Lügen-Debatte um VfB-Sportchef Michael Reschke Wie viel Wahrheit verträgt der Fußball?

Von Gregor Preiß 

Michael Reschke hat rund um den Rauswurf von Tayfun Korkut gelogen. Damit ist der Sportvorstand des VfB Stuttgart in der Bundesliga keine Ausnahme. Die Kritik von prominenten Experten und Manager-Kollegen ist dennoch einhellig, auch ein ehemaliger VfB-Trainer spricht Klartext.

Im Kreuzfeuer der Kritik: Michael Reschke Foto: dpa
Im Kreuzfeuer der Kritik: Michael Reschke Foto: dpa

Stuttgart - Die Wahrheit übers Lügen ist grausam. 15-mal pro Tag nimmt es der gemeine Deutsche mit der Wahrheit nicht so genau. Meist aus Angst, Egoismus oder (falsch verstandenem) Anstand. Oft geht es schon früh am Tag damit los. Zum Beispiel beim „Guten Morgen“.

Das nur als kleiner Prolog zur aktuellen Debatte im deutschen Fußball, die um ein großes Thema kreist: Lügen. Der VfB-Sportvorstand Michael Reschke hat sie ausgelöst mit seinem Statement über Tayfun Korkut („Es gibt keine Trainerdiskussion“). Und bekommt nun die volle Breitseite ab. Wenig überraschend vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer, aber auch von vielen Fans. Und aus der Branche.

Als „respektlos“ kritisierte jetzt Ottmar Hitzfeld das Vorgehen Reschkes, der Korkut wenige Stunden nach seiner Treuebekundung entließ. So etwas habe er in seiner langen Trainerkarriere noch nicht erlebt, ergänzte der 69-Jährige. Auch Max Eberl, Manager von Borussia Mönchengladbach, fand in der „Bild“ klare Worte in Richtung seines Kollegen: „Ich halte nichts davon, dem Gegenüber dreist ins Gesicht zu lügen“. Selbst Hannes Wolf äußerte seine Meinung: „Klar gibt es da Zwänge. Ich sage auch nicht öffentlich, wenn ein Spieler schlecht war“, sagte der von Reschke im Januar entlassene VfB-Trainer bei „Kicker TV“. Im konkreten Fall sei es aber schon „krass“ gewesen, da die Lüge so offensichtlich war. Wolfs Rat an den Ex-Chef: „Das Beste wäre gewesen, nichts zu sagen.“

Nichtssagendes sagen, das wäre eine Möglichkeit gewesen

Einspruch, entgegnen Berichterstatter. Nichts sagen ist auch keine Lösung und schützt vor Nachfragen nicht. Nichtssagendes sagen, das wäre eine Möglichkeit gewesen. Die deutsche Sprache ermöglicht da ja so einiges. In diesem Fall als Alternative zur „Wahrheitsbeugung“, von der Reschke spricht. Der Sportvorstand hätte sich nach der Niederlage in Hannover also hinstellen und Dinge sagen können wie: „Stand jetzt wird Tayfun Korkut auch beim nächsten Spiel auf der Bank sitzen.“ Das wäre das branchenübliche Flunkern gewesen. Geglaubt hätte ihm vermutlich trotzdem niemand, das Ergebnis wäre am Ende dasselbe gewesen. Mit dem Unterschied, dass eine über Nacht aufgekommene Trainerdebatte Reschke und dem VfB weniger geschadet hätte als eine Lügendebatte.

„Reschke hat sich nicht professionell verhalten“, findet der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim. Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen einzugestehen, dass die Situation schwierig ist. Dass sich etwas ändern muss – und dass dabei auch über den Trainer nachgedacht wird. Also das auszusprechen, was angesichts der sportlich misslichen Lage offenkundig war. Dass Korkut auf der Kippe steht. Und der Ausgang der nächtlichen Besprechung mit dem Clubvorstand offen ist.

Grundsätzlich gilt laut Brettschneider in der Krisenkommunikation: Nichts versprechen, was man nicht halten kann. Bricht man das Versprechen, schadet das der eigenen Reputation. Und: nicht lügen! Lügen holen dich irgendwann ein. Vor allem wenn – wie im Fall Reschke – die Wahrheit nicht zum ersten Mal kreativ ausgelegt wurde. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Es droht der Verlust an Glaubwürdigkeit. In der öffentlichen Wahrnehmung – aber auch im inneren Zirkel bei Mannschaft, Beratern, Mitarbeitern.

Gehört Lügen zum Geschäft?

Dass die Bundesliga oft ein verlogenes Geschäft mit vielen Taschenspielertricks ist, dürfte wohl die wenigsten überraschen. Beispiele gibt es zur Genüge. Man denke an den des Kokain-Konsums überführten Christoph Daum („Ich habe ein reines Gewissen“) oder an Andreas Möller, der einst via Stadionmikrofon seine Treue zum BVB schwor, ehe er nach Frankfurt wechselte. Oder Nationaltorhüter Andreas Köpke, der sich bereits im Trikot des VfB ablichten ließ. Bis der FC Barcelona dazwischen funkte. Was zu der Frage führt: Wieviel Wahrheit verträgt der Fußball?

Aus Sicht der Verantwortlichen offenbar nicht viel. Womit wir zu den eingangs erwähnten, im emotional aufgeladenen Business noch verstärkten Motiven Angst, Egoismus und falsch verstandener Anstand zurückkommen. „Zum Wohle des Vereins“, hat Reschke sein Handeln begründet. Weil er Korkut zum Abschuss freigegeben hätte, wären die Clubbosse zu der Entscheidung gelangt, doch mit dem Trainer weiterzumachen. Das ist Reschkes VfB-Wahrheit. Was wiederum gut zu einer Branche passt, in der jeder glaubt die Wahrheit für sich gepachtet zu haben – man denke nur an strittige Elfmeterentscheidungen!

Aus Sicht von Kommunikationsexperten hat Reschke dennoch ein Eigentor geschossen. Weil er seine Lüge offen zugab, keine Reue zeigte („gehört zum Geschäft dazu“) und nicht verhehlte, in einem ähnlichen Fall erneut so zu handeln. Damit wäre eine neue Dimension erreicht.

Was zum Schluss zu der Frage führt: Wie viel Lüge verträgt der Fußball? Sagen wir es so: Die Bundesliga muss auf der Hut sein, dass sich die Fans angesichts mancher Zumutungen (Fernsehrechte, Ansetzungen, Eintrittspreise) nicht irgendwann in größerer Stückzahl abwenden. Förderlich ist die aktuelle Debatte vor diesem Hintergrund sicherlich nicht.