der Stadt wahrscheinlich so gut wie kaum ein anderer. Er hat die Bande mit Ludwigsburg seit Anfang der 90er Jahre geknüpft, hält sie mit am Leben und ist seit Langem Ehrenbürger der Stadt. „Ich fühle mich deshalb auch verantwortlich“, sagt der Dirigent, „aber tun kann ich nicht viel.“

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14 Mal ist Bauer mit Delegationen nach Jevpatorija gereist. Nach der Annexion sei es schwieriger geworden. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, der zuletzt scharfe Kritik an der Zögerlichkeit der deutschen Regierung geäußert hatte, habe ihm gedroht, ihn zu verhaften, erzählt Bauer.

Hingefahren ist der Hochschullehrer und Kirchenmusiker trotzdem – auch auf die Gefahr hin, dass es keinen Schutz mehr durch eine deutsche Botschaft gab. Den brauchte es aber nicht, Bauer wurde wie immer herzlich empfangen – von Freunden und alten Vertrauten. Ukraine oder Russland, das habe erst einmal keinen Unterschied gemacht. „Es kommt auf die Menschen an“, sagt der 77-Jährige, „um Politisches hatten sich die Gespräche ohnehin selten gedreht.“ Bauer kann aber Geschichten von emotionalen Auftritten mit seinen Musikern, Liebesbekundungen der Einheimischen und rauschenden Festen mit ihnen hinterher erzählen. Sein Arzt hat ihm eine Bescheinigung ausgestellt, dass er nicht mehr so viel Wodka trinken dürfe. Seitdem kredenzen ihm die Russen trockenen Rotwein. Mit einigen hat er sich dabei regelrecht verbrüdert. Wenn er einigen von ihnen schreibe, schreibe er immer an „seine Brüder“, sagt er.

Für den Ehrenbürger gibt es Rotwein statt Vodka

In den Briefen zuletzt äußerte Bauer auch seine Besorgnis über einen möglichen Krieg. Zurück kamen Bilder seiner Freunde, darauf wirkten sie unbesorgt. „Sie haben geschrieben, wir sollen das auch sein“, sagt Bauer. Probleme gebe es allenfalls im Donbass. Er solle im Sommer nach Jevpatorija kommen, schrieben seine Freunde, dort könne er sich von einer Rücken-OP, die ansteht, erholen.

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Zur Wahrheit gehöre auch, dass es den meisten Menschen in Jevpatorija besser gehe, seitdem die Krim zu Russland gehört, sagt Bauer. Das Sicherheitsgefühl wurde nach 2014 besser, die Abneigung gegenüber den USA war zuvor schon spürbar gewesen. Die Renten und Löhne stiegen, genauso die Preise. Die Russen bauten neue Autobahnen und eine riesige Brücke über die Straße von Kertsch. „Die Ukraine hat viel versprochen und wenig gehalten“, sagt Jewgenija Wolkowa. Das habe sich unter Putin geändert. Sie verweist auf das Referendum, mit dem sich die Bevölkerung zu Russland bekannt habe.

„Die Menschen auf der Krim werden nichts gegen Russland sagen“

In diesen Tagen scheinen die Nachrichten, die die russischen Staatsmedien verbreiten, ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Siegfried Bauer weiß, dass sich das, was in russischen und deutschen Medien berichtet wird, diametral unterscheidet. Ulrich Hebenstreit, der dem Freundeskreis Jevpatorija jahrelang vorsaß, glaubt dennoch, dass das, was Jewgenija Wolkova äußert, eine Einzelmeinung ist. „Die Menschen auf der Krim werden ihnen nichts sagen, was gegen Russland geht.“ Die Angst vor Repressionen sei zu groß.

Ulrich Hebenstreit befürchtet, dass die Beziehung zwischen Ludwigsburg und der Partnerstadt vollends zerrüttet wird. Stelzenläufer von der Krim hätten sich zwar wieder für die venezianische Messe angekündigt, ansonsten sei nicht viel in Aussicht.

OB Matthias Knecht hatte zuletzt die Verbundenheit mit beiden Volksgruppen – Russen und Ukrainern – betont. Jewgenija Wolkova sagt: Was gerade passiert, sei der Anfang vom Ende des Krieges. „Jetzt kommt der Friede.“ Es klingt wie ein frommer Wunsch, der sich nicht so schnell erfüllen dürfte.

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Stadt Ludwigsburg bündelt die Hilfe für die Ukraine

Spenden
 Die Stadt Ludwigsburg will Flüchtlinge aus der Ukraine unkompliziert unterstützen. Dafür stimmt sie sich mit dem Landkreis, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kirchen und sozialen Trägern in diesen Tagen ab, um alle Unterstützungsleistungen in Ludwigsburg zu bündeln.

Kontakt
Der städtische Fachbereich Gesellschaftliche Teilhabe, Soziales und Sport ist für Hilfsangebote – auch unkomplizierte Übernachtungsmöglichkeiten für Flüchtende –, Fragen und Anregungen aus der Bevölkerung per E-Mail unter fluechtlingsarbeit@ludwigsburg.de oder telefonisch unter 07 141/910 45 14 zu erreichen.

Gebet für Frieden
Erneut laden die Kirchen zu einem Friedensgebet auf den Marktplatz von Ludwigsburg. Es findet am Donnerstag, 3. März, um 18 Uhr statt.

Austausch
Die grüne Bundestagsabgeordnete Sandra Detzer lädt zu einer Videokonferenz am gleichen Tag ab 19 Uhr ein. Dabei geht es um „Deutschlands Umgang mit Putins Aggression“. Anmeldung über die Homepage der Politikerin.

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