Ludwigsburger Residenzschloss: Maskierte Runde durch die Prachtanlage Die Einsamkeit des Schlossbesuchers

Von Susanne Mathes 

Von Normalität kann noch nicht die Rede sein, doch immerhin: Das Ludwigsburger Residenzschloss ist wieder für Besucher geöffnet. Das Coronavirus diktiert allerdings, unter welchen Bedingungen.

Nicht ohne meine Maske: Anne Raquet im Schlosstheater – einem der schönsten Orte im Ludwigsburger Residenzschloss, aber auch einem der heikelsten. Foto: factum/Simon Granville 12 Bilder
Nicht ohne meine Maske: Anne Raquet im Schlosstheater – einem der schönsten Orte im Ludwigsburger Residenzschloss, aber auch einem der heikelsten. Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Diesen halb in der Kutte versteckten Totenschädel am Fuß der Mönchsstatue – den habe die Schlossführerin erst jetzt in der Corona-Krise entdeckt, sagt Anne Raquet von der Ludwigsburger Schlossverwaltung. Sie zeigt auf die Figur in einer Nische der Schlosskirche – und versinnbildlicht mit dem Beispiel ihrer Kollegin, die die Kirche eigentlich wie ihre Westentasche kennt, wie die verordnete Zwangspause seit Mitte März plötzlich Blicke schärft und Wahrnehmungen verändert.

Seit wenigen Tagen ist das Schloss wieder geöffnet. Und wenn die Gäste mit neuer Wertschätzung durch die Prachtanlage wandeln, dann bekommt das Motto „Unendlich schön“, das sich die Schlösser und Gärten Baden-Württemberg noch in vor-coronösen Zeiten für ihr Themenjahr 2020 gaben, eine zweite Bedeutungsebene. Unendlich schön, Kultur und Architektur wieder live erleben zu dürfen! Wenigstens schrittweise.

Allein unter dem Himmelsfresko

Im Schloss – Ludwigsburgs größter Touristenattraktion – kann vom gewohnten Besucherbetrieb allerdings nicht die Rede sein. Teile der Anlage inklusive der Räume des ersten Württembergischen Königspaares Friedrich I. und Charlotte Mathilde sind wegen Restaurierungsarbeiten ohnehin noch bis 2023 geschlossen. Und wegen Corona und der Hygiene-Auflagen bleiben Besuchern weitere Räume vorenthalten. „Manche sind ja nur 20 Quadratmeter groß, da können wir nicht garantieren, dass die Abstandsregeln eingehalten werden“, erklärt Anne Raquet.

Diejenigen Räume und Säle, die auf einem vorgegebenen Rundgang wieder besichtigt werden dürfen, lernt man dafür möglicherweise neu kennen – und anders: ohne Gedränge, mit einem Gefühl von Exklusivität. Pro Viertelstunde dürfen nur fünf neue Gäste ins Schloss. Da kann es vorkommen, dass man den herrlichen Marmorsaal mit keinem einzigen Mitbesucher teilen muss, wenn man unter seinem Himmelsfresko lustwandelt. Hans-Peter Herter aus Stuttgart genießt das: Er hat seine Kamera dabei und ist auf Motivsuche. Fotografieren ist derzeit ausnahmsweise erlaubt, allerdings ohne Blitz. Ein kleines Bonbon für die Menschen, die sich trotz Einschränkungen für einen Schlossbesuch entscheiden. „Ich wäre allerdings auch so gekommen“, sagt Herter.

„Gut, dass wir da sind“

Bevor die Besucher nach dem Ticketkauf überhaupt ins Schloss gelangen und, geleitet von festlichen Bläserklängen aus Claudio Monteverdis Marienvesper, die Treppe der Königin hinaufschreiten, werden sie unter dem Balkon des neuen Hauptbaus begrüßt und eingewiesen. Das Wichtigste: Nasen-/Mundschutz tragen, die Einbahn-Regelung beherzigen, nichts anfassen und Abstand halten. Instruiert werden die Gäste von einigen Schlossführern, die derzeit nicht als solche agieren dürfen, denn Führungen sind bis auf Weiteres nicht möglich. Sechs von rund 60 Guides können nun zumindest als Aufsichten wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Sie kontrollieren, dass sich nicht zu viele Besucher in einem Raum tummeln – und wenn es Fragen gibt, packen sie ihr gesammeltes Wissen aus.

Ilka Stein gehört zu dem Team, das unter diesen neuen Bedingungen wieder zur Stelle ist. Sie bietet zu normalen Zeiten Führungen zu den Schwerpunkten Absolutismus und Mode an, vor allem ist sie für Kinder und Jugendliche zuständig – und ziemlich geknickt, dass Veranstaltungen mit Schulklassen wohl bis Jahresende entfallen. Jetzt ist sie froh über jeden Besucher, der hereintröpfelt. „Ich habe meine Schlossführungen in den letzten Wochen sehr vermisst“, sagt sie durch ihre Maske. „Und es ist gut, dass wir da sind. Es stehen zwar die CD-Player in jedem Raum, aber die Leute haben trotzdem jede Menge Fragen und freuen sich, dass wir hier sind und Auskunft geben.“

Not macht erfinderisch

CD-Player? Not macht erfinderisch. Da die Führungen flachfallen und das Schloss nicht mit Audioguides arbeitet, ist Schauspieler Thomas Weber vom Kabirinett in Spiegelberg-Großhöchberg in die Bresche gesprungen und hat Texte eingesprochen. Als honoratiorenschwäbelnder „Geheimer Hofschreiber Ludwig Häberle“ beschreibt er die Räume und streut zu beschwingter barocker Instrumentalmusik Anekdoten über ihre verblichenen Nutzer ein. Neben den CD-Playern stehen übrigens die einzigen Desinfektionsmittel: zum Reinigen der Tasten, wenn sich die Aufsichtskräfte abwechseln. Für die Besucher gibt es Seifenspender in den Toiletten. Zu viel Desinfektionsspray könnte zum Problem für die kostbare Ausstattung werden.

„Zum Glück ist hier alles ziemlich weitläufig, sodass die Gäste gut aneinandervorbeikommen“, meint Anne Raquet. Nur der Zugang zum Schlosstheater ist relativ schmal. Absperrpfosten und -bänder regeln dort, dass Hineingehende und Herauskommende einander möglichst wenig nahe kommen. Das Theater zählt zu den Hauptattraktionen, „es ist aber auch unser Nadelöhr“, sagt Raquet. Elf Menschen dürfen sich gleichzeitig dort aufhalten, 23 Menschen in der Kirche, 26 im Marmorsaal und 38 in der Ahnengalerie.

Wem nach herzoglich-königlichem Prunk der Sinn noch nach Farben, Spiralen und Kurven steht: In den Attikaräumen des Schlosses ist auch die sehenswerte und erstaunlich aktuelle Friedensreich-Hundertwasser-Ausstellung „Friedensvertrag mit der Natur“ wieder zu sehen.




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