Ludwigsburger Schlossfestspiele Der Fieberkurve der Musik auf der Spur

Von Frank Armbruster 

Isabelle Faust & Friends entzücken bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg ihr Publikum mit einem Kammermusikprogramm abseits ausgetretener Pfade.

Die Geigerin Isabelle Faust Foto: Veranstalter
Die Geigerin Isabelle Faust Foto: Veranstalter

Ludwigsburg - Die Klarinettisten haben Richard Mühlfeld viel zu verdanken. „Man kann nicht schöner Klarinette blasen, als es der hiesige Herr Mühlfeld tut“, schrieb Johannes Brahms 1891 an Clara Schumann, nachdem er den Soloklarinettisten des Meininger Hoforchesters gehört hatte. Ja, Brahms war von Mühlfelds Spiel derart angetan, dass er für ihn vier seiner schönsten Kammermusikwerke schrieb: ein Trio, ein Quintett und drei Jahre später, als Schlusspunkt seines kammermusikalischen Schaffens, die beiden Sonaten mit Klavier. Die Uraufführung des Klarinettenquintetts op. 119 in Berlin wurde zum Triumph für Mühlfeld wie für Brahms: Das Werk musste wiederholt werden, das Adagio gleich mehrmals – „es wurde so oft und so lange gespielt, wie es der Klarinettist nur aushalten konnte“, schrieb der Wiener Kritiker Max Kalbeck.

Dieses Schicksal blieb dem italienischen Klarinettisten Lorenzo Coppola erspart, begnügte sich das Publikum im Ludwigsburger Ordenssaal doch am Ende mit einer Zugabe in Form des delikaten Minuettos aus Carl Maria von Webers Klarinettenquintett. Ein Ereignis war das Konzert im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit den Klarinettenquintetten von Mozart und Brahms aber gleichwohl.

Instrumentalmusik als Drama

Die Geigerin Isabelle Faust, selbst eine bekennende Anhängerin historischer Aufführungspraxis, hatte neben dem Klarinettisten Coppola mit Anne Katharina Schreiber (Violine), Yoshiko Morita (Viola) und Emmanuel Balssa (Cello) drei weitere erwiesene Spitzenkönner der Darmsaitenfraktion mit nach Ludwigsburg gebracht, die das Publikum im ausverkauften Saal mit einem Spiel beglückten, das geeignet war, die Wahrnehmungskategorien für beide Werke auf erhellende Weise neu zu kalibrieren. Das gilt für allem für Mozarts Klarinettenquintett. Coppola blies es auf einer so genannten Clarinette d’amour, einem Vorläufer jener Bassett­klarinette, wie sie Mozarts Freund Anton Stadler gespielt hat: ein pfeifenartig aussehendes Instrument mit aufgesetztem Dämpfer, das einen größeren Tonumfang hat als die moderne Klarinette (die hier einige tiefe Töne oktavieren muss), vor allem aber wesentlich weicher klingt und sich mehr in den Gesamtklang einfügt. Instrumentalmusik als Drama: wie Sänger auf einer imaginären Opernbühne wurden die Themen lebendig, bis ins Detail plastisch ausformuliert, innerhalb eines gedeckten, dunkel schimmernden Ensembleklangs von größter Variabilität.

Ungeheuer dicht und atmosphärisch, der Fieberkurve der Musik akribisch auf der Spur dann das Brahms-Quintett, das Coppola auf dem Nachbau einer Ottensteiner-Klarinette blies, technisch ebenso souverän wie seine Streicherkollegen. Insgesamt eine Demonstration inspirierten Kammermusizierens, das als Plädoyer wider die Uniformität gelten kann. Das hätte wohl auch Mühlfeld gefallen.