Ludwigsburger Porzellan Meister des Porzellans kommt aus Ludwigsburg
Der Bildhauer Johann Christian Wilhelm Beyer ist einer der begabtesten Köpfe der Porzellanmanufaktur. Er hat auch den Garten von Schönbrunn in Wien gestaltet.
Der Bildhauer Johann Christian Wilhelm Beyer ist einer der begabtesten Köpfe der Porzellanmanufaktur. Er hat auch den Garten von Schönbrunn in Wien gestaltet.
Ludwigsburg - Was ist sie schön, die junge Dame! Natürlich würde man mit ihr Kaffee trinken wollen. Aber sie hat sie ja die Kanne bereits zur Hand genommen. So sicher, so vertraut ist sie im Umgang mit dem Modegetränk ihrer Zeit, dass sie ihre bequeme Haltung gar nicht aufzugeben, dass sie dem Eingießen aus dem goldenen Gefäß kaum Beachtung zu schenken braucht. Stattdessen ist sie dem Betrachter, dem Glücklichen, der in ihrer Gegenwart verweilen darf, ganz zugewandt. Gleich wird sie uns die Tasse reichen. Anregend wird der Kaffee sein, anregend, anregend der Nachmittag.
Der sie geschaffen hat, die schöne junge Dame, ist Johann Christian Friedrich Wilhelm Beyer (1725 bis 1796). Bis heute gilt er (neben dem nicht minder berühmten Meißener Johann Joachim Kändler) als einer der wichtigsten Porzellan-Modellmeister des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Seine Arbeiten zählen zum Besten, was die Marke Ludwigsburger Porzellan hervorgebracht hat.
Geboren 1725 in Gotha, erfährt Beyer in Stuttgart eine Ausbildung zum Gartenarchitekt, studiert Baukunst und Malerei in Paris und schließlich, finanziell abgesichert durch ein Stipendium des württembergischen Herzogs Carl Eugen (1728 bis 1793), Malerei und Bildhauerei in Rom und Florenz. Nach seiner Rückkehr ist er von 1759 an Modellmeister der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur und zugleich Hofbildhauer: Mit dem Italiener Ferretti und dem Franzosen Lejeune fertigt er die Großplastiken des Residenzschlosses. Als im Februar 1767 die Lohnzahlungen der Porzellanmanufaktur ausbleiben, wendet Beyer sich nach Wien, wo er wenige Jahre später, 1773, von Kaiserin Maria Theresia jenen Auftrag erhält, der ihn zu einem der glanzvollsten Künstler seiner Zeit macht: Er gestaltet den Garten Schönbrunn und versieht ihn mit insgesamt 32 Statuen nebst einer nahezu dreistelligen Anzahl von Vasen.
Mit der hier abgebildeten, wohl um 1766/1767 entstandenen „Kaffeetrinkerin“ betont Beyer – auf augenzwinkernde Weise und sicher nicht zufällig – den Zusammenhang von Form und Inhalt: Denn Großteile der Porzellanproduktionen des Rokokos gelten, neben den vielen dekorativen und schmückenden Zierinventarien, insbesondere der Tischkultur: Mit der Liebe zum hochwertigen Porzellan einher geht der Boom exotischer Getränke wie Schokolade, Tee oder Kaffee, die seit dem späten 17. Jahrhundert in Europa in Mode kommen.
Nicht zuletzt verlieh die Herstellung der Tisch-Services den im Unterhalt ausgesprochen kostspieligen fürstlichen Manufakturen ihre Daseinsberechtigung. Gleichzeitig beförderte die im Vergleich zu chinesischen Originalen preiswertere Eigenproduktion von Porzellan jene Verfeinerung der Sitten bei Hof, die Glanz und Luxus der Epoche entsprachen.
Johann Christian Wilhelm Beyer arbeitet an der Schnittstelle zweier Epochen. Feinsinnig vereint er die überfrachtete Formsprache des Rokoko mit der einer neuen Epoche, die sich an der Klarheit, dem Ebenmaß und dem Ausdruck der Antike orientiert: dem Klassizismus. Wie kaum ein anderer beherrscht es Beyer, Körper in Bewegung zu gestalten, ja, in Bewegung zu versetzen. Eine berückende Dynamik ist seinen Figuren eingeschrieben. Er erreicht diese Illusion durch zwei gestalterische Mittel. Da ist zum einen der Faltenwurf der Kleidung, der die Figur in ihrer Bewegung überzeugend macht, und er befreit seine Figuren aus der schwerfälligen Statik ihrer Körperachsen.
Natürlich haben wir Platz genommen. Wer könnte sich diesem Blick entziehen? Wer das schöne, über ihre weit schöneren Schultern herabgesunkene Kleid ignorieren? Wir sind der Dame dankbar, dass wir unseren Kaffee nicht, wie im Rokoko üblich, aus der Untertasse trinken müssen. Das erspart uns ein peinliches Schlürfen. Ludwigsburg im Jahre 1767.