Ludwigsburger Regisseur Studenten-Oscar-Gewinner – Wer im Drehbuch Klischees abhakt, erhält Fördergeld

Murad Abu Eisheh (rechts) am Set von Tala’Vision. Mit dem Film gewann er den Studenten-Oscar. Foto: privat

Murad Abu Eisheh kam durch eine besondere Geste nach Ludwigsburg und gewann einen Studenten-Oscar. Heute arbeitet er mit wichtigen Produzenten – und kritisiert Deutschlands Filmszene.

Ludwigsburg: Maximilian Kroh (kro)

Zum achten Mal ist der Student Academy Award in diesem Jahr an die Filmakademie Baden-Württemberg gegangen. Der Nachwuchs-Oscar gilt als Eingangsportal in die Filmbranche, auch weltbekannte Regisseure wie Robert Zemeckis (Forrest Gump) haben ihn schon gewonnen. Murad Abu Eisheh zählt ebenfalls zur Riege der Gewinner, er holte den Studenten-Oscar 2021 nach Ludwigsburg. Heute Eisheh selbst Teil der Academy, die die Oscars vergibt. Er erinnert sich an eine unglaubliche Reise, die beinahe nie begonnen hätte.

 

„Tala’vision“ heißt Abu Eishehs Siegerfilm, er spielt im syrischen Bürgerkrieg, die Hauptfigur ist ein achtjähriges Mädchen. Der damalige Student drehte den Film in seinem dritten und vierten Jahr an der Akademie, er erschien 2021. Kurz darauf erhielt Tala’vision erste Auszeichnungen, dann entschied die Filmakademie, den Kurzfilm bei den Student Academy Awards einzureichen. Wie das alles damals war, weiß Abu Eisheh noch genau.

„Ich dachte: Okay, das wird nie was“

„Zuerst dachte ich: Okay, da nehmen 3000 Filmschulen teil – das wird nie was. So ging das bei jedem Schritt. Wir kamen auf die Shortlist, dann unter die Top 5. Und ich dachte immer: Es gibt so viele gute Filme, weiter als hier schaffen wir es nicht. Irgendwann, ich war gerade beim Wandern in den Bergen, habe ich aber eine Mail für einen Pressetermin bekommen. Also bin ich zurück ins Hotel gefahren, habe den Laptop aufgeklappt und da saß der Vorsitzende der Student-Academy. Da wurde mir klar: Ich habe gewonnen.“

Wer einen Studenten-Oscar gewinnt, darf sich auch bei den richtigen Oscars bewerben. Abu Eisheh reichte Tala’Vision in der Kategorie Kurzfilm ein. Wieder hatte er keine Erwartungen – wie soll ein Student mit den Großen der Branche mithalten? Trotzdem landete der Film erneut in der engeren Auswahl.

„Das war der Zeitpunkt, an dem es wirklich verrückt wurde. Wir mussten in drei Monaten eine weltweite Kampagne aufziehen. Plötzlich sprichst du mit großen PR-Firmen und Agenturen, die dich unterstützen wollen. Ich habe täglich zwei bis fünf Interviews gegeben – während ich meinen Abschlussfilm für die Filmakademie gedreht habe. Es gab Momente, da stand ich mitten in der Wüste und habe mit Journalisten telefoniert. Das war krass, aber ich habe auch gemerkt: Auf diesem Niveau geht es nicht mehr um die Filme, da geht es um Marketing-Budgets. Wer kann mehr Veranstaltungen organisieren, um möglichst vielen Leuten den Film zu zeigen.“

Zur Nominierung reichte es für Abu Eisheh damals nicht, aber die Tür ins Geschäft stand offen. Kurze Zeit später wurde er in die „Academy of Motion Picture Arts and Science“ berufen – seitdem entscheidet er mit, welche Filme einen Oscar gewinnen. All das ging aus Eishehs Sicht ungewöhnlich schnell.

