Vor 19 Jahren macht sich die Kommunikations- und Grafikdesignerin mit ihrer Werbeagentur Jane Fox selbstständig. Ihr Angebot wird vor allem von mittelständischen Unternehmen geschätzt. Zug um Zug kann sie ein Team aufbauen. „Ich hatte bis zu zwölf Mitarbeiterinnen – dass es alles Frauen waren, hat sich einfach so ergeben“, erzählt Pretsch. Doch die Rolle der Unternehmerin ist nicht das, was sie sich fürs eigene Leben vorstellt. „Ich konnte meine Kreativität nicht mehr ausleben, sondern war nur damit beschäftigt, attraktive Aufträge an Land zu ziehen. Die Branche ist nicht einfach. Da kann ein Traum schnell zum Albtraum werden, denn der Druck und die Verantwortung, die man für seine Leute hat, sind groß.“
Ausstellung in Las Vegas
2013 macht Pretsch einen Cut. Sie sorgt dafür, dass die Teammitglieder in anderen Agenturen unterkommen und arbeitet wieder als Freelancerin. Sie findet zurück zur Kunst und schreibt Kurzgeschichten. Eine Entscheidung, die ihr Leben gerettet hat, sagt sie im Rückblick.
2016 macht die Designerin nebenbei noch eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin in Leipzig und lebt ihre Kreativität auf eine neue Weise aus. Es entsteht eine siebenteiligen Bilderreihe, der sie den Namen „Die sieben Todsünden“ gibt. „Mir war klar, dass die entweder in eine Kirche gehören oder nach Las Vegas“, erzählt Sucy Pretsch und lacht. Bei der Recherche im Netz stößt sie auf eine Deutsche, die in der Glitzerwelt der amerikanischen Casinohochburg eine Galerie leitet. 2019 stellt die Ludwigsburgerin ihre Acrylbilder in deren Galerie in Vegas aus und reist für die Vernissage über den Großen Teich.
Daheim im Ländle will sich Sucy Pretsch zusammen mit ihrem Partner, einem Eventmanager, beruflich auf das Organisieren und Begleiten von Events von Unternehmen fokussieren. Doch dann kommt Corona und macht die Pläne des Paars zunichte. „Alles, was wir uns vorgenommen hatten, war im Grunde ein Rohrkrepierer.“
Seit März 2020 ist die 46-Jährige ohne Einkommen und lebt von Rücklagen. Klagen oder Jammern ist aber nicht ihr Ding. „Im ersten Lockdown habe ich erst einmal die Bude geputzt, den Garten gemacht und begonnen, einen Krimi zu schreiben, der in Ludwigsburg spielt.“
Interessante Begegnungen im Impfzentrum
Im vergangenen Dezember springt ihr eine Anzeige in der Stuttgarter Zeitung ins Gesicht. Für das Impfzentrum im Robert-Bosch-Krankenhaus werden Mitarbeiter gesucht. Sucy Pretsch überlegt nicht lange und bewirbt sich. Seit Januar arbeitet die 46-Jährige in der dortigen Registratur. In Vollzeit. Immer von 6 bis 14.30 Uhr. „Meine Aufgabe ist es, die Daten der Menschen aufzunehmen, die zum Impfen kommen und sie zu informieren. Die Arbeit ist in meiner Situation nicht nur ein Segen, weil sie mit 17 Euro gut bezahlt wird, sondern wegen des Kontakts zu anderen Menschen.“ Zu den „Impflingen“ ebenso wie zu den knapp 100 Kollegen.
Doch Sucy Pretsch wäre nicht Sucy Pretsch, wenn sie nicht noch einmal eine Schippe drauflegen würde. Vor acht Wochen beginnt die Ludwigsburgerin, einen Impfkrimi zu schreiben. Der Titel „Der Tod ist näher als du denkst“ knüpft an ihr tägliches Tun an. „In meiner Arbeit im Krankenhaus steckt so viel Menschliches, so viele Emotionen auch so viel Ironie – ich konnte einfach nicht anders“, erzählt sie und grinst. Da wäre zum Beispiel die Begegnung mit einem „Impfling“, der sich ihr mit den Worten „Sie haben einen Helden vor sich sitzen“ vorstellte. Wie sich im Gespräch herausstellte, war er Mitglied der GSG 9, einer Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, die im Oktober 1977 die entführte Lufthansa-Maschine in Mogadischu stürmte und die Geiseln befreite. Auch die Daten einer ehrwürdigen Baronin nahm Pretsch schon auf.
Der Krimi wird jede Woche fortgesetzt
Veröffentlicht wird der Krimi, der als wöchentliche Fortsetzungsgeschichte angelegt ist, auf ihrem Blog. „Wenn ich es schaffe, dort eine Community aufzubauen, soll das dann die Basis für den anderen Krimi sein, der sich um einen Mord in Ludwigsburg dreht und für den ich noch einen Verlag suche“, erklärt Pretsch. Als die 46-Jährige den Vertrag für die Arbeit im Impfzentrum im Januar unterschrieb, verpflichtete sie sich, eine Geheimhaltungsklausel zu unterzeichnen. „Trotzdem fließt natürlich das ein oder andere – in Absprache mit meinem Chef ein.“ Und auch die engsten Kollegen wissen Bescheid – und haben den ersten Teil schon einmal zum Lesen bekommen.