Ludwigsburger Schlossfestspiele Richard Strauss pur
Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gibt es beim „Richard-Strauss-Fest“ ein Wiederhören mit dem finnischen Dirigenten Pietari Inkinen.
Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gibt es beim „Richard-Strauss-Fest“ ein Wiederhören mit dem finnischen Dirigenten Pietari Inkinen.
Lustig oder traurig? Don Juan ist beides zugleich. Mozarts Oper „Don Giovanni“ nennt sich „Dramma giocoso“, „scherzhaftes Schauspiel“, was damals ein gängiges Synonym für die komische Oper war – und schickt dennoch den Helden am Ende in die Hölle.
Auch in dem Orchesterstück, mit dem der 24-jährige Richard Strauss seinen Durchbruch feierte, steht der größte Frauenheld der Kulturgeschichte auf der Kippe: Sein „Don Juan“ beginnt mit überbordender Energie und endet mit dem Beweis dafür, dass Asche klingen kann. Mit der immer wieder packenden Tondichtung beginnt am Samstagabend das „Strauss-Fest“ bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Zu Gast ist die Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken und Kaiserslautern (DRP), und am Pult steht ein Mann, den man in Ludwigsburg fünf Jahre lang bejubelte: Pietari Inkinen war bis 2019 Chefdirigent des Festspielorchesters.
Seither ist Inkinen auch international viel aufgetreten. Seine Position als Chef der DRP gibt er nach acht Jahren in diesem Sommer auf, aber im Konzert spürt man, dass die Chemie noch immer stimmt. Gute Kommunikation ist sicht-, hör- und fühlbar – selbst in den allzu lauten Momenten des Eingangsstücks, in denen die Klänge diffus ineinanderfließen. Das ist allerdings auch der Akustik im Forum am Schlosspark geschuldet, das obendrein nur schütter besetzt ist.
Der Abend hätte einen regeren Zuspruch verdient, denn Inkinen dirigiert klar und mit so viel Temperament, dass seine linke Hand beinahe eines der aufgestellten Mikrofone zu Fall gebracht hätte. Und das Orchester ist sicher und gut. Das einleitende Leitmotiv wandelt in unterschiedlichster Färbung durch eine Darbietung, die den Titelhelden auf spannende Weise in einen fatalen Wechsel zwischen Annäherung und Entfernung einspannt. Die überzeugendsten Momente hört man im Mittelteil des Stücks, einer zärtlichen Liebesszene, in der sich die Bläser des Orchesters, allen voran der Solo-Oboist, in bestem Licht präsentieren.
Schade, dass der Akkord nach der Generalpause am Ende nicht ganz präzise erklang. Aber auch so hat das finale Ableben große Wirkung – bis hin zu jener leisen Aufwärtsbewegung der ersten Geigen, die Mozart zu widersprechen scheinen. Bei Strauss darf Don Juan auf Gnade im Himmel hoffen.
Das klingende Bild hat, wie immer bei diesem Komponisten, durchaus Kitschecken. Die muss man mögen, zumindest hinnehmen. Inkinen sorgt dafür, dass sie nicht allzu sehr dominieren, und überhaupt findet der Finne meistens sehr treffsicher das, was es bei Richard Strauss unbedingt zu finden gilt: eine gute Balance zwischen Pathos und Nüchternheit, Emphase und Analyse. Auch der Solist des Abends fühlt sich diesem Ideal verpflichtet. Der US-Amerikaner Matthew Swensen, ein mit Kraft und Beweglichkeit gesegneter lyrischer Tenor, nähert sich fünf Orchesterliedern von Strauss (plus, als Zugabe, dem immer wieder berührend-berückenden „Morgen“) aus der Belcanto-Richtung: mit schlanker Stimme, sicherer Höhe, Geschmack und einer klaren Artikulation, die nur zuweilen mit tiefen Tönen, lauten Orchesterstellen und bei manchen konsonantischen Hürden der deutschen Sprache Probleme hat.
Dafür, dass die sinfonischen Zwischenspiele aus der Oper „Intermezzo“ kaum je in Konzerten erklingen, liefert der Abend keinerlei Argumente. Allein die beschwingte Walzerszene und der vom kammermusikalischen Dialog eines Streichquartetts ausgehende dritte Satz („Am Spieltisch“) sind enorm effektvolle (und effektvoll servierte) Stücke. Und „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ sorgen am Ende nicht nur für eine überzeugende Rundung des Konzertes, sondern wirken wie ein Spiegel des Eingangsstücks. Die Kontraste des „Don Juan“ werden hier verschmolzen zu Groteske und Sarkasmus, und der närrische Held feiert, da er nur Figur ist und Symbol, nach seiner Hinrichtung eine schalkhafte Wiederauferstehung. Strauss’ grandiose, hoch virtuose Instrumentierung wird hörbar.
Das Publikum begeistert sich, und der Dirigent schenkt seinen Blumenstrauß der Solo-Klarinettistin. Recht hat er.