Abu Eisheh als Regisseur in Aktion. Foto: privat

Aber ungewöhnlich war auch der Weg, der den Jordanier ursprünglich nach Ludwigsburg gebracht hat. Denn wer aus Jordanien ein Visum für Deutschland beantragen will, muss jährlich knapp 12.000 Euro auf einem Sperrkonto vorweisen können – Geld, das Abu Eisheh nicht hatte. Trotz bestandener Aufnahmeprüfung wollte er die Reise nach Ludwigsburg deshalb eigentlich gar nicht antreten.

„Zu der Zeit hatte ich nur sehr wenige deutsche Freunde. Einer Freundin erzählte ich, dass ich zwar angenommen wurde, aber wegen der finanziellen Situation nicht gehen könne. Sie sagte mir, dass ich mir diese Chance auf keinen Fall entgehen lassen dürfe. Kurz darauf rief mich ihre Mutter an – ich hatte sie bis dahin nur einmal getroffen. Sie sagte, sie würde mir eine Bürgschaft schreiben, damit ich das Visum bekomme. Und tatsächlich hat das funktioniert. Nachdem ich den Studenten-Oscar gewonnen hatte, sprach ich mit ihr. Ich wollte ihr dafür danken, dass sie mein Leben verändert hat. Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, diese Bürgschaft geschrieben zu haben. Es war eine der größten Gesten, die jemals jemand für mich getan hat – und sie hatte es einfach vergessen, weil es für sie selbstverständlich war.“

Keine deutschen Geldgeber für den Film

Aktuell arbeitet Murad Abu Eisheh an seinem ersten großen Projekt. Kurz nach den Studenten-Oscars hatte ihm der kanadische Produzent Roger Frappier eine Zusammenarbeit angeboten – der war 2022 selbst für einen Oscar nominiert. Seit drei Jahren sitzt Abu Eisheh am Drehbuch, Regie wird er ebenfalls führen. Demnächst sollen die Dreharbeiten beginnen. Mit einer großen Produktionsfirma im Rücken lassen sich auch leichter die Gelder zusammentragen, die so ein Projekt erst möglich machen. Aus Deutschland ist allerdings kein Finanzier an Bord.

„Es ist eine Familiengeschichte, die mit Homosexualität in der arabischen Welt verflochten ist. Anfangs gab es viel Interesse, auch aus Deutschland. Aber je mehr ich an der Geschichte gearbeitet habe, desto persönlicher wurde sie. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass die Deutschen von der Richtung ein wenig enttäuscht waren – weil es nicht die typische europäische Perspektive ist. Es gibt keinen strengen Vater, keine offensichtlich böse Regierung – keines dieser Klischees. Die westliche Vorstellung davon, wie ein arabischer Mann sein sollte, ist sehr eng und von Rassismus geprägt. Das Problem ist, dass seit ein paar Jahren alle oberflächlich Diversität feiern. Und ich glaube, dass Fördergelder in Deutschland nur an Projekte gehen, die bestimmte Kriterien erfüllen und bestimmte Kästchen abhaken – und das tue ich nicht. Ich möchte Geschichten erzählen, die mich wirklich repräsentieren, und ich möchte mich beim Filmemachen frei fühlen.“

Auch ein zweites Projekt steht schon in den Startlöchern, mit der deutschen Produktionsfirma „Bildundtonfabrik“. Viel dazu sagen kann Murad Abu Eisheh aber noch nicht. Was zählt: Arbeit gibt es für ihn in den nächsten Jahren genug, der Schritt nach Ludwigsburg an die Filmakademie hat sich gelohnt.

„An meinem ersten Tag an der Filmakademie bin ich durch einen Gang gelaufen, in dem eine Vitrine mit allen Studentenoscars stand. Das hat mich beeindruckt, aber ich hätte niemals gedacht, dass ich so weit komme. Nach dem Abschluss bin ich noch mal an der Vitrine vorbeigegangen und habe meinen Namen gesehen – was für ein Gefühl! Ich glaube, der Murad, der damals nach Deutschland kam, wäre beeindruckt. Zumindest hoffe ich es.“

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