Ludwigsburgerin verliert Ehemann Nach dem Tod ihres Mannes verstummen Freunde – „Viele haben sich nicht getraut“

Viele Menschen sind sich unsicher, wie sie mit trauernden Menschen umgehen sollen. Foto: dpa

Eine Ludwigsburgerin verliert ihre große Liebe. Sie erzählt von ehrlicher Anteilnahme, pietätloser Neugier, von Menschen, die es plötzlich eilig haben – und davon, was wirklich hilft.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Sabine Bernhardt hat am Vorabend mit ihrem Mann telefoniert. Der VfB hat zu seiner Freude 2:0 gegen Bochum gewonnen. Er ist guter Dinge, dass ihn seine Frau und ihre gemeinsame Tochter am nächsten Tag wieder im Krankenhaus besuchen können. Um die kleinste Ansteckung zu vermeiden, durfte seine Familie zwei Tage lang nicht zu ihm, in seinem Körper wüten die Chemotherapie-Medikamente.

 

Am nächsten Morgen wartet Sabine Bernhardt auf sein tägliches „Guten Morgen“ – doch die Nachricht kommt nicht. „Um 8 Uhr hat das Krankenhaus angerufen und gesagt: Ihr Mann ist gestorben“, erzählt Bernhardt. Wie lebt es sich weiter, wenn die große Liebe stirbt? So plötzlich, dass sich das Gehirn weigert, das Unbegreifliche zuzulassen.

Arzt stellt zunächst nichts fest

Sabine Bernhardt heißt eigentlich anders. Aber für diesen Artikel beschreibt sie, wie sich ihr Umfeld nach dem Tod ihres Mannes neu sortiert hat. Sie erzählt von überforderten Bekannten, die es plötzlich eilig hatten, und neugierigen Nachbarn, die nur an den pikanten Details interessiert waren. Aber auch von Menschen, die für sie da waren – und dass das nicht unbedingt ihre engsten Freunde waren. Um frei sprechen zu können, hat sie einen anonymisierten Namen bekommen.

Ende September 2024 macht sie mit ihrem Mann einen Kurzurlaub am Bodensee mit den Fahrrädern. Ihr Mann ist seit wenigen Wochen schnell erschöpft. Er und seine Frau vermuten, es liege am Stress auf der Arbeit. Seine Stelle steht auf dem Spiel. „Sonst ist er mir immer davongefahren, und da konnte er plötzlich nicht mehr“, beschreibt Sabine Bernhardt die Situation. Als er schließlich zum Arzt geht, wird dort erst nichts festgestellt – bevor dann alles ganz schnell geht.

Die Diagnose: Krebs. Sein ganzer Körper ist mit Metastasen befallen. Zwischen dem Arztbesuch und seinem Krankenhausbesuch liegen dreieinhalb Wochen. Zwischen dem Arztbesuch und seinem Tod vier Wochen. In der Zwischenzeit verschlechtert sich sein Zustand rapide. Wenn er in den Keller geht, kommt er kaum mehr die Treppe hoch. Er ist 51 Jahre alt, die Vorstellung, dass er die Krankheit nicht überleben könnte, wirkt für die Familie völlig absurd.

Umfeld zeigt sich von Todesnachricht überfordert

Die Tage nach seinem Tod seien verschwommen, sagt Sabine Bernhardt – sie läuft unter Autopilot. Angehörigen und Bekannten Bescheid geben, Versicherungen informieren, Bestattung organisieren: „Ich war froh, dass ich etwas zu tun hatte“, sagt sie heute.

In ihrem Umfeld stößt sie auf ganz unterschiedliche Reaktionen. Da gibt es die Freundin, die sie fragt, ob sie spazieren gehen will. Und die Kindheitsfreundin, die sich gar nicht mehr meldet. Die Cousine, die sich erkundigt, ob sie vorbeikommen darf, und die Bekannte, die andeutet, dass man früher zum Arzt hätte gehen sollen. „Viele haben sich nicht getraut, mich zu besuchen“, sagt Bernhardt. „Oder waren sich gar nicht sicher, ob sie überhaupt nachfragen dürfen, wie es mir geht.“ Tatsächlich habe sie aber ein großes Bedürfnis gehabt, darüber zu sprechen. „Mein engster Gesprächspartner war ja nicht mehr da.“

„Der größte Fehler ist, sich gar nicht zu melden“

Hannah Raichle ist Trauerbegleiterin bei der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg. Sie weiß, dass Menschen ganz unterschiedlich trauern und verarbeiten. Während manche viel über ihren Verlust sprechen würden, könnten sich andere nur sehr dosiert mit dem Tod konfrontieren. „Wovon aber alle berichten, ist die Überforderung des Umfeldes“, sagt sie. Die Trauer so stehen zu lassen, ohne ein Aber zu finden – aber du hast ja noch deine Tochter, aber er hat nicht gelitten – falle vielen schwer.

„Der größte Fehler ist, sich gar nicht zu melden“, sagt Sabine Bernhardt. Viele hätten ihr geschrieben, sie solle sich melden, wenn sie etwas brauche. Doch an Tagen, an denen die Trauer die Frau aus dem Kreis Ludwigsburg wie ein Backstein am Fuß herunterzieht, fehlt dafür die Kraft. Sie sei immer dankbar um möglichst konkrete Angebote – oder ein ehrliches „Wie geht es dir?“ gewesen.

Ein Jahr nach dem Tod: „Die Tragweite verstehe ich erst jetzt“

Etwas mehr als ein Jahr ist seit dem Tod ihres Mannes vergangen. Während in ihrem Umfeld viele glauben, das Kapitel Trauer sei abgeschlossen, fängt sie erst jetzt an, die Tragweite wirklich zu begreifen. „Wir konnten uns nicht verabschieden“, sagt Bernhardt. „Was hätte ich ihm noch gesagt? Ich denke da auch an Kleinigkeiten, wegen derer ich ihn angefahren habe – und mich nun nicht mehr entschuldigen kann.“ Häufig werde einem geraten, einen Brief an den Verstorbenen zu schreiben, „aber ich will ja seine Reaktion darauf haben“, sagt sie.

Ihr Mann steckt in dem Strand am Bodensee, in dem kleinen Café, in dem sie gemeinsam waren. Seine Modelleisenbahn, die er mit seiner Tochter über die Jahre erweitert hat und die noch genau so da steht, erinnert an ihn, seine Hemden im Schrank, sein Name in der gemeinsamen Mail-Adresse. „Die Orte zu meiden, würde nichts bringen“, sagt sie. „Man kann den Erinnerungen nicht entfliehen.“

Trauerspaziergänge

Startpunkt
Die Ökumenische Hospizinitiative bietet ein Mal im Monat Trauerspaziergänge ab dem Haus Edith Stein in Hoheneck an. Nach einer kurzen Vorstellung ist die Gruppe rund zwei Stunden unterwegs.

Anmeldung
Die Hospizinitiaitve freut sich über Anmeldungen unter 07141/9924 3-474 oder hannah.raichle@hospiz-ludwigsburg.de.

